Der Spatenstich erfolgt Ende Oktober: Hier im Gleisfeld am nördlichen Rand des Infraserv-Industrieparks in Frankfurt-Höchst soll für die neuen mit Brennstoffzellen-Technik angetriebenen Wasserstoff-Züge eine entsprechende Tankstelle samt Infrastruktur
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Der Spatenstich erfolgt Ende Oktober: Hier im Gleisfeld am nördlichen Rand des Infraserv-Industrieparks in Frankfurt-Höchst soll für die neuen mit Brennstoffzellen-Technik angetriebenen Wasserstoff-Züge eine entsprechende Tankstelle samt Infrastruktur

Usinger Land

Die Suche nach dem Zug der Zukunft

Ohne S-Bahn reichen die bestellten Wasserstoffzüge nicht – RMV prüft Alternativen

Usingen - Der Fahrplan, nach dem die S 5 ab Dezember 2022 bis nach Usingen verlängert wird, war bereits im Frühjahr Makulatur. Als Eigentümer der Bahnstrecke und damit auch als Bauherr für die notwendige Elektrifizierung begründete der Hochtaunuskreis die Verschiebung mit den Folgen der Corona-Pandemie. Ein neuer Zeitplan für die anstehenden Bauarbeiten und der Termin für einen neuen Betriebsstart stehen nach Auskunft des Hochtaunuskreises noch nicht fest. Fest steht jedoch seit langem, dass der Zugbetrieb auf den vier Bahnlinien im Taunus zum Fahrplanwechsel 2022/2023 neu vergeben wird.

Auf Anfrage teilt der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) mit, dass die dafür anstehende Ausschreibung für Ende dieses Jahres geplant ist. Anders als ursprünglich vorgesehen, wird in die Ausschreibung „Taunus-Netz“ temporär auch der Zugverkehr zwischen Usingen und Bad Homburg mitaufgenommen, da zum Fahrplanwechsel die S-Bahn-Verlängerung bis Usingen noch nicht fertiggestellt sein wird. Da aber auch die derzeit noch verkehrenden alten Dieselzüge (Typ VT2E, Baujahr 1992) an ihr Lebensende gekommen sind, muss der RMV klären, welche Züge künftig eingesetzt werden sollen.

Ursprünglich hatte der RMV geplant, neben der S-Bahn bis Usingen die im vergangenen Jahr neu bestellten 27 Wasserstoffzüge ab Dezember 2022 auf allen vier Bahnlinien im Taunus einzusetzen. Dieses Konzept wackelt nun offenbar, weil statt den eingeplanten S-Bahnen zwischen Bad Homburg und Usingen bis auf weiteres andere Züge eingesetzt werden müssen.

Die 27 vom Hersteller Alstom gekauften Triebfahrzeuge vom Typ Coradia-I-Lint reichen für den Betrieb der vier Taunus-Strecken ohne gleichzeitigen S-Bahn-Ausbau nicht aus. „Zusätzliche Wasserstoffzüge sollen nicht beschafft werden“, sagt RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann. Wie aber soll die Lücke geschlossen werden? Genau diese Frage gilt es jetzt vor dem Start der Ausschreibung zu beantworten. Wie vom RMV zu hören war, werden derzeit verschiedene Varianten geprüft.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die von der Bürgerinitiative (BI) „Pro Taunusbahn“ zuletzt forcierte Diskussion um alternative Antriebsformen für den Zugbetrieb auf der Taunusbahn eine ganz neue Dynamik.

Nach Gründung vor einem Jahr machte die BI um den Wehrheimer Sprecher Jürgen Steckel bekanntlich zuerst einmal Front gegen die anstehende Elektrifizierung der Taunusbahn als Voraussetzung für die Verlängerung der S 5 bis Usingen. Zuletzt kritisierte die BI auch den geplanten Einsatz der vom RMV bestellten Wasserstoffzüge.

„Wir fordern stattdessen die Modernisierung der Taunusbahn und setzen dabei auf den Batteriezug“, so Steckels alternative Antriebsform für die Züge der Zukunft auf der Taunusbahn. Die BI fordert daher den Einsatz von Batteriezügen, die von Frankfurt bis Friedrichsdorf ihren Elektromotor aus dem Strom der bestehenden Oberleitung speisen und zudem ihren Akku für die Weiterfahrt ins Usinger Land aufladen.

Der millionenschwere Bau der Oberleitung zwischen Friedrichsdorf und Usingen, eines zweiten Bahnsteigs sowie eines teuren elektrischen Stellwerks in Usingen sei unnötig. Stattdessen könnten besagte Akku-Züge im Halbstundentakt von Frankfurt nach Grävenwiesbach sowie Brandoberndorf und zurück pendeln. „Die politisch Verantwortlichen hätten jetzt die Chance, die Investitionsmittel für den Zugverkehr im Hintertaunus sinnvoller für innovative Technologien einzusetzen und massiv zu verbessern“, greift der in Wehrheim lebende Branchenkenner Marc Giesen die BI-Kritik auf – betont aber zugleich, kein Mitglied der BI zu sein.

Als Geschäftsführer einer Eisenbahnverkehrsgesellschaft finde er jedoch die Arbeit der BI inhaltlich sehr gut, da sie sich intensiv in Themen einarbeite und sehr ernsthaft Alternativen in die Diskussion bringe. „Demgegenüber ziehen Politik und auch Teile des RMV / VHT den Kürzeren“, so Giesens Kritik. „Das zur Verfügung stehende Budget kann man effizienter und besser einsetzen.“

Wenn die Bahnlinie durchgehend bis Grävenwiesbach später in einem Rutsch elektrifiziert werde, spare man den teuren Aus- und Umbau des Bahnhofs Usingen als Umsteigebahnhof mit vier Gleisen und zwei Bahnsteigen. Und Giesen lässt auch ein berufliches Interesse anklingen. „Die MEV interessiert sich für den Betrieb der Taunusbahn. Wir können uns gut vorstellen, uns für den Zugverkehr auf der Taunusbahn zu bewerben“, so der Geschäftsführer der MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft mit Sitz in Mannheim. „Unsere 400 Lokführer steuern im Auftrag anderer Eisenbahnverkehrsunternehmen bundesweit täglich 840 Züge.“              

Der Zugbetrieb auf dem Taunus-Netz

Derzeit fahren Diesel-Züge der Hessischen Landesbahn (HLB) auf folgenden Bahnlinien des ,Taunus-Netzes’: Frankfurt-Höchst nach Bad Soden (RB 11), Frankfurt über F-Höchst nach Königstein (RB12), Frankfurt–Bad Homburg über Usingen und Grävenwiesbach nach Brandoberndorf (RB 15) sowie von Friedrichsdorf nach Friedberg (RB 16).

Der RMV plant, für den Zugverkehr auf diesen vier Strecken zum Fahrplanwechsel 2022/2023 die 27 bereits bei Alstom bestellten Wasserstoffzüge einzusetzen. Anders als von der BI dargestellt, sei der Einsatz der Züge mit der neuen Brennstoffzellen-Antriebstechnologie nicht unwirtschaftlich. „Wir haben eingehend geprüft, welche Möglichkeiten es vor dem Hintergrund der speziellen Rahmenbedingungen im Taunus gibt“, so RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann. „Auf Basis der erwarteten Fahrzeug-, Instandhaltungs- und Betankungskosten haben wir uns für die Wasserstoffzüge entschieden.“ Für Wasserstoff als Treibstoff spreche die wesentlich größere Reichweite und betriebliche Flexibilität der dann mit Brennstoffzellentechnologie angetriebenen Züge sowie die schnelle Möglichkeit der Betankung. Der große Vorteil sei die geografische Nähe zum Industriepark Höchst, wo bereits eine Wasserstoff-Infrastruktur existiert: Wasserstoff falle dort als Abfallprodukt in der chemischen Industrie zu günstigen Konditionen an. (map)

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