Steinbacher Markt

50 Rinder messen sich in Euter-Drüsigkeit und Fleischmasse

Rund 50 Milchkühe und Fleischrinder waren gestern auf dem Steinbacher Markt zu bestaunen. Seit 250 Jahren findet dieses Spektakel statt, bei dem sich Bauern aus der Region mit ihren Tieren präsentieren. Die Kriterien für die Preisrichter sind klar.

Das Topmodell des Tages heißt Resi, hat „noch immer tolle Beine“, ein „prächtiges Fundament“ und bewege sich mit geradezu jugendlicher Leichtigkeit, sagt Heinrich Schulte, der sich damit auskennt. Schulte arbeitet bei der Landwirtschaftskammer Koblenz und ist Preisrichter für sämtliche Milchkühe und Fleischrinder, die auf dem Steinbacher Markt präsentiert werden. Auch Resi von Bauersfamilie Schermuly aus Niederbrechen betrachtet er mit großem Interesse. Denn die Milchkuh hat bereits neun Kalbungen hinter sich und kann eine bisherige Lebensleistung von 100 000 Litern Milch vorweisen.

Unter Landwirten gilt das als einigermaßen sensationell. Das wird prämiert. Dafür wird dem Tier ein lindgrünes Schleifenband um den Hals gelegt, Bauer Schermuly bekommt einen Handschlag und eine Urkunde von Heinz-Josef Kremper, dem Geschäftsführer der Rinderzüchtervereinigung Lahn, und Vieh-Fachmann Heinrich Schulte gratuliert ebenfalls.

Tatsächlich seien alle Tiere auf dem Steinbacher Markt auszeichnungswürdig, sagt Agraringenieurin Andrea Hesse von der Limburger Adolf-Reichwein-Schule. Sie ist mit ein paar Dutzend Schülern in den Hadamarer Stadtteil gekommen, um die Tierbeurteilung gewissermaßen am lebenden Objekt vorzunehmen. Die Rippenausprägung wird bewertet, Beckenneigung und -breite, Hinterbeinwinkelung, Sprunggelenke und Bewegungsablauf, die zum „Merkmalskomplex Fundament“ gehören. Und natürlich das Euter des Tieres: Höhe, Tiefe, Struktur, die Preisrichter Heinrich Schulte später noch sehr viel ausführlicher würdigen wird.

Zunächst jedoch lässt Andrea Hesse ihre angehenden Landwirte um die Tiere herumschwirren und Daten für ihre Beurteilungsbögen sammeln, für den

Rindvieh-Body-Maß-Index

. Ein Paradebeispiel gelungener Körperproportionen etwa ist eine Kuh namens History von Norbert Breithecker aus Ellar. Körperbau, Beine, Fundament stimmen. Auch der Charakter des Tieres scheint gutmütig zu sein. Das glänzend schwarze Tier dreht sich ein wenig und nickt in die Runde. Selbstverständlich ist das nicht. Ein paar andere Rinder geben sich ein wenig bockig in der Arena.

Zenzi aus Süddeutschland etwa tänzelt eine Spur zu aufsässig auf der Wiese. History nicht. Und Dixie, die von der neunjährigen Lena Laux aus Villmar herumgeführt wird, auch nicht. Die Kuh ist ebenfalls durchaus präsentabel. Lena Laux, die hinter dem Tier kaum zu erkennen ist, ist stolz. Ist ihr das massige Tier nicht ein wenig unheimlich? Keineswegs. „Damit bin ich groß geworden“, sagt sie selbstbewusst und schiebt die Kuh in Position. Und außerdem – von Masse könne man bei Milchvieh ohnehin nicht sprechen, sagt Lenas Großvater Richard Laux, Vorsitzender der Rinderzüchtervereinigung. Milchkühe müssen knochig aussehen. Schließlich sollen sie Milch geben und kein Fleisch ansetzen. Das wäre fehlgeleitete Energie, berichtet auch die hessische Milchkönigin Laura Burger aus Trebur. Sie ist zum ersten Mal auf dem Steinbacher Markt. „Wunderbar, dass so viele junge Menschen da sind“, sagt sie und wendet sich dem Milchvieh zu.

Wirklich üppig an den Milchkühen ist allein deren Euter, die bestenfalls „super-drüsig“ sein sollen, wie Heinrich Schulte sagt. „Dann macht das Melken Spaß.“ Wichtig sei auch, dass das Euter „gut geädert“ ist, eine ausgeprägte Textur besitzt, formuliert der Fachmann. Immerhin werden bei der Produktion von einem Liter Milch 500 Liter Blut durchs Euter gepumpt, erklärt Argraringenieurin Hesse. Ob und wie tief das Organ also hängt, ist entscheidend für Menge und Qualität der Milch. Und Schulte ergänzt: Ein gut ausgeprägtes Euter zeige Leistungsbereitschaft.

Die haben freilich auch die Fleischrinder. Zum Beispiel der Schwarze Pinzgauer von Jörg Jelitte aus Montabaur; rund 15 Tiere hat er im Stall stehen. In dem kleinen Schaustellergatter in Steinbach stehen neben seinen Tieren Limousin-Rinder, Piemonteser, ein paar Blonde d’Aquitaines und Galloways. Allesamt kräftige Rinder, 650 bis 1400 Kilogramm schwer. Dazwischen stehen ein paar Kälbchen. Auch sie haben ihren großen Auftritt beim 250. Steinbacher Markt auf der Wiese neben dem Kirmesgelände. Sie werden von Jugendlichen und Kindern präsentiert. Beispielsweise von Johannes, einem der jüngsten Nachwuchsbauern. Energisch führt er sein Tier über einen kurzen Parcours. Das Kalb soll spüren, wer hier die Führungsrolle übernommen hat. Ob es zum Rindvieh-Topmodell reichen wird, ist noch nicht zu erkennen.

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