„Mon Jardin“

Ein besonderes Gemeinschaftsprojekt

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Das Sprichwort sagt: Viele Köche verderben den Brei. Doch auch wenn mit frischem Gemüse gut und lecker gekocht werden kann, passt es nicht auf Gärtner. Denn wo in Wehrheim besonders viele Hobbybauern auf engem Raum ackern, wird es richtig schön – und gemütlich. „Mon Jardin“ hat sich in nur drei Jahren vom Experiment zum Vorzeigeprojekt gemausert. Alle 13 Parzellen werden bewirtschaftet, die ersten Feldfrüchte sind bereits geerntet.

Am östlichen Rande des Apfeldorfes, abgeschirmt vom Friedhof und der Grünecke, liegt ein ganz besonderer Garten, mit einem nicht minder besonderem Konzept: Was in verdichteten Großstädten vor einigen Jahren zum Trend wurde, wird auch in Wehrheim gelebt: Urban Gardening (lesen Sie dazu auch die Info-Box). „Mon Jardin“, übersetzt „Mein Garten“ sind 900 Quadratmeter Gemeinschaft, unterteilt in 13 Parzellen, auf.

Nun ist Wehrheim keine Großstadt – man könnte gut meinen, dass es hier genug Flächen gibt, auf denen Interessierte Obst und Gemüse anbauen können, immerhin ist das Apfeldorf noch immer ländlich geprägt. Doch mit ihrem Projekt, das Hervé Bertucat und Andreas Vongries 2015 ins Leben gerufen haben, haben die beiden Organisatoren von „Mon Jardin“ eine Lücke gefunden, die nur darauf gewartet hatte, geschlossen zu werden.

„Hervé Bertucat hat das Grundstück vor fünf Jahren gekauft – in den ersten Jahren standen hier Pferde“, erzählt Vongries. Dann entstand kam die Idee, auf den vorderen 900 Quadratmetern – der hintere Teil ist heute Bertucats privater Bereich – einen Gemeinschaftsgarten anzulegen.

In mühevoller Arbeit und mit Unterstützung heimischer Landwirte wurde zunächst im wahrsten Sinne des Wortes „geackert“. Der Boden wurde tief gepflügt und aufbereitet, so dass heute auch anspruchsvolles Gemüse gute Bedingungen findet. Ein Zaun wurde errichtet, um die Ernte für Wildtiere unerreichbar zu machen und eine kleine Hütte beherbergt die Gartengeräte, auf die die Hobby-Gärtner für ihre Arbeit zugreifen können. Gegen 90 Euro im Jahr pro Parzelle gibt es aber noch weitere Vorteile: Landschaftsgärtner Vongries hat fünf große, je 1000 Liter fassende Wasserbehälter installiert und befüllt sie regelmäßig, damit die Gärtner das Wasser nicht selbst organisieren müssen. Zusammen mit diversen Regentonnen lassen sich so fast 7000 Liter Wasser gegen die Trockenheit bunkern.

Im Laufe der Jahre ist eine Sitzgruppe hinzugekommen, eine Feuerschale spendet bei abendlichen Treffen Wärme. Denn außer dem individuellen Interesse am Gartenbau, wächst auch die Gemeinschaft. Einige Nutzer teilen sich Parzellen – und dass sich für den Urlaub jemand findet, der die Pflanzen pflegt, ist Ehrensache.

Auch andere Arbeiten teilt sich die Gemeinschaft. So wurden die Trittbretter zwischen den Pflanzreihen im Frühjahr gemeinsam gelegt und werden im Herbst auch gemeinsam wieder winterfest verstaut. Auch für das Mähen der Rasenflächen hat sich bislang immer einer der ambitionierten Gärtner gefunden. Und noch etwas zeigt, dass die Gemeinschaft funktioniert: Die Parzellen trennen keine Zäune oder Palisaden, sondern Beerensträucher. So gibt es derzeit als Lohn für die Arbeit frisches und kostenloses Obst – etwa Stachel- oder Johannisbeeren.

Regeln hingegen gibt es nur wenige: „Kein anorganischer Dünger und nichts spritzen“, betont Vongries. „Bei anderen Projekten wird häufig vorgegeben, was angepflanzt werden darf, teilweise wird auch das Saatgut vorgeschrieben – das ist bei uns nicht der Fall.“

So entsteht eine außergewöhnliche Vielfalt: Neben Kohl und Kartoffeln wachsen Tomaten, Schnittlauch, Fenchel, Kohlrabi und Salat. Vongries selbst wird auf seiner Parzelle richtig exotisch. Lavendel umrahmt die kleine Fläche, ein kleiner Olivenbaum rundet das Bild ab. „Klar, der muss im Winter raus, damit er nicht eingeht“, weiß er. Aber bei den restlichen Pflanzen ist auch jeder Gärtner seines Glückes Schmied. „Vergangene Woche sind beim Umgraben noch einige Kartoffeln von der vergangenen Saison aufgetaucht – die haben als Bratkartoffeln köstlich geschmeckt.

Eine erste offizielle Würdigung gab es bereits von Garten-Experten: Alljährlich ziehen die Jurys durch das Apfeldorf und seine Ortsteile, um die Gärten zu bestaunen und bewerten, deren Besitzer sich für den kommunalen Gartenwettbewerb angemeldet haben. Viele machen seit Jahren mit. Man kennt sich, man weiß um die Qualitäten und Stärken der Teilnehmer.

Dass dem Wehrheimer Jury-Chef Franz Josef Salzmann eine echte Überraschung begegnet, ist selten. Diesmal war es so weit. Erstaunt bekannte er, „Ich hätte nicht gedacht, dass das so toll wird.“ Dabei stellen die urbanen Gärtner die Jury vor ein Problem: Denn das Projekt lässt sich schlecht einer der bestehenden Kategorien zuordnen – und weil es in Wehrheim einzigartig ist, ergibt eine neue Kategorie keinen Sinn. Den Vorschlag der Jury, dass die einzelnen Pächter im kommenden Jahr doch gegeneinander antreten könnten, stieß direkt auf Ablehnung. „Wir sind ein Team – und keine Konkurrenten.“,

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