Ort des Gedenkens

44 Bäume für Wehrheims neuen Friedhof

Der „Totenmonat“ November mit seinen Feiertagen bringt das Thema „Gräber und Bestattungen“ ins öffentliche Bewusstsein. Die kommunalen Friedhöfe werden – zumindest an jenen Tagen – zu Orten des Gedenkens, der Rückschau.

Der „Totenmonat“ November mit seinen Feiertagen bringt das Thema „Gräber und Bestattungen“ ins öffentliche Bewusstsein. Die kommunalen Friedhöfe werden – zumindest an jenen Tagen – zu Orten des Gedenkens, der Rückschau. Durchaus angemessen, die entsprechenden Überlieferungen der Gemeinde in den Blick zu nehmen. So taucht ein Mann aus dem Dunkel der Historie auf, der in dem heute nicht mehr existierenden Anwesen Dorfborngasse 3 aufgewachsen ist und in den Akten als „Landmann“ bezeichnet wird.

Johann Walter Kolass wurde 1781 geboren, aus seiner Ehe mit der aus Obernhain stammenden Maria Rühl gingen zwei Töchter hervor. Zwei Söhne waren bereits im Kindesalter verstorben. Im Jahre 1836 – vor 180 Jahren also – wurde Landwirt Kolass von der Gemeindespitze beauftragt, eine nicht alltägliche Reise auf sich zu nehmen.

Unter einem grauen Novemberhimmel macht er sich mit seinem Gespann auf den Weg zur „Handelsgärtnerei“ J. Rinz Junior in Frankfurt am Main. „40 Stück hochstämmige Kugelacacien sowie 4 Trauerweiden“ sollen dort abgeholt werden. Es wird eine beschwerliche Fahrt – nicht zuletzt deshalb, weil der brave Landmann sechs Grenzen passieren und überall Wegegeld entrichten muss.

Seit 1806 gehört Wehrheim zum Herzogtum Nassau, das Wesen der Kleinstaaterei ist rundherum politische Realität. Längst hat der einst stolze Flecken seine vormaligen Stadtrechte eingebüßt, die Amtsverwalter sind abgezogen, eine neue Ära nimmt ihren Lauf. Auch andernorts wird die staatliche Kleinteiligkeit Deutschlands als „Kuriosum“ empfunden.

Als – ein Beispiel nur – im Jahre 1860 die Bahnstrecke zwischen Frankfurt und Bad Homburg eröffnet wird, müssen mehrere Länder durchfahren werden: Nach der Freien Reichsstadt am Main folgt bei Bockenheim das kurhessische Gebiet, danach die Einheiten Nassau (bei Rödelheim), Hessen-Darmstadt (die Enklave Steinbach) und Hessen-Homburg mit seiner Landgrafschaft.

Vor 180 Jahren ist an eine Dampfbahn nebst Schienenstrang nicht zu denken. Walter Kolass hat nach Erledigung seines Transportes eine Rechnung gestellt und die Auslagen penibel aufgelistet. Unter dem Datum 10. November 1836 ist vermerkt: „Fuhrlohn: 5 Gulden; Chausseegeld in Dornholzhausen von hin und her: 48 Kreuzer; daselbst in Ober-Eschbach: 11 Kreuzer; daselbst in Bonames: 18 Kreuzer; daselbst in Breunesheim: 6 Kreuzer; auf der Warth: 6 Kreuzer; daselbst zu Frankfurt hin: 12 Kreuzer; Ausfuhr aus Frankfurt: 6 Kreuzer.“

Die auf dem Kolass’schen Wagen herbeigeschafften 44 jungen Bäume sind für den „neuen Todenhof“ von Wehrheim bestimmt. Ein Ort, an dem heute noch begraben wird – der zur damaligen Zeit jedoch viel kleiner, überschaubarer war. Bereits 1822 – die Gräberstätte rund um die evangelische Kirche war überbelegt – erwarb die Gemeinde 305 Ruthen Land (was rund 2700 Quadratmetern entspricht) in den Gemarkungsteilen „Oberste Hohl“, „Auf der Hohl“ und „Hinter den Schlossgärten“. Ein Jahr später wurden in der Randlage des Dorfes die ersten Verstorbenen bestattet.

Weitere Aktenfunde geben Aufschluss zu den mehrfachen Friedhofserweiterungen. Am 4. März 1860 richtet der Gemeinderat ein Gesuch an das Herzogliche Amt: „Da der Totenhof so weit bis auf einige Gräber durchgegraben ist, so ist eine frische Umgrabung geboten. Es soll dem Amte hiervon Anzeige gemacht werden, ob es rätlich und zulässig sei.“ Wenige Tage später wird die geplante Ausdehnung des „neuen Friedhofs“ bewilligt. Bürgermeister Jäger, sein Stellvertreter Wagner und die Ratsmitglieder müssen nun festlegen, in welche Richtung erweitert werden soll.

Schon am 13. März favorisiert eine Mehrheit die Variante entlang des Rodheimer Weges (heutige Rodheimer Straße). Der Beschluss wird jedoch mit Datum 11. April aufgehoben und eine Ausdehnung „nach der Hohl zu“ beschlossen.

Der Gottesacker wächst in regelmäßigen Abständen – im 19. Jahrhundert sind zusätzliche Erweiterungen 1870 und 1882 dokumentiert. Im Zuge des Rathaus-Neubaus 1860/61 muss zudem das alte und baufällige „Todtenhaus“ auf dem Kirchhof weichen. Es soll – so der Wille des dörflichen Rates – auf dem Friedhof an der Hohl in Steinbauweise neu erstehen.

Ein Wort noch zu dem Grenzfahrer Walter Kolass: Er ist der letzte Kolass in der Dorfborngasse Nummer 3 – nach ihm übernimmt Schwiegersohn Fritz Wagner im Jahre 1840 das Anwesen.

Zunächst wird dort weiterhin Landwirtschaft betrieben, der Nachkomme August Wagner etabliert daneben eine Schankwirtschaft. Bis 1914 gehört das Gasthaus „Zum Engel“ zu der traditionsreichen Wehrheimer Dorfschänken-Landschaft. Noch 1897 wird ein Saal in einem der Nebengebäude eröffnet.

Mit dem Ende des Schankgeschäftes tritt der neue Besitzer Heinrich Pauli auf den Plan. Dort, wo vorzeiten Walter Kolass seine Pferde ins Geschirr nahm und Richtung Frankfurt aufbrach, erhebt sich heute die „Wehrheimer Mitte“. Die Spuren der dort gelegenen alten Gehöfte sind mittlerweile aus der Geschichte getilgt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare