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Alte Stühle mit Liebe aufgemöbelt

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Andreas Platzer beherrscht die Kunst, Stuhlgeflechte manuell herzustellen.
Andreas Platzer beherrscht die Kunst, Stuhlgeflechte manuell herzustellen. © Dorit Lohrmann

Früher war Polstern ein begehrtes Handwerk. Heute gibt es nur noch wenige qualifizierte Vertreter dieses Handwerks. Radoslava Platzer ist eine von ihnen. Unsere Mitarbeiterin Dorit Lohrmann hat die Handwerksmeisterin in ihrer Werkstatt besucht und ihr bei der Arbeit über die Schulter geschaut.

Wer heute vom „Aufmöbeln“ spricht, der denkt eher an Menschen, die sich mit Schminken und auffälliger Kleidung besonders herausputzen. Dabei galt das Aufmöbeln früher zu einer wichtigen Tätigkeit, um Gebrauchsgüter, eben Möbel, möglichst lange am Leben zu erhalten. Wer also imstande war, durchgesessene Stühle, Bänke und Kanapees derart zu reparieren, dass sie wieder gebrauchsfähig und zugleich hübsch anzusehen waren, der war ein gefragter Handwerker. Das galt jedenfalls noch vor der Industrialisierung, lange bevor billige Sitzmöbel quasi von der Stange zu haben waren.

Dennoch gibt es auch heute noch Menschen, die ihr Wohnzimmer gerne mit Möbeln aus vergangenen Stilepochen ausstatten. Und weil es sich dabei meist um Antiquitäten handelt, braucht es für die Restaurierung eines solch guten Stücks auch unbedingt eines Fachmannes. Oder einer Fachfrau wie Radoslava Platzer.

Von der Pike auf gelernt

Die Mutter zweier Söhne stammt aus Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Dort hat Radoslava Platzer, die in einer Handwerkerfamilie aufwuchs, das Handwerk des Polsterns von der Pike auf gelernt. Später arbeitete sie als Raumausstatterin in einem Kaufhaus in Frankfurt, bevor sie in Usingen in der Untergasse 9 ihre Stuhlwerkstatt einrichtete. „In dem Gebäudekomplex habe der Großvater ihres Ehemannes Andreas Platzer früher eine Kunstschmiede betrieben“, erzählt die quirlige Bulgarin. Überhaupt habe man die Adresse lange Zeit mit einer Werkstatt verbunden – von einer Pferdeschmiede über eine Spenglerei bis hin zu einer Autowerkstatt. Davor soll das Haus eine jüdische Synagoge gewesen sein, sagt Platzer. „Aber das ist leider nirgendwo belegt.“

Vor einem Jahr haben die Platzers die Front der kleinen Stuhlwerkstatt geöffnet und verglast. Jetzt lockt ein heimelig wirkendes Ladengeschäft zum Eintreten, und Besucher können sich nicht nur unter stilvollen Möbeln umschauen, sondern auch das eine oder andere hübsche Wohnaccessoire kaufen.

Inmitten all der Dekorationsartikel sitzt Radoslava Platzer an ihrer Nähmaschine und schneidert Sitzauflagen aus edlen Stoffen für alte Stühle. Zu ihren Auftraggebern gehören diverse Auktionshäuser, mit denen das Paar zusammenarbeitet. „Das Material stammt von ausgesuchten Firmen“, erklärt sie. Stoffe wie Seide oder Gobelin zum Beispiel.

Bevor sich die Handwerkerin an die Arbeit macht, recherchiert sie, aus welcher Stilepoche ein Möbelstück stammt. „Das Material, das damals verwendet wurde, ist genauso wichtig wie die Methode, mit der die Polsterung am Holz befestigt wurde“, betont Platzer. Welche auch immer das sein mag – die Handwerkerin weiß, wie sie vorzugehen hat.

Polsterungen werden, je nach Stil, geklebt oder getackert und der entstandene Rand mit speziellen Borten und Bordüren abgedeckt. Andere werden genagelt, wodurch zugleich eine hübsch gepunktete Zierleiste entsteht. Wie das genau funktioniert, daraus besteht die eigentliche Handwerkskunst. Und natürlich eine umfangreiche Kenntnis der Stilepochen.

Während Radoslava Platzer näht und erklärt, holt ihre Ehemann Andreas Platzer einen entkernten Lehnstuhl aus dem Fundus. Das Holz ist weiß gekalkt und trägt Verzierungen aus Blattgold. „Der stammt aus dem 17. Jahrhundert“, sagt er. Und seine Frau ergänzt: „Den bereiten wir für einen Kunden im Louis-Size-Stil auf.“ Das heißt, dass der Stuhl mit dem Stoff Toile-de-Jouy mit den charakteristischen Renes-Motiven bespannt wird.

Mühselige Arbeit

Andreas Platzer, gelernter Industriekaufmann und viele Jahre selbstständiger Einzelhändler, hat sich Fertigkeiten angeeignet, mit denen er die Arbeit seiner Frau unterstützen und ergänzen kann. Er ist jetzt in der Lage, verschiedene Arten von Stuhlgeflechten herzustellen. Eine mühselige und im Grunde undankbare Arbeit, räumt er ein. Aber eben eine, die für alte Sitzmöbel notwendig ist. In einem Teil des Gebäudekomplexes lagern alte Möbel neben Materialvorräten und Werkzeugen und warten auf ihre Aufarbeitung. Die Kunden wiederum stehen Schlange. „Wenn wir zum Beispiel einen Auftrag für ein Hotel übernehmen, alle seine Stühle zu überholen, dann kann das schon eine Weile dauern“, sagt Radoslava Platzer. Geduld ist also gefragt. „Wir sind halt nur ein Familienbetrieb.“

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