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Dr. Stefan Naas wurde in den Hessischen Landtag gewählt und scheidet somit als Steinbacher Bürgermeister aus dem Amt. Im TZ-Interview zieht er Bilanz.

Interview

Der scheidende Bürgermeister Dr. Stefan Naas (FDP) spricht über Bauliches, Soziales und Bewegendes

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Im Gespräch mit TZ-Redakteurin Stefanie Heil zieht der Mann, der in dieser Woche 45 Jahre alt wird, Bilanz seiner Amtszeit und verrät, welchen Tag er noch mal erleben möchte.

Herr Naas, wie fühlt es sich an, nach neun Jahren nicht mehr als Steinbacher Bürgermeister im Dienst zu sein?

DR. STEFAN NAAS: Formal bin ich ja bis 6. Dezember noch Bürgermeister. Aber ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge. Ein weinendes, weil mir der Abschied schwerfällt. Steinbach ist meine Heimat, und ich habe das gern gemacht. Man überlegt auch, was man alles vermissen wird. Aber ich habe auch ein lachendes Auge, weil ich mich auf die neue Aufgabe als Landtagsabgeordneter wirklich freue. Das ist spannend, das knüpft an das an, was ich früher schon mal gemacht habe.

Was werden Sie vermissen?

NAAS: Vermissen werde ich das Gespräch mit dem Bürger und die ehrlichen, direkten Rückmeldungen, positiv und negativ. Sie haben als Bürgermeister einen riesigen Einfluss. Sie können Dinge sofort umsetzen, und Sie bekommen sofort Rückmeldung. Das ist das Schöne an dem Beruf, dass man für alles zuständig ist und deswegen unglaubliche Gestaltungsmöglichkeit hat in der Stadt.

Und was wird Ihnen garantiert nicht fehlen?

NAAS: Die ein oder andere kritische Nachfrage im Magistrat oder wenn Sie eine Sache zum 25. Mal erklären – das brauche ich nicht.

Was unterscheidet den Stefan Naas, der jetzt nach Wiesbaden geht, von dem, der im November 2009 als Bürgermeister angetreten ist?

NAAS: Der ist neun Jahre älter, hat mehr Lebenserfahrung, mehr Erfahrung in Themen der kommunalen Verwaltung. Ansonsten ist es derselbe Mensch mit denselben politischen Ansichten. Ich bin und bleibe ein Liberaler, der Freiheit und Verantwortung liebt.

Sie gehen jetzt, obwohl Sie vom Bürger bis 2021 gewählt sind. Da waren Sie bei Ihrer Wiederwahl 2015 nicht ganz ehrlich . . .

NAAS: Das stimmt nicht. Ich habe kandidiert, weil ich das weitermachen wollte, weil mir Steinbach am Herzen liegt. Aber es gibt Situationen im Leben, in denen es eine einmalige Chance gibt. Das hat sich etwas überschnitten. Man wird es nie zeitlich ganz passend kriegen.

Auf welche Leistungen Ihrer Amtszeit sind Sie stolz?

NAAS: Ich glaube, wir haben gemeinsam vieles bewegen können. Die Stadt ist heute eine andere als vor zehn Jahren. Es gab wesentliche Entscheidungen wie die Sanierung der Bahnstraße/Eschborner Straße. Wir haben viele Gebäude modernisiert, darunter nach dem Brand auch das Bürgerhaus. Wir haben den Bauhof neu eingerichtet, das ehemalige Jugendhaus für Flüchtlinge und die ehemalige neuapostolische Kirche für Kita-Gruppen eingerichtet . . . Manche sagen, es sei in Steinbach kein Stein auf dem anderen geblieben. Besonders stolz bin ich, dass ich es persönlich geschafft habe, Steinbach in das Förderprogramm Soziale Stadt zu bringen. Das bringt der Stadt heute Millionen von Land und Bund. Jetzt will sich ja sogar die CDU mit der Sozialen Stadt schmücken. Die waren anfangs sehr kritisch, wollten nicht mal den Ausbau des Bürgerhauses.

In Ihrer Zeit hat sich Steinbach baulich stark entwickelt. Manche sagen aber auch, Soziales ist bei Ihnen zu kurz gekommen . . .

NAAS: Das sehe ich nicht so. Ganz im Gegenteil. Es gibt das alte Jugendhaus nicht mehr, aber dafür gibt es, wie ich finde, eine viel bessere Jugendarbeit im Rahmen der Sozialen Stadt. Wir haben auch nicht mehr die Sprechstunde des Sozialamts in der Seniorenwohnanlage. Aber dafür haben wir im Stadtteilbüro der Sozialen Stadt viel mehr Angebote für ganz Steinbach.

Welche Projekte hätten Sie gern noch abgeschlossen?

NAAS: Die Eröffnung der Rossmann-Drogerie hätte ich gern noch als Bürgermeister erlebt. Das wird nicht mehr klappen. Und ich hätte gern noch das neue Gewerbegebiet vollendet. Was wahrscheinlich noch klappt, ist der Spatenstich für die Erschließung. Ebenso hätte ich gern noch den neuen katholischen Kindergarten eingeweiht. Da hängt die Kirche ein Jahr hinterher. Aber zu den Buslinien kann ich wahrscheinlich die nächsten Tage noch gute Nachrichten verkünden.

Sie haben das Gewerbegebiet „Im Gründchen“ angesprochen. Dazu hieß es jetzt in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses, bis auf ein Grundstück seien alle vergeben. Jetzt mal Butter bei die Fische: Welche Firmen kommen, und was bedeutet das für die Stadt, vor allem finanziell?

NAAS: Wir haben die Verhandlungen weitgehend abgeschlossen und für jedes Grundstück einen Interessenten. Alles mittelständische Unternehmen mit guten Produkten und guten Chancen auf Gewinne und damit Gewerbesteuer für die Stadt. Die Namen darf ich aber noch nicht verraten, die werden die nächsten Wochen vom Ersten Stadtrat Lars Knobloch vorgestellt.

Sie haben ebenso die Buslinie angesprochen: Meinen Sie die 251? Und was passiert?

NAAS: Die Linie wird zum Fahrplanwechsel im Dezember verbessert. Sie fährt dann wieder die Schleife durch die Berliner Straße. Da werden viele Steinbacher aufatmen.

Bitte jetzt mal etwas Selbstkritik: Welche Fehler haben Sie gemacht?

NAAS: Große Fehler glaube ich nicht. Man kann immer das eine oder andere besser machen. Ich glaube, dass ich dem Personal sehr viel abverlangt, viel zugemutet habe.

Haben Sie falsche Entscheidungen getroffen?

NAAS: Was heißt falsch? Es gibt immer Entscheidungen, die man hinterher nicht mehr so treffen würde. Aber von der groben Linie her lagen wir richtig.

Im Januar konstituiert sich der neue Landtag mit Ihnen als Mitglied der FDP-Fraktion. Haben Sie manchmal auch Angst vor der neuen Aufgabe?

NAAS: Nö. Ich war ja schon mal als junger Regierungsrat in Wiesbaden, ich kenne das. Ich habe Respekt vor der neuen Aufgabe, aber keine Angst.

Welchen Themen wollen Sie sich als Landtagsabgeordneter schwerpunktmäßig widmen?

NAAS: Ich war vor meiner Bürgermeisterzeit im Wirtschafts- und im Finanzministerium. Das sind auch inhaltlich meine Schwerpunkte.

Welche Aufgabe werden Sie in der Fraktion übernehmen?

NAAS: Da kann ich nicht vorgreifen. Das wird die Fraktion entscheiden.

Was haben Sie sich als Politiker noch vorgenommen?

NAAS: Ich habe schon immer Kommunalpolitik gemacht – mit Leib und Seele. Das mache ich auch weiter. Ich bleibe FDP-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, und ich bin auch weiter in der Regionalpolitik tätig. Jetzt knüpfe ich wieder an meine Tätigkeit in Wiesbaden von vor zehn Jahren an. Landespolitik wird wieder mein Beruf, Kommunalpolitik mein Hobby.

Und wenn die FDP mal wieder eine Koalition eingeht? Würde Sie ein Posten als Staatssekretär oder Minister reizen?

NAAS: Ich war in Ministerien. Ich weiß, wie das handwerklich geht. Ich glaube, dass ich eine gewisse Erfahrung als Beamter mitbringe. Aber die Frage stellt sich nicht. Die FDP geht in die Opposition. Alles andere wäre inkonsequent.

Man kann aber auch sagen, die FDP ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen . . .

NAAS: Doch, ist sie. Aber nur, wenn sie zur Mehrheit gebraucht wird und bei unseren Themen wie Staatsmodernisierung, Wirtschaft, Bildung mitgestalten kann. Nicht als fünftes Rad am Wagen oder am Katzentisch.

Sie haben zuletzt sehr plakativ gegen den geplanten Frankfurter Stadtteil – westlich der A 5 – gekämpft. Wie wollen Sie das Thema im Landtag weiterführen?

NAAS: Das ist kein landespolitisches Thema. Das Land muss schauen, dass mehr gebaut wird, und das ist auch die Auffassung der FDP-Landtagsfraktion. Die Kommunen müssen aber entscheiden wo. Eine Trabantenstadt, die durch eine achtspurige Autobahn zerschnitten wird und später ein sozialer Brennpunkt wird, kann nicht im Interesse der Region sein.

Wo sehen Sie gute Möglichkeiten, zu diesem Thema aktiv zu sein?

NAAS: Ich bin Regionalpolitiker und behalte auch meinen regionalen Einfluss. Von daher wird sich an meiner Einstellung gegen die Josefstadt nichts ändern.

Zum Abschluss noch mal zurück zu Ihrer Amtszeit in Steinbach: Welchen Tag würden Sie gern noch einmal erleben?

NAAS: Den Tag der Einweihung des Bürgerhauses. Das war das schönste Bürgerfest in Steinbach, das ich je erlebt habe.

Und welchen Tag würden Sie gern streichen, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

NAAS: Die Nacht zum 8. Februar 2013, als das Bürgerhaus brannte.

Welche Begegnung hat Sie besonders berührt?

NAAS: Die im Gebeinhaus in Verdun mit den französischen Freunden 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Das fand ich sehr bewegend.

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