Exklusiv für die TZ haben Sybille und Andreas Hofmann vom Geschichtsverein den Archäologie-Keller geöffnet und nicht nur das neue Banner, sondern auch die Zeitreise durch die Geschichte gezeigt.
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Exklusiv für die TZ haben Sybille und Andreas Hofmann vom Geschichtsverein den Archäologie-Keller geöffnet und nicht nur das neue Banner, sondern auch die Zeitreise durch die Geschichte gezeigt.

Ein Rundgang durch 30 000 Jahre Usinger Geschichte

Archäologie-Keller der Stadt lässt tiefe Einblicke zu

  • vonTatjana Seibt
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Ein Rundgang durch die Ausstellung im Gewölbekeller ist wie eine spannende Zeitreise und wird mit vielen Ausgrabungsfunden bereichert.

Usingen. Zeitreisen klingt ziemlich nach Science Fiction. Doch streng genommen ist es nichts anderes, was der Usinger Geschichtsverein in seinem Archäologie-Keller unter dem Rathaus anbietet. Einen Zeitsprung von lockeren 10 000 Jahren gibt es in dem kleinen Gewölbekeller zu sehen, den auch viele Usinger noch nicht kennen dürften, der aber sehr fsazinierend ist.

Dazu braucht es zunächst einmal keine Zeitmaschine, noch nicht einmal eine besondere Ausrüstung, allein der Vorsitzende des Geschichtsvereins Andreas Hofmann und seine Frau Sybille reichen aus, um den Besucher in eine andere Zeit zu versetzen. Wie es in Usingen vor 10 000 Jahren aussah? Um das zu verstehen, holt Andreas Hofmann gerne noch ein bisschen weiter aus.

"Wir haben neben dem Neandertaler auch den Homo Sapiens und jede Menge Steinfunde", schildert der Vorsitzende und beginnt mit der Usinger Geschichte also schon 30 000 Jahre bevor überhaupt jemand an die Buchfinkenstadt dachte. Wichtig sei zu verstehen, dass die ersten Menschen vielleicht primitiv im Sinne von einfach, aber keineswegs dumm waren. Im Gegenteil.

Denn binnen 20 000 Jahren haben sich die Menschen entwickelt und gelernt, Steine als Waffen und Handwerkszeug einzusetzen. "Man fand ein Lager, das etwa 10 000 Jahre alt ist und das an der heutigen Südtangente", erzählen Hofmann und seine Frau und verweisen auf die erste Vitrine nahe der Eingangstür.

Winzige Steine, die wie Speerspitzen aussehen, sind dort ausgestellt. "Das ist eine Zeit, in der die Menschen noch täglich weiter zogen. Erst in der Mittelsteinzeit beginnen sie, ein eher nomadenhaftes Leben zu führen, in dem sie zwar auch noch durch die Gegend ziehen, aber nicht mehr täglich", erklärt Hofmann. Außerdem setzt auch in der Umgebung und rund um Usingen der Handel mit scharfen Steinen ein. Das wiederum erzählen den Forschern die Funde der unterschiedlichen Steine, die im Laufe der Jahrzehnte ausgegraben und bestimmt wurden.

Auch dazu gibt es einige Fundstücke in den Vitrinen zu sehen. Dass die Menschen damals nicht von minderer Intelligenz waren, begründen der Vorsitzende und seine Frau anhand des Umstands, "dass man wissen musste, welche Pflanzen giftig und welche essbar sind". Gleiches gilt für Heilpflanzen und Tiere. Der Fund von Göbekli Tepe, etwa 15 Kilometer nordöstlich der südostanatolischen Stadt Sanliurfa in der Türkei, wird auf die Zeit bis zu etwa 10 000 Jahren zurückdatiert und ist für die Archäologen deshalb besonders bedeutsam, da in diese Anlage bereits in Stein gehauene Figuren und auch Steine aus einem bis zu 2000 Kilometer entfernten Umkreis gefunden wurden.

Kunst, Handel und Begräbnisrituale gab es also schon 10 000 Jahre, wie Hofmanns betonen, wobei sich bislang nur wenig Funde in und um Usingen auftaten. Doch was die Archäologen bereits fanden waren Tonkrüge mit einer alkoholischen Gärung. "Es ist also anzunehmen, dass es damals schon so etwas wie ein Bier gab", vermutet Hofmann. Und noch etwas setzte ein, nämlich Viehzucht und Ackerbau. Ein Blick in die Vitrinen belegt vor allem die Idee der Gärung, denn dafür sind auch im Usinger Museum bereits Tonkrüge vorhanden.

Funde am Hohen Berg

"Das sind allerdings Repliken", bedauert Andreas Hofmann. Originale seien zum Teil im Wiesbadener Landesmuseum ausgestellt. Sesshaftigkeit und Handel unterschieden den Menschen von damals also wenig von dem heute in seinen Grundzügen. Am heutigen Hohen Berg haben Forscher in Usingen ebenfalls Tonschüssel ausgegraben und ordnen sie einer Zeit um die 5000 Jahre vor Christus zu. Einige Tonscherben zeugen noch von den Funden aus der damaligen Zeit und dem Leben, das es in der Buchfinkenstadt schon gab.

Auch die Kunstfertigkeit der Werkzeuge nahm zu, Beile zum Roden, scharfe Steine, mit denen sich problemlos Leder schneiden ließ, zeigen weitere Vitrinen im Archäologie-Museum. Hinzu gesellen sich die ersten aus Edelmetall gefertigte Waffen, von denen einige Beispiele im Museum zu sehen sind. Zinn beginnt zur begehrten Ware zu werden, denn mit ihm werden die Waffen gehärtet. Keilförmige Steine an hölzernen Griffen sind zu sehen, "die wurden damals mit Tiersehnen befestigt", erklärt Andreas Hofmann.

"Damals wurde von einem Tier einfach alles verarbeitet", ist sich der Vorsitzende sicher. In einer weiteren Vitrine finden sich die ersten Bestattungszeugnisse aus Usingen, eine Urne mit Schalen als Grabbeigaben. Die Urnenbestattung zählt, auch weil sie heute wieder sehr gefragt ist, also auch in Usingen nicht zu den neuzeitlichen Errungenschaften.

Und während die Besucher zwischendurch auch einen Blick in ein Modell erster Häuser mit Webstuhl, Feuerstelle und Schlafplatz werfen können, geht es mit einem Schritt in die Eisenzeit, etwa 800 bis 450 Jahre vor Christus. Schwere Krüge belegen den Handel mit Eisen aber auch mit Salz, das bis nach Usingen transportiert wurde. Ein wenig rätselhaft wirken da die Kupferringe in den Vitrinen. "Wir gehen davon aus, dass es Schmuck ist, der bereits den Kindern angelegt, aber nicht mehr ausgezogen werden konnte", erklärt Sybille Hofmann.

Wie ein Sattel geformt

Denn es fehlt die Möglichkeit eines Verschlusses. Folglich wuchs der Mensch mit dem Ring. "Bei einer Keltenfürstin hat man etwas ähnliches gefunden", weiß der Vorsitzende. Eine Sattelmühle in der Vitrine nebenan erzählt etwas über die Verarbeitung des Getreides im 4. oder 5. Jahrhundert vor Christus. Der Mahlstein ist wie ein Sattel geformt, das Getreide wurde zwischen ihm und einem weiteren Stein zerrieben, "weshalb die Menschen oftmals schlechte Zähne hatten, denn etwas von dem Gestein kam immer in das Mehl".

Kaum 20 Schritte liegen nun bereits hinter den Besuchern, doch jeder bringt sie einen großen Schritt näher in die Neuzeit. Mit Schmuck, Schalen und reich verzierten Krügen aus der Römerzeit, etwa 500 Jahre nach Christus, endet die Ausstellung. Dass sie in wenigen Schritten 10 000 Jahre zurückgelegt haben, das merken die Besucher am Weg jedenfalls nicht, wohl aber an der faszinierenden Geschichte, die das Ehepaar Hofmann den Besuchern immer wieder sonntags näher bringt. Tatjana Seibt

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