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Steinbach: Vom Lamm bis zur gestrickten Mütze

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Werner Eckert und Renu Meyer, Tochter Lilly sowie Wilhelm und Franziska Hartmann bei den Schafen.
Werner Eckert und Renu Meyer, Tochter Lilly sowie Wilhelm und Franziska Hartmann bei den Schafen. © Caro

Werner Eckert hält 17 Schafe und gibt ihre Wolle in die dankbaren Hände von Renu Meyer ab. Ihre Verarbeitung der hochwertigen Wolle braucht Geduld und Fingerspitzengefühl.

Steinbach -Wie flauschige Wolken liegen die Schafe eingetaucht im hohen Gras, umgeben von schattenspendenden Obstbäumen. Es ist ein kleines Paradies gleich rechts hinter dem Steinbacher Ortseingang, das Werner Eckert geschaffen hat. 17 Schafe hält er derzeit, zwölf ältere Mutterschafe, drei, die dieses Jahr voraussichtlich zum ersten Mal lammen und zwei Böcke. Und hier geht es auch schon los mit den komplexen Zusammenhängen in der kleinen Herde.

Die Schafe sind eine Mischung aus Merino und Texel. Merinoschafe liefern bekanntlich die feine Wolle, während die Texelschafe hervorragende Fleischeigenschaften ausweisen. Grund genug, die beiden Rassen zu kreuzen. So wird die ältere Herde von einem Merinobock begleitet, den jungen Damen leistet einer der Rasse Texel Gesellschaft. Alle zwei bis drei Jahre werden die Väter ausgetauscht, zum einen, um das genetische Gleichgewicht zwischen den Rassen zu erhalten, zum anderen, um allzu enge verwandtschaftliche Verflechtungen bei den Nachkommen zu vermeiden, die wahrlich kaum ein schöneres Zuhause finden könnten, wenn sie im Dezember im geschützten Stall zur Welt kommen. Sobald die Tage und vor allem auch die Nächte wärmer werden, zwischen März und April, beginnt die Weidesaison. "Jedes Jahr aufs Neue ist es ein schönes Bild, wenn die übermütigen Lämmer neben ihren Müttern über die Wiesen springen", so Werner Eckert, der fast jedes Jahr auch ein oder zwei Lämmer mit der Flasche aufzieht.

Viel Erfahrung ist notwendig, um die kleinen Fellknäuel zu versorgen, wenn die Mutter es nicht schafft. Mehrfach am Tag brummt dann der Wasserkocher im Stall, sitzt Eckert bei seinen Schützlingen und gibt ihnen die Flasche mit der angerührten Milch. Dass die Lämmer ihm anschließend auf Schritt und Tritt folgen ist nachvollziehbar.

Mit zwei Muttertieren

fing alles an

Vor fast 50 Jahren, etwa zeitgleich mit seinem Dienstantritt beim Grünflächenamt der Stadt Oberursel, startete Eckert seine Zucht mit zwei Mutterschafen aus dem Spessart und einem Heidschnuckenbock.

Nicht ganz so lange, aber auch schon einige Jahrzehnte besteht seine Freundschaft mit Andreas Jäger vom Fohlenhof in Steinbach. Und wie es in einer guten Freundschaft üblich ist, hilft man sich gegenseitig aus. Viele Wagen Heu hat Werner Eckert Sommer für Sommer schon zum Fohlenhof gefahren. Im Gegenzug versorgt Jäger ihn mit Stroh, holt den Mist und lagert Eckerts Heu ein. Leuchtend rot ist das aufgesprühte "W" auf den Ballen in der Lagerhalle auf dem Fohlenhof erkennbar, Verwechslung ausgeschlossen. Und auch wenn Schafe genügsame Fresser sind, freuen sie sich gerade im Winter über die Maissilage, die ihr Schäfer, übrigens einer der wenigen seines Standes in der Gegend, ihnen zur Stärkung neben dem Heu noch füttert.

Dass auch eine kleine Herde viel Arbeit macht, wird deutlich, wenn Werner Eckert erzählt. Anders als in der Wanderschafhaltung bleiben Eckerts Schafe auf ihren Weiden in Steinbach. Für das gelegentliche Umtreiben baut der Schäfer sogenannte Treibgänge auf. Kaum erklingt die Hupe, laufen die Schafe in Reih und Glied vor dem Auto her zur nächsten Weide los, sie kennen das Ritual. Weitaus weniger beliebt bei den ansonsten gutmütigen Vierbeinern, aber wichtig ist das jährliche Scheren im späten Frühjahr.

"Wenn der Scherer kommt ist Leben im Stall", berichtet Eckert schmunzelnd. Viel zu warm wäre es den Schafen im Sommer in ihrem Pelz, einem besonderen Rohstoff, der leider viel zu wenig wertgeschätzt wird. Doch genau das ändert sich gerade im Rahmen einer erfreulichen Kooperation. Renu Meyer, zu Hause auf der anderen Seite des Mains nahe Seligenstadt, hat die Wolle entdeckt und war sofort begeistert.

"Feinste Merinowolle von ausgesprochen gepflegten Schafen, da musste ich einfach zugreifen", berichtet sie beim Besuch an der Schafweide. Sieben große Säcke voll hat sie abgeholt, sortiert, gereinigt und zum Teil schon weiterverarbeitet.

"Glücklicherweise habe ich einen Waschkessel gefunden, darin konnte ich ausreichend Wasser erhitzen, um die Wolle in verschiedenen Wannen zu waschen, in erster Linie wird sie dabei entfettet", erzählt Meyer, während ihre Tochter Lilly mit Wilhelm und Franziska Hartmann über das malerische Grundstück tollt.

Anschließend lag die Wolle mehrere Tage ausgebreitet im Schatten zum Trocknen. Man bekommt eine Ahnung, wie viel Arbeit es in früheren Zeiten bedeutete, Kleidung herzustellen, wenn Renu Meyer von den vielen Schritten erzählt, die notwendig sind, bis das erste Wollknäuel gesponnen oder gar eine warme Mütze gestrickt ist. Nach dem Trocknen wird die Wolle mehrfach aufgelockert, um Beiwerk wie Stroh und Heu zu entfernen. Jetzt beginnt das Kardieren. Dabei werden die losen Fasern zwischen zwei Walzen, die mit feinen Nadeln ausgestattet sind, zu einem Flor, einem weichen Vlies ausgerichtet. Im nächsten Schritt entsteht zum ersten Mal ein Faden. Vorsichtig wird ein sogenannter Vorfaden an der Spindel befestigt.

Jetzt ist viel Geschick gefragt, um an der sich drehenden Spindel den Faden entstehen zu lassen. Durch Verzwirnen zweier Fäden entsteht das Garn, das schließlich versponnen werden kann.

Geduld, Hingabe und Fingerspitzengefühl sind gefragt, sei es im Stall bei den Schafen oder bei der Verarbeitung ihrer Wolle. Und umso schöner ist es, wenn daraus noch etwas entsteht. Vielleicht ist die erste Mütze schon gestrickt, wenn die nächsten Lämmer im Dezember das Licht der Welt im Steinbacher Schafstall erblicken. Bis dahin knüpfen Werner Eckert und Renu Meyer im wahrsten Sinne des Wortes ein Band über den Main hinweg.

Die verschiedenen Verarbeitungsstufen der Wolle.
Die verschiedenen Verarbeitungsstufen der Wolle. © caro

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