Public Viewing

Trotz WM-Aus werden die Spiele weiter gezeigt

Nach dem Aus der deutschen Mannschaft geben sich viele Anbieter von Public- Viewing-Veranstaltungen gelassen. Fußball kann auch weiterhin geguckt werden, wenn auch zumeist eine Nummer kleiner.

Am Tag nach dem Desaster räumt Michael Thalhofer Biergläser ein, als wäre nichts gewesen. Auch wenn in der großen Public-Viewing-Arena hinter dem Technischen Rathaus in Bad Homburg keine Spiele mit Beteiligung des deutschen Nationalteams mehr zu sehen sind, geht es dort weiter. „Wir zeigen weiterhin alle Spiele“, erklärt der „Gambi“-Gastronom, der seit 2006 die WM-Arena bewirtschaftet. „Zahlen müssen wir das Ganze ja eh.“

Damit meint Thalhofer den LED-Großbildschirm samt Aufbauten und technischer Ausstattung und Tribüne, außerdem sind Personalkosten von Sicherheitsfirma und seinen eigenen Mitarbeitern für den Ausschank zu stemmen. Letztere hat er nun reduziert von zwölf auf vier pro Spiel. Kommen doch mit deutscher Beteiligung 1100, sonst eher nur um die 100 Fans zum Technischen Rathaus. Der Homburger hat viel investiert und bis zum Mittwoch gehofft, auch als privater Fußballfan – doch nun möchte er nach vorne blicken. „Es hätte auch regnen können, man steckt nicht drin“, so Thalhofer. „Die Kroaten spielen ja noch“, sagt er mit Blick auf von dort stammende Taunusbürger.

Auch Marc Michel klingt gelassen. Von den Trikots der deutschen Mannschaft hat der Geschäftsführer von „Intersport Taunus“ nur noch geringe Bestände, denn die Hersteller können nicht liefern. „Ich hätte mich mehr geärgert, wenn Deutschland weitergekommen, wir aber ausverkauft gewesen wären“, sagt er lachend. Die weißen und grünen Hemden im WM-Stil sind noch bis Ende 2019 aktuell. Bälle, deren Design ebenfalls wechselt, hat Michel soeben nachbestellt – „die werden auch gern zu Weihnachten verschenkt“, weiß der Geschäftsmann.

In der Kronberger Receptur wurde die Leinwand noch am Mittwoch abgebaut. Das wäre sie allerdings auf jeden Fall. Denn am Sonntag wird der Hof in Kronbergs Altstadt für den großen Flohmarkt benötigt, erklärt Jens Becker vom Receptur-Team. Auf der großen Leinwand in der Receptur wurden lediglich die Spiele mit deutscher Beteiligung gezeigt. Nach dem Flohmarkt wird die Freiluftleinwand nicht mehr aufgebaut. „Da stehen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis“, sagt Becker. Wer Lust hat, die Spiele zu verfolgen, kann dies zu den regulären Öffnungszeiten der Receptur auf der Leinwand im Keller tun.

Public Viewing gibt es in der Receptur seit 2006. „Wir waren bislang verwöhnt“, sagt Becker. Schließlich stand die deutsche Elf bei den Turnieren seitdem immer mindestens im Halbfinale. Die wirtschaftlichen Einbußen ob des frühen Ausscheidens halten sich für das Receptur-Team in Grenzen: Der Einkauf der Waren erfolge kurzfristig, und zudem würden die WM-Spiele an immer mehr Orten gezeigt, sagt Becker. Mittlerweile sei das erforderliche Equipment wesentlich günstiger geworden – so günstig, dass es auch Privatpersonen sich Leinwand und Beamer kauften, um in ihrem Garten mit Freunden die Spiele zu schauen.

„Nach einer kurzen Phase des Schmerzes geht es weiter“, sagt Thomas Studanski, der im Hof seines Alt-Oberurseler Brauhauses Public Viewing anbietet. Das Brauhaus zeigt dort alle Spiele, und Studanski sagt: „Wir machen weiter.“ Heißt: Die Spiele werden weiterhin gezeigt, schließlich habe das Brauhaus internationale Gäste. Gestern sei eine Gruppe Belgier dagewesen, die gefragt habe, ob sie denn jetzt, wo Deutschland ausgeschieden sei, noch kommen können . . .

Allerdings hatte der Gastronom fürs Public Viewing die Bestuhlung im Hof geändert. Das soll nun zurückgebaut werden. Die angeschafften neuen Geräte – Bildschirm und Tonanlage – werde er weiterhin verwenden können. Mit finanziellen Einbußen rechnet Studanski daher nicht – sondern mit einem normalen Sommergeschäft. Außerdem falle ja nun die Konkurrenz durch die großen Public-Viewing-Arenen weg,

Ob es beim Fußballverein SV Seulberg auch weiterhin ein Public Viewing geben wird, ist noch nicht ganz raus. Bislang hatten die Fußballer jedes Spiel mit deutscher Beteiligung auf einer Großleinwand in einem Zelt vor dem Sportplatzhaus übertragen. Viele Vereinsmitglieder, aber auch Nachbarn und Freunde, kamen in die „SVS-Arena“, um bei Grillwurst und Getränken mit den deutschen Kickern zu hoffen, und zu bangen und schließlich gemeinsam das Aus zu erleben. Das Aus für das Public Viewing beim SV muss das aber nicht bedeutet. Wie vom Verein zu hören, könnte es durchaus sein, dass am kommenden Wochenende ein oder mehrere Spiele am Sportplatz zu sehen sein werden. Der SV bittet deshalb alle WM-Fans die Homepage des Vereins im Auge zu behalten. Sobald eine Entscheidung gefallen ist, wird sie hier bekannt gegeben: .

Hatte der Jugendfußball vor vier Jahren noch einen Schub durch den WM-Gewinn bekommen, so müssen die Vereine jetzt auf Rückenwind durch die Nationalelf verzichten. „Eine erfolgreiche WM führt immer dazu, dass sich Jugendliche für Fußball interessieren – jetzt ist es ein normales Jahr, gibt sich Kreisfußballwart Andreas Bernhardt pragmatisch. Mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Die Eltern sind aufgerufen, ihre Kinder zum Fußball zu schicken. Wir haben ja gesehen, dass die Nationalelf frische Kräfte braucht.“

(ahi, öp, she, alv, mak)

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