Was Palliativmediziner für Sterbende tun können

Da sein, wenn’s zu Ende geht

Seit 2013 versorgt das Palliativteam Hochtaunus unheilbar Kranke oder Sterbende in häuslicher Umgebung. Dr. Robert Gaertner ist einer der beiden Geschäftsführer und betreut als Palliativmediziner selbst Patienten. Er ist einer der Experten beim 77. Medizinischen Bürgerdialog, der sich am Montag mit der „Palliativen und hospizlichen Versorgung im Hochtaunuskreis“ beschäftigt. TZ-Mitarbeiterin Gabriele Calvo Henning hat ihn vorab zum Interview getroffen.

Es gibt stationäre und ambulante Hospizdienste, Pflegedienste und Kliniken mit eigener Palliativstation. Wo sehen Sie sich mit Ihrem Palliativteam?

DR. ROBERT GAERTNER: Unser Team für die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) versorgt Patienten zusammen mit allen anderen Akteuren, die unsere Partner sind. Dank der entsprechenden Gesetzgebung, die in Hessen ein Palliativteam pro 250 000 Einwohner vorsieht, sind wir 2013 angetreten, um eine Lücke im Hochtaunuskreis zu schließen: Wenn ein schwerstkranker Patient trotz starker Symptome den Wunsch hat, zu Hause zu bleiben, können wir das ermöglichen, weil wir eine ambulante palliative Versorgung 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr garantieren. Kurz gesagt, wir schließen die Lücke zwischen Hausarzt, Pflegedienst oder Hospizdiensten und einem Aufenthalt in einer Klinik oder Palliativstation.

Was können Sie für Ihre Patienten tun?

GAERTNER: Wir lindern Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Erbrechen oder Krampfanfälle bestmöglich und fangen Angst und Verzweiflung auf, um so eine Akzeptanz des Schicksals zu ermöglichen. Das tun wir als unabhängiges Unternehmen zu Hause, aber auch in Pflegeheimen oder Hospizen, wenn wir angefordert werden. Zu unserem Team gehören Palliativmediziner, Palliativ-Care-Fachkräfte, Seelsorger, Heilpraktiker und zwei Psychoonkologinnen. Die Kosten werden übrigens von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Bei den privaten Kassen ist das ähnlich, es sollte aber vorher nachgefragt werden.

Kümmern Sie sich ausschließlich um Kranke mit schwersten Symptomen?

GAERTNER: Wenn gewünscht, setzen wir auch früher an, wenn die Menschen noch relativ wenige Symptome oder eine stabile Phase, aber bereits ihre schwere Diagnose haben. SAPV kann auch nur beraten: Was ist im Moment nötig, wie wird es in der Zukunft aussehen und welche Möglichkeiten hat der Patient, um möglichst lange im häuslichen Umfeld zu bleiben? Das kann aber auch bedeuten, dass wir schließlich doch zu einem Platz in einem Hospiz raten, wenn zu Hause die ständige Symptomkontrolle durch Angehörige oder andere Helfer in Zusammenarbeit mit uns nicht mehr zu leisten ist.

Sie versorgen maximal 30 Patienten auf einmal, die Sie ein bis zwei Mal pro Woche, wenn nötig, mehrfach am Tag besuchen. Was bedeutet palliative Versorgung über das rein Medizinische hinaus?

GAERTNER: Der Patient steht absolut mit Mittelpunkt. Nicht wir bestimmen, was zu tun ist, der Patient entscheidet selbst, welche Maßnahmen er wünscht. Daneben ist die seelsorgerische oder spirituelle Begleitung für uns ganz wichtig. Die Begegnung, das Gespräch auf Augenhöhe, zuhören, einfach da sein macht einen großen Teil unserer Arbeit aus. Natürlich gehören auch das Gespräch mit den Angehörigen und deren Unterstützung wesentlich dazu.

Das palliative und hospizliche Netz im Hochtaunus ist offenbar gut aufgestellt. Was würden Sie sich dennoch an Verbesserungen wünschen?

GAERTNER: Um zwischen Hausarzt, den Hospiz- und Pflegediensten und der ambulanten und klinischen Palliativversorgung noch besser vernetzt zu sein, würde ich mir eine digitale Möglichkeit für den Informationsaustausch wünschen. Das kann in Form einer App geschehen, mit der der Patient daten- und passwortgeschützt seine Daten für seine Betreuer und Helfer freischaltet. Viele Palliativdienste nutzen solche Programme bereits, auch wir haben intern eine solche App auf unseren Smartphones. Dadurch sind nicht nur die Helfer auf dem neuesten Stand, auch der Patient hat den vollen Zugriff auf und volle Kontrolle über seine Daten.

Veranstaltet wird der Medizinische Bürgerdialog vom Forum Gesundheit – einer Initiative der Hochtaunus-Kliniken und der Kur- und Kongreß-GmbH. Unterstützt wird das Forum von den Unternehmen Meda Pharma und Rosenkranz Scherer sowie der Taunus Zeitung, organisiert von „medandmore“.

Der 77. Medizinische Bürgerdialog zum Thema „Palliative und hospizliche Versorgung im Hochtaunuskreis“ findet mit Vorträgen und Diskussionsrunde am 22. Februar von 19.30 Uhr an im Kurhaus statt. Bereits ab 18.30 Uhr gibt es Informationsmöglichkeiten im Foyer. Der Eintritt ist frei.

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