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An die 1,8 Millionen Deutsche leiden unter einer Alkoholsucht. Hinzu kommt eine exorbitante Dunkelziffer. Vom Alkohol wegzukommen ist ein schweres Unterfangen.

Dem Alkohol den Krieg erklären

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„Problemlöser Alkohol“ – für viele ein Teufelskreis, den zu durchbrechen sich die Weilroder Guttempler-Gruppe 1995 aufgemacht hat. Heute wird Jubiläum gefeiert.

„Es zu haben, ist keine Schande, wohl aber, nichts dagegen zu tun“ – Hans-Joachim Mühle hat seine Alkoholkrankheit bekämpft. Vor 26 Jahren. Seitdem hat er keinen Alkohol mehr angerührt, „ich bin trocken, mir und der Familie geht es super“, sagt er. Mühle führt seit 15 Jahren die Weilroder Guttempler-Gruppe „Wilnowe“, die heute, 18 Uhr, im Altweilnauer Gemeindehaus 20. Jubiläum feiert. Die TZ hat sie besucht und mit Betroffenen über ihre Alkoholkrankheit gesprochen.

„Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker – die Krankheit bleibt, man kann nur lernen, sie im Griff zu behalten“, sagt Mühle. Er und viele andere haben gelernt, ein Leben ohne Alkohol zu führen, wissen aber auch um das Risiko, rückfällig zu werden. Eine Schnapspraline kann selbst nach vielen Jahren Abstinenz dazu führen, dass im Gehirn „ein Schalter umgelegt wird“ und die Sucht wieder ausbricht. Deshalb ist auch alkoholfreies Bier keine Alternative: „Schmeckt wie Bier, riecht wie Bier, irgendwann greifst du doch zu einem richtigen Bier.“ Hans-Joachim Mühle, der eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchtgefährdetenhelfer absolviert hat, weiß, was Alkohol anrichten kann, bei sich selbst, aber auch bei seiner Umgebung: „Es ist eine Familienkrankheit, Partner, Kinder, Enkel – alle leiden darunter.“ Wichtig sei, den Betroffenen das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind, ihnen Halt zu geben. Ausgrenzung zu verhindern sei das Ziel.

Alkoholismus ist noch immer ein Tabuthema, wenngleich die Stigmatisierung Alkoholkranker rückläufig ist. Das ist auch für Jochen Maurer, ebenfalls seit Jahren „trocken“, wichtig: „Seit ich damit durch bin, habe ich ein viel größeres Selbstbewusstsein, mein Leben hat an Qualität gewonnen.“ Wichtig sei, dass Unternehmen heute alkoholkranken Mitarbeitern bei der Bewältigung ihrer Probleme helfen. Mühle hält therapierte Alkoholiker wegen ihrer Disziplin sogar für besonders belastbar.

Die „Karrieren“, die die Mitglieder von „Wilnowe“ hinter sich haben, sind unterschiedlich. Klaus Rüttger sagt, er habe als Jugendlicher mit dem Trinken angefangen, vor sechs Jahren aber „die Notbremse gezogen“ und sich in Therapie begeben. Die regelmäßigen Treffen der Gruppe „geben mir Halt und erinnern mich immer wieder daran, was mit mir los ist“. Friedhelm Grabowski trank seit er 16 war. Über 40 Jahre ging das so, „dann hat meine Frau gedroht, mich zu verlassen“.

Diesen Druck habe er gebraucht, sagt Grabowski, der es mit einer ambulanten Therapie geschafft hat. 2009 sei er zur Gruppe gestoßen und habe bisher kaum einen Dienstag gefehlt, „ohne die Gruppe wäre ich längst rückfällig“. Das Umfeld der Patienten, vor allem die Familie, seien wichtig bei der Bewältigung der Krankheit, viel Toleranz, aber auch Geduld sei nötig.

„Ohne Druck hört keiner auf, sich und seine Mitmenschen zu belügen“, sagt Mühle. Dieses „Karussell des Leugnens“, sei ein Teil der Krankheit. Psychologen haben dafür eine Erklärung: Betroffene empfinden es als Schwäche, dem Alkohol nicht widerstehen zu können. Je länger getrunken werde, desto mehr werde der „Problemlöser Alkohol“ zum Freund, so Mühle, „das macht es ja so schwierig, wer trennt sich denn schon gerne von Freunden?“

Die Philosophie der religiös wie politisch unabhängigen Guttempler liegt in der Selbstverpflichtung, ein Leben ohne Alkohol zu führen und dies der Gesellschaft vorzuleben.

„Das bedeutet nicht, dass wir die ganze Welt trockenlegen wollen“, sagt Mühle. Natürlich wolle man auf die Gefahren durch Alkohol hinweisen.

Letztlich sei aber jeder für sich selbst verantwortlich. Wer Hilfe suche, bekomme sie auch, man dränge sich aber nicht auf. Der erste Schritt kommt vom Betroffenen.

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