Das Schloss in Kransberg während der "Organisation Gehlen"-Zeit ab 1947. Auf der Turmspitze ist die Richtantenne der Abteilung Fernmeldeaufklärung gut zu erkennen.
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Das Schloss in Kransberg während der "Organisation Gehlen"-Zeit ab 1947. Auf der Turmspitze ist die Richtantenne der Abteilung Fernmeldeaufklärung gut zu erkennen.

Im Kransberger Schloss hatte einst der BND einen Sitz

Bürger übernahmen Kurierfahrten für den Geheimdienst

  • vonOlaf Velte
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Fernmeldeaufklärung residierte rund zehn Jahr im alten Gemäuer - 116 Mitarbeiter vor Ort

Als Erwin Hoffmann im Spätherbst 1948 ins Taunus-Dörfchen Kransberg beordert wird, hat der Ritterkreuzträger die Panzerschlachten des Zweiten Weltkrieges mitsamt amerikanischer Gefangenschaft hinter und eine ungewisse Zukunft vor sich. "Nach der Lagerhaft in Grafenwöhr", erzählt heute sein Sohn Werner Hoffmann, "hat er unsere Mutter geheiratet und kam als Angestellter zum US-Militär." Aus dem gelernten Förster wird auf Anweisung des geheimdienstlich agierenden European Command Intelligence Center mit einem Male ein Kraftfahrer für das sich formierende deutsche Abwehr- und Nachrichtenwesen. In den nachfolgenden 12 Jahren gilt für den jungen Familienvater die Dienststellenadresse "Schloss Kransberg".

Logiert wird zunächst am Ortseingang, auf dem Scholz'schen Bauernhof. Während die Familie wächst, sich zu den Kindern Sylvia und Werner auch Sohn Dieter gesellt, befördert Erwin Hoffmann neben der Post auch das zunächst im Hochtaunusgebiet einquartierte Personal der "Organisation Gehlen". Seit April 1947 recherchieren die Abteilungen Fernmeldeaufklärung sowie Presse- und Wirtschaftsauswertung in 78 neu bestückten Schloss-Räumen. Ganze Familien sind über den Dächern von Kransberg eingezogen, Geheimhaltung und Abschottung genießen höchste Priorität.

Gut bekannt mit dem Hausmeister

Die noch heute im Kreisbezirk wohnenden Gebrüder Hoffmann erinnern sich: "Dort haben auch etliche Kransberger Leute in Küche und Wäscherei gearbeitet, mit dem Enkel des Hausmeisters Krämer waren wir gut bekannt."

Nach Auskunft des leitenden BND-Historikers Bodo Hechelhammer wohnen ab 1950 zahlreiche Mitarbeiter im Umland, verteilen sich zwei Dutzend Familien im Raum zwischen Usingen und Bad Nauheim. Die auf hochgelegenem Fels residierende "Horchstelle" wird monatlich mit rund 15 000 Mark ausgestattet, wenig später übernimmt die Oberfinanzdirektion Frankfurt anstelle der Amerikaner das verwaltungstechnische Regiment.

In der Kantine läuft "Zum Blauen Bock"

Es sind jene Jahre, in denen unter dem uralten, mittlerweile mit Antennen bestückten Burgturm nur noch die Experten der Funkaufklärung verbleiben, in denen der Tarnname "Capitol" wirksam wird. Vater Erwin nimmt seine Buben mit auf Tour, wenn es an den Wochenenden im "Dienst-Käfer" aufs Schloss und in den Anspacher Wald zum Opel-Jagdhaus geht. "Eine Sensation war für uns der Fernseher in der Burg-Kantine - mit Begeisterung haben wir da den Blauen Bock gesehen!" Auch die große Spielwiese im hinteren Teil des Areals und die stimmungsvollen Nikolausfeiern im Rittersaal sind unvergessen.

Auf dem Opel-Anwesen am Weihersgrund trifft man sich mit der Familie des damaligen Verwalters und Geheimdienst-Mannes Albert Klaus. Eine Freundschaft, die längst die "rein geschäftliche Verbindung" abgelöst hat. "Albert und sein Bruder Karl waren lustige Typen, da wurde immer viel gelacht", so Werner Hoffmann. Die prächtige Waldvilla sei damals bewohnt, regelmäßige Postlieferungen unabdinglich gewesen. Kurierdienste führen auch in eine Feldgemarkung nahe Butzbach, wo der Kommando-Peilsender "Papermill" seinen Standort hat. Ober-Aufklärer Reinhard Gehlen und andere Führungskräfte lassen sich zuweilen über die Taunusstraßen chauffieren. "Wenn ein hohes Tier zu fahren war, galt Stillschweigen", sagt Dieter Hoffmann. Geheimniskrämerei ist innerhalb der Familie dennoch selten ein Thema. Auch nachdem Vater Erwin zum BND-Ermittler umgeschult und mit Überwachungsaufgaben bedacht wird, bleibt der Nachwuchs stets bestens informiert.

Immerhin dürfen die Heranwachsenden allabendlich die vom Vater diktierten Tagesberichte in die Schreibmaschine tippen, sich im nachrichtendienstlichen Zweifingersystem üben. "Es war eine wunderbare Zeit." Sogar ein Schulausflug nach Berlin steht unter besonderen Vorzeichen. Werner Hoffmann: "Ich konnte die Busreise aus Sicherheitsgründen nicht mitmachen, musste eingeflogen werden. Der BND jedenfalls hat das Flugticket bezahlt."

Kontakt ins Usinger Land bleibt bestehen

1961 endet das Schloss-Zeitalter für die auf 116 Köpfe angewachsene Mitarbeiterschaft. Während Bundeswehr-Soldaten in die Kemenaten einziehen, orientieren sich Hoffmann und Kollegen zuerst nach Frankfurt, später nach Darmstadt und Wiesbaden. Eine Ära ist vorbei.

Vorbei die Fahrten im VW-Käfer und im Opel-Blitz, das Betanken an der "Gasolin"-Zapfstelle im Schlosshof, die außerdienstlichen Transporte beim "Rund um Kransberg"-Radrennen. Der 1920 in Ostpreußen geborene Erwin Hoffmann ist bis zur Pension 1981 in Diensten der deutschen Abwehrbehörde, ohne jemals den Kontakt in das Usinger Land abreißen zu lassen. "In Kransberg lebten die Bekannten und Freunde, zu den Wochenenden sind wir immer angereist und haben zwei gemietete Zimmerchen bezogen."

Eine Herzensgegend, der sich auch die Brüder Dieter und Werner verbunden fühlen - der eine lebt seit langem unter dem eindrucksvollen Schlossgebäude, der andere nur eine Passhöhe entfernt. Dass jeder Dorf-Gang mit Erinnerungen an die Frühphase deutscher Geheimdiensttätigkeit aufgeladen ist - wer will es bezweifeln?

Erwin Hoffmann während seiner Kransberger Zeit mit dem "Dienst-Käfer". Als Kraftfahrer transportierte er das Schloss-Personal und die tägliche Post.
Eine sonntägliche Kaffee-Runde auf der Schlossterrasse. Deutsche und amerikanische Geheimdienstler genießen mit ihren Ehefrauen das schöne Taunus-Ambiente.

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