Familienstreit

Weil Schwester Haus umbauen möchte, droht nun die Zwangsräumung

Seit 58 Jahren wohnt Wolfgang Flügel in Steinbach in einem Haus in der Bornstraße, das der Schwester gehört. Die hatte ihrem Bruder jahrelang ein Wohnrecht eingeräumt. Jetzt will sie die Immobilie umbauen. Der Bruder müsste wenigsten vorübergehend ausziehen. Er weigert sich und riskiert die Zwangsräumung, die für Freitag angesetzt ist.

Viel Zeit bleibt Wolfgang Flügel und seiner Lebensgefährtin nicht mehr. Wenn es im Streit mit seiner Schwester zu keiner Lösung kommt, wird das Haus in Steinbach, das der Schwester gehört und in dem Flügel und seine Freundin wohnen, in wenigen Tagen geräumt. Am Freitag um 8 Uhr kommt der Gerichtsvollzieher und wird jeden Raum des großen Hauses in der Bornstraße räumen lassen. Das ist amtlich. Möbel und Hausrat werden eingelagert. Wo er und seine Freundin dann bleiben sollen, weiß Wolfgang Flügel nicht. Fest steht nur, dass mit der Zwangsräumung der letzte Akt in einem seit rund 20 Monaten schwelenden Familienstreit erreicht ist. Fest steht auch, dass die Auseinandersetzung von beiden Seiten befeuert wurde.

Der Beginn der Geschichte reicht in das Jahr 2002 zurück. Die Eltern von Wolfgang Flügel und seiner Schwester Christel Flügel-Hermann waren gestorben und hatten den Kindern das Haus hinterlassen, in dem der heute 58 Jahre alte Wolfgang sein ganzes Leben lang gewohnt hat. Die Schwester, die mittlerweile in Braunfels lebt, räumte ihrem Bruder ein auf 15 Jahre befristetes Wohnrecht ein, das am 28. Februar vergangenen Jahres endete. Wolfgang sagt heute, der Mann, der ihn damals wegen seiner geistigen Behinderung vertreten habe, hatte diese Vereinbarung nur mit seiner Schwester abgeschlossen, aber ohne ihn. Von dem Betreuer hat er sich mittlerweile getrennt. Er könne seine Angelegenheiten selbst regeln, sagt er.

Tatsächlich regelte er aber nicht alles oder vielleicht nicht ausreichend. Den Termin des Vertragsendes ließ er jedenfalls verstreichen. Bis jetzt. Denn für Wolfgang Flügel ist die Sache klar. „Das ist mein Elternhaus. Ich bleibe. Ich habe immer hier gewohnt. “ Bis zum 28. Februar 2017 mietfrei. Das wollte die Schwester allerdings nicht mehr hinnehmen und forderte ein Jahr später von ihrem Bruder und dessen Lebensgefährtin jeweils rund 5000 Euro als Mietnachzahlung. Auch über diese Forderung liegt ein amtliches Schreiben vor.

Flügel zahlte nicht – bis ein Brief vom Gerichtsvollzieher ins Haus flatterte. Auf der Rückseite des Briefes wird eine Haftstrafe angedroht, berichtet der Mann. Das habe ihn furchtbar aufgeregt. Schließlich sei es „peinlich, wenn die Polizei mich abführt“. Also überwies er das Geld. Auch einen Anwalt hat Wolfgang Flügel inzwischen eingeschaltet. Der soll jetzt dafür sorgen, dass er und seine Freundin in der Bornstraße wohnen bleiben können, sagt er. Auch vorübergehend will er nicht ausziehen. Das habe seine Schwester vorgeschlagen, räumt Flügel ein. Die plante nämlich, das 160 Quadratmeter große Haus zu sanieren und in kleinere Wohneinheiten umzuwandeln, von denen er dann eine bewohnen könne, gibt Flügel wieder, was seine Schwester ihm im vergangenen Jahr in Aussicht gestellt haben soll. Ob sie diese Baumaßnahme jetzt noch immer vorhat, weiß er nicht. Die Geschwister sprechen nicht mehr miteinander. Christel Flügel-Hermann war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

Für ihren Bruder und dessen Lebensgefährtin läuft währenddessen die Zeit ab. Als letztes Mittel soll jetzt ein „Räumungsschutzantrag“ wirken, den Flügels Anwalt beim Amtsgericht gestellt hat. Darin enthalten sind zwei Atteste: Für Wolfgang und für seine ebenfalls geistig und körperlich beeinträchtigte Freundin. „Ein Wohnungswechsel würde die psychische Situation massiv verschlechtern“, bescheinigt der Hausarzt beiden Bewohnern. „Das muss reichen“, sagt Wolfgang Flügel, verschränkt die Arme vor seiner Brust und wartet. Knapp drei Tage hat er noch Zeit bis zum Räumungstermin.

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