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Das Bürgerhaus bereitet den Grävenwiesbachern Kopfzerbrechen

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Von: Ursula Konder

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Die Grävenwiesbacher Politiker haben eine der schwersten und wichtigsten Entscheidungen für die Kerngemeinde auf dem Tisch: die Sanierung des Bürgerhauses. Eine Bürgerversammlung sollte helfen, die richtige Lösung zu finden. Wünsche und Ideen gibt es reichlich . . .

Damit hätte Winfried Book (CDU) nun wirklich nicht gerechnet: Rund 120 Bürger kamen am Dienstagabend ins Bürgerhaus am Wuenheimer Platz, um zu hören, wie es denn nun mit dem altehrwürdigen Bau weitergehen soll. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung hatte den Informations- und Diskussionsabend „angezettelt“ und war nun von der Resonanz positiv überrascht: „Das zeigt, wie wichtig die Angelegenheit für alle ist“, sagte er der TZ.

Dass die Grävenwiesbacher ihr Bürgerhaus nicht aufgeben wollen, ist nicht weiter verwunderlich, wirft man einen Blick in die Geschichte des das Ortsbild prägenden Baus. 1848 wurde das Gebäude eingeweiht. Seine Funktion: Rathaus, Schule und Lehrerwohnung. 1940/41 wurden zwei Räume durch den Ortskommandanten für die Einrichtung einer Nachrichtenermittlungsstelle beschlagnahmt, 1941 hielt die Volksbücherei dort Einzug. 1952 erfolgte der Umbau der Lehrerwohnung, die zum Schluss als Flüchtlingswohnung gedient hatte. Bis 1973 wurden im heutigen Bürgerhaus die Schulklassen 1 bis 4 unterrichtet, und einige der ehemaligen Schüler waren auch zur Bürgerversammlung gekommen. Ab 1976 wurde das Haus zum Bürgerhaus umgebaut, 1978 eingeweiht. Nicht nur die Vereine nutzen seither die Räume, auch kleinere Veranstaltungen fanden dort statt. Mehrfach wurde in den vergangenen 90 Jahren renoviert und instandgesetzt.

All dies hat wenig genutzt: „Der Zustand ist desolat, es ist nur noch eine Teilnutzung möglich“, brachte es Book auf den Punkt. Einige Vereine mussten bereits hinauskomplimentiert werden, da der Brandschutz wegen eines fehlenden ersten Fluchtweges dem Haus die Rote Karte gezeigt hatte. Im Brandfall würde das offene Treppenhaus eine Gefahr für alle darstellen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Obergeschoss aufhalten. Im Keller ist es feucht, Fußboden und Wände weisen Risse auf, es fehlt die Barrierefreiheit. Wer auf die Toilette muss, hat eine für ältere Menschen nicht gerade ungefährliche Treppe zu überwinden. Im Kellergeschoss erwartet die Gäste dann ein mehr als übler Geruch. Unhaltbare Zustände. „Hier will doch niemand eine schöne Feier ausrichten“, lautete denn auch die einhellige Meinung der Anwesenden.

Abriss nicht machbar

Bürgermeister Roland Seel (CDU) informierte über die Möglichkeiten der Sanierung. Abreißen gehe auf keinen Fall, das habe das Denkmalschutzamt klar gemacht. Das Dachgebälk und die aus Sandstein gemauerten Fenster stehen unter Schutz, ebenso das historische Erscheinungsbild. Heißt: Die alte Fassade muss erhalten bleiben. Klar sei jedoch auch, so Seel: „Es muss etwas gemacht werden, und wir müssen es jetzt entscheiden, denn es wird nicht besser.“ Allerdings wolle er nicht in der Haut der Gemeindevertreter stecken, die die Entscheidung treffen müssen.

Seels aufgezeigte Denkmodelle gingen von einer kleinen Sanierung (nur Erdgeschoss) über eine große Lösung – Ausbau Dachgeschoss plus Anbau für einen barrierefreien Zugang plus Anbau zur rechten Seite – bis hin zu Zumauern und neu bauen an anderer Stelle. Letzteres fand keinen Anklang und würde auch nicht weniger kosten.

Auch wenn konträr diskutiert wurde, so war man sich doch im Großen und Ganzen einig, dass das Bürgerhaus im Herzen der Gemeinde auch für die Vereine erhalten bleiben soll. „Wie wir es auch drehen, wir reden immer über mindestes zwei Millionen Euro“, ließ Seel wissen. Und er machte keinen Hehl daraus, dass die Kommune das Geld nicht hat, 9 Millionen bereits auf der Soll-Seite stehen und es keine Netto-Neuverschuldung geben dürfe. Wenn das Geld aufgenommen werden müsste, bedeute das: In den nächsten vier bis fünf Jahren müssten alle anderen Projekt zurückgestellt werden.

„Wir wollen es behalten, können aber nicht haben, was wir wollen“, resümierte Gudrun Schirrmann. Sie schlug vor, das Haus aufgrund einer soliden Planung in den kommenden 20 Jahren Schritt für Schritt zu sanieren. Wenn das nicht machbar sei, dann müsse überlegt werden, ob man das Haus nicht besser in andere Hände gebe, mit einer Nutzung, die jedoch auch der Gemeinde zugute komme – Stichwort Hotel. Über einen solchen Zeitraum zu sanieren, fand jedoch keinen Gefallen. Und wer weiß, dass ein Hotel in den Arkaden sich mehrfach als Luftblase herausgestellt hatte, dürfte diesen Gedanken nicht wirklich in Betracht ziehen.

Auch die Frequentierung wurde angesprochen und überlegt, ob man die Kosten durch die Raumnutzung wieder hereinbekommen könne. Ein Anwohner meinte dazu: „So, wie ich das beobachten kann, sind die Räume höchstens zu 20 Prozent ausgelastet“, und Roland Seel nickte. Herbert Bube meinte: „Von der jetzigen Nutzung darf man nicht ausgehen. Wer will denn hier feiern, wenn es unten stinkt wie es stinkt!“ Er erntete Applaus und zustimmendes Nicken. Auch vom Rathauschef. David Wade (SPD) will erst einmal wissen, was die Nur-Sanierung des Erdgeschosses kosten würde. Nur auf der Basis von fundierten Zahlen könne er als Gemeindevertreter entscheiden.

Entscheidungen wurden am Dienstag freilich keine getroffen, das war aber auch nicht die Intention gewesen. Winfried Book war zufrieden. Auch weil er davon überzeugt ist, „dass die Gemeindevertreter in einer solchen Angelegenheit kein Parteien-Denken an den Tag legen, sondern in der Sache entscheiden werden“.

Für Bürger und Politiker heißt es jetzt: Erneuter Rückzug in die Denk-Ecke, damit am Ende die richtige Entscheidung getroffen werden kann.

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