Windkraftanlagen

Auf der Spitze von Weilrods „WEA 4“

Auch beim dritten Lesen, sticht das Wort nicht ins Auge. „Höhenangst“ fehlt bei den Kriterien, die es verbieten, sich auf das Windrad von Abo-Wind nordwestlich von Riedelbach zu begeben.

Auch beim dritten Lesen, sticht das Wort nicht ins Auge. „Höhenangst“ fehlt bei den Kriterien, die es verbieten, sich auf das Windrad von Abo-Wind nordwestlich von Riedelbach zu begeben. Während ich vor der „WEA 4“ vom Typ Nordex N117/2400 stehe und den Haftungsausschluss unterschreibe, denke ich zehn Jahre zurück, an einen meiner ersten Termine für diese Zeitung. Im Kletterwald Seulberg war schon der Anfänger-Kurs (zugelassen für Kinder ab acht Jahren) bis zu sechs Meter über dem Boden eine Herausforderung. Wäre der Fotograf nicht gewesen, ich hätte mich am liebsten an den nächsten Baum geklammert . . . Diesmal geht es 140 Meter hoch. Klar, freue ich mich wie ein Keks. Aber das mulmige Gefühl im Bauch bleibt.

Immerhin gibt’s diesmal einen Aufzug. Dass der kaum die Maße einer Telefonzelle hat, an zwei Stahlseilen hängt (die mögen eine Tonne Gewicht halten, sehen aber trotzdem zu dünn aus) und nicht ganz bis nach oben fährt, weiß ich da noch nicht. Als ich es erfahre, ist es zu spät. Egal; lächeln und den Ansagen der Servicetechniker lauschen. Keine Knöpfe drücken (geht klar!), immer mit den Karabinern an den vorgesehenen Ösen sichern (ich bin ja nicht lebensmüde) und nichts fallenlassen (ich versuche es . . .). Sollte ich auch, wie ich später ausrechne. Physikalisch übersetzt bedeutet „Ich habe schon gesehen, wie der Boden Werkzeug einfach verschluckt hat. . .“, dass ein Gegenstand der in 140 Meter Höhe losgelassen wird, unten nach 5,3 Sekunden freiem Fall mit 188,5 Kilometer pro Stunde einschlägt.

Ich warte, dass sich das sich das schwere Sicherheitsgeschirr eng an den Körper presst und mir die Luft zum Atmen nimmt. Ein letzter Check, den Helm auf und durch die Tür in Richtung Aufzug.

„Da kann nix passieren.“ Das sage nicht nur ich mir immer wieder. Ich bekomme es auch immer wieder zu hören. Rund zehn Minuten dauert die Fahrt. Auf rund 100 Metern geht der Betonsockel des Turm in den Stahlaufbau über. Auch wenn ich mir vorgenommen habe, Fragen zur Haltbarkeit (20 Jahre, bei einem positiven Gutachten zum Weiterbetrieb noch ein paar Jahre länger) oder zur Materialermüdung (alles wird engmaschig kontrolliert, zwei große Wartungen im Jahr sind Pflicht) erst auf dem Weg nach unten zu stellen, kommen sie mir jetzt schon über die Lippen.

Juriy Henke, der sich mit mir den Mini-Aufzug teilt, ist erst seit zwei Monaten in der Windrad-Branche. Vorher war er Physiotherapeut. Noch gibt es den „Windrad-Servicetechniker“ nicht als eigenständigen Beruf, über seine Einführung wird derzeit diskutiert. „Die meisten sind Quereinsteiger“, erklärt mir der zweite Techniker auf dem Windrad, Stefan Bär, später. Der gelernte KFZ-Mechaniker arbeitet seit zehn Jahren in der Branche. „Ich habe den Motorradmechanikermeister gemacht und in einem Motorrad-Laden gearbeitet. Mein damaliger Chef war auch in der Windkraft aktiv. Und die ist anders als Motorradfahren, keine saisonale Sache. Da hat er mich gefragt, ob ich mitmachen will.“

Wir sind aus dem Aufzug draußen. Nun geht’s eine vier Meter hohe Leiter nach oben – natürlich voll gesichert. Dann nur noch kurz auf das Geländer klettern, auf diesem eine leichte Rechtsdrehung zur Leiter machen, um von deren Spitze aus erneut, diesmal allerdings in gebückter Haltung, eine 120-Grad-Drehung zu vollführen und den rechten Fuß irgendwie in die Trittflächen zu bekommen, die in dem Maschinenteil ausgespart wurden. Den Rest des Körpers nachziehen und alles nach oben bringen . . . Alles verstanden? Ich auch nicht. Irgendwie wird es schon gehen.

Kleine Randnotiz: Während es überall in und an der Anlage gelbe Ösen gibt, in die die Sicherheitskarabiner eingehakt werden, fehlen sie auf diesem Abschnitt – er ist schlicht zu eng.

Für einen unsportlichen Menschen ist dieser Abschnitt eine Herausforderung – für einen unsportlichen Menschen mit Kameratasche ein Ding der Unmöglichkeit. Also zurück, die Tasche ablegen. Dumm, dass bei dem Haltegriff auch ein kleiner roter Druckknopf montiert ist. Einer von denen, die man besser nicht berühren sollte. Einer, der mir erst auffällt, als ich einen Widerstand am Unterarm spüre . . .

Nun weiß ich, wie es sich anhört, wenn ein 2,4-Megawatt-Windkraftwerk eine Notabschaltung einleitet. Das monotone Hintergrundbrummen wird schnell tiefer und verstummt schließlich. Stille, ein kurzes „’Tschuldigung . . .“ gefolgt von einem „wer bringt denn einen Knopf auch ausgerechnet an der blöden Stelle an . . .“

Meine Begleiter nehmen es mit Humor. Immerhin bleibt das Licht an. „Wäre der Rotor noch gelaufen, hätten wir jetzt allerdings ein starkes Schwanken spüren können“, meint Bär. Es hat seine Berechtigung, dass die Windräder bei „Besuch“ in den Standby-Modus versetzt werden müssen. Bei einer Notabschaltung im Vollbetrieb oder bei Orkan kann die Gondel vier bis fünf Meter zur Seite pendeln. „Da kann man seekrank werden.“

Zum Glück sind es aktuell nur drei Meter pro Sekunde – ein Wert, bei dem die Rotoren langsam anlaufen würden, um Strom zu produzieren. Stand halten die Windkraftanlagen Geschwindigkeiten von über 50 Meter pro Sekunde, also rund 190 Kilometer pro Stunde. Allerdings werden die Rotoren schon ab 25 Meter pro Sekunde (Windstärke 10) quer zum Wind gestellt, um Schäden zu vermeiden.

Mechanisch festgestellt wird der Rotor nur bei Außenarbeiten. Ansonsten können die fast 45 Meter langen Flügel im Wind leicht trudeln. Das verringert Belastungen.

Mein Fauxpas hat keine ernsten Konsequenzen. Allerdings muss sich nun die Zentrale in Rostock der Sache annehmen. Der Rest des Aufstiegs läuft fehlerfrei. Als ich in der Gondel stehe, deutet kaum etwas darauf hin, dass wir uns knapp über der Nabe in 141 Meter Höhe befinden. Der Raum wirkt wie eine Garage – eine, in der ein verdammt großer Schiffsmotor lagert. Ein rotes Licht schimmert an der Seitenwand. „Das ist die Sonne, die durch die Außenhaut dringt“, sagt Bär. Die sei zwar nur wenige Millimeter dick, halte aber trotzdem viel aus. Ich glaube ihm, lehne mich aber trotzdem nicht dagegen.

Hadek und Bär erklären mir den Generator. 9,2 Tonnen wiegt er, 420 Liter Öl fürs Getriebe braucht er. Auch die Zahlen zum Kühlsystem sind beeindruckend. 100 Liter fließen pro Minute mit maximal 6 bar durch den Kreislauf.

Und wenn mal was kaputt geht? „Für alles unter 1000 Kilogramm haben wir den Bordkran“, sagt Bär und öffnet eine Klappe an der Rückwand. Durch das Gitter im Boden kann ich die Autos unter uns sehen. Wenn der Generator kaputt geht, muss ein Kran ran. Aber das komme selten vor. Lediglich das Getriebe ist darauf ausgelegt, dass es nach zehn Jahren getauscht wird. Hochsensible Schwingungssensoren messen, ob sich ein Maschinenschaden ankündigt.

So faszinierend die Technik ist: Der Blick durch die Dachluke ist besser und lässt mich den letzten Rest Höhenangst vergessen. Cratzenbach ist schnell identifiziert, auch der neue Windpark Kuhbett dient als Orientierung. Bis zum Windpark Laubuseschbach reicht die Sicht. Auf der andren Seite taucht der Feldbergturm aus den Wolken auf, der Pferdskopf ist von hier aus ebenfalls gut zu erkennen.

Wesentlich näher liegen die Messinstrumente auf dem Gondeldach, die Windrichtung und Windstärke messen. „Alles wird mit zwei Methoden unabhängig voneinander gemessen“, erklärt Bär. Das hat seinen Grund. „Es ist schon vorgekommen, dass ein Stück Absperrband das Anemometern, den Windmesser, blockiert hat. Wäre das das einzige Messgerät, würde die Technik davon ausgehen, dass es windstill ist.“ So misst ein Ultrasonic mittels Ultraschall den Partikelstrom in der Luft und steuert quasi eine zweite Meinung bei. Die Partikeldichte ist auch für das „Gefahrenfeuer“, die roten Lichter am Windrad, wichtig, die Flugzeuge warnen sollen. „Je nachdem ob klare Sicht herrscht oder dichter Nebel, leuchten die Lampen heller.“ Bei einem Stromausfall halten Akkus das Gefahrenfeuer mindestens 12 Stunden am Brennen. Die Batterien füllen einen kleinen Schrank im Inneren – die Sicherungen, Instrumentensteuerungen, etc. haben zwei große Schränke für sich.

Ganz raus darf ich trotz der Karabiner nicht. Bär hingegen bewegt sich ganz selbstverständlich auf dem Dach der Gondel. „Wenn es sonnig ist, verbringen wir hier auch mal unsere Mittagspause“, verrät er. Verständlich. Immerhin herrscht hier oben absolute Stille.

Es geht zurück, auf dem Weg nach unten bleibt Zeit für Small-Talk. Ob er für die Aufzugfahrten Musik auf dem Handy hat? Bär lacht. „Nein, Tetris – eine Fahrt dauert genau ein Spiel.“ Zumindest wenn der Aufzug funktioniert. Denn: „Es gab eine Phase, in der eine Kleinigkeit nicht auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft wurde – da mussten wir die Leiter nehmen.“ „Bestimmt dumm, wenn man unten feststellt, dass man oben was vergessen hat . . .“ Bär schau mich an. „Mist, das Licht; wir müssen noch einmal hoch.“ Ich färbe ab.

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