Mike Marder (Mitte) ist Mitarbeiter der Oberurseler Werkstätten. Auf dem Wertstoff-Hof der Deponie Brandholz zeigt er Victoria Weinand und Kevin Hohn, welcher Müll in welchen Container kommt. Derzeit wird geprüft, ob er im nächsten Jahr von der Rhein-Main-Deponie GmbH einen regulären Arbeitsvertrag erhält.
+
Mike Marder (Mitte) ist Mitarbeiter der Oberurseler Werkstätten. Auf dem Wertstoff-Hof der Deponie Brandholz zeigt er Victoria Weinand und Kevin Hohn, welcher Müll in welchen Container kommt. Derzeit wird geprüft, ob er im nächsten Jahr von der Rhein-Main-Deponie GmbH einen regulären Arbeitsvertrag erhält.

Usinger Land

"Der Gedenktag für Behinderte ist wichtig"

  • VonMonika Schwarz-Cromm
    schließen

Am 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung - ein Tag, an dem daran erinnert wird, dass jedem Menschen Würde, Rechte und Wohlergehen zustehen.Usinger Land - Am 3. Dezember 1992 einigte sich die UNO auf einen Internationalen Tag für behinderte Menschen, der erstmals 2003 gefeiert wurde. TZ-Mitarbeiterin Monika Schwarz-Cromm sprach mit Michael Thiele.

Er ist Gründungsmitglied der Karawane 2000, ist heute deren Ehrenpräsident und baute die IB-Behindertenhilfe mit auf. Nach 35 Jahren erfolgreicher IB-Arbeit ging er 2020 in den Ruhestand, ist aber immer noch politisch aktiv und übernimmt seit langem für die Grünen im Landeswohlfahrtsverband Hessen den Fraktionsvorsitz.

Herr Thiele, was halten Sie von einem solchen Gedenktag für behinderte Menschen? Ist er sinnvoll?

Die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind immer noch nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung vorgedrungen. Ja, der Gedenktag ist wichtig. Es fehlen aber entsprechende Veranstaltungen. Im Rahmen der Karawane 2000 und damit im internationalen Kontext habe ich das Gedenken schon oft erlebt. Ich verbinde mit diesem Gedenktag auch einen ganz persönlichen Höhepunkt in meinem Leben. Ich durfte am 3. Dezember 2000 als Deutscher anlässlich dieses Gedenktages zum Thema Menschen mit Behinderung in der israelischen Knesset einen Vortrag halten.

Wie groß ist Ihre Berufserfahrung im Bereich Behindertenarbeit?

Ich bin gelernter Behinderten-Pädagoge. 40 Jahre habe ich im Bereich der Behindertenhilfe gearbeitet, genauso lange wie ich mich politisch für dieses Thema einsetze. Von 1984 bis 2017 war ich Geschäftsführer der IB-Behindertenhilfe und habe zudem über 30 Jahre in der Vertragskommission im Land mitgewirkt.

Wie sah das Leben von behinderten Menschen früher aus?

Damals sah die Behindertenarbeit noch ganz anders aus als heute. Durch die Euthanasie, bei der rund 80 Prozent der Menschen mit psychischer und geistiger Behinderung durch die Nazis umgebracht wurden, gab es nicht so viele behinderte Menschen in Deutschland, anders als in anderen Ländern. Sie lebten menschenunwürdig und isoliert in großen Anstalten. Als die Behinderten älter wurden, entstand Ende der Sechziger die ersten Behindertenwerkstätten. Der nächste Schritt: Wo sollten sie wohnen? So entstanden Anfang der Siebziger auch die ersten Wohnheime. Doch es gab viel zu wenig Plätze. Menschen mit hohem Betreuungsbedarf fielen durchs Raster.

Was haben sie unternommen, um das zu ändern?

Ich war 1980 in Weilmünster der erste, der in der Psychiatrie in Hessen mit behinderten Erwachsenen arbeitete. Mir war aber schnell klar, dass ich nachhaltig nur etwas erreiche, wenn ich das über die Politik angehe. Und so kam ich zu meiner politischen Laufbahn im hessischen Sozialparlament.

Gab es Begebenheiten, die Sie besonders gerührt haben?

Anfangs war ich noch ganz nah dran am Menschen. Da habe ich so manchen Klienten viele Jahre aus der Psychiatrie heraus in die Eigenständigkeit begleitet. Besonders nahe ging es mir, wenn Klienten das Geschehen auch reflektieren konnten und auf die eigenen Fortschritte zurückblickten.

Wofür haben Sie sich im Laufe der Jahre eingesetzt, worum genau gekämpft?

Das Schönste ist es, zu sehen, dass sich jeder Mensch weiterentwickeln möchte und kann, egal, ob er behindert ist oder nicht. Einen Behinderten nicht zu fördern heißt, er wird in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Das macht ihn unzufriedenen und auffällig. Genau das wurde ihm dann in früheren Jahren zum Verhängnis, worauf man ihn in die Psychiatrie abschob. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass es solche Rahmenbedingungen heute nicht mehr gibt.

Sie konnten also bezüglich der Behindertenarbeit Ihre Wünsche und Vorstellungen umsetzen?

Das beweisen die Zahlen: Heute leben in Hessen mehr als 63 Prozent der Hilfeempfänger in der eigenen Häuslichkeit. Nur noch ein kleiner Teil ist stationär untergebracht. Vor rund 20 Jahren war das genau umgekehrt.

Seit 2017 gilt das Bundes-Teilhabe-Gesetz, das behinderten Menschen mehr Rechte gewährleistet und ihre Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen regelt. Hält das Gesetz, was es verspricht?

Ich nenne es einen Scheinriesen mit großen Worten und viel Hülse, weil das Teilhabegesetz die bestehenden Rechte von behinderten Menschen häufig nur anders benennt und Rahmenbedingungen schafft, die lediglich formal etwas verändern. Vor allem aber ist das Teilhabegesetz für die Betroffenen und deren Angehörige nicht mehr überschaubar.

Wo muss sich für behinderte Menschen und ihre Alltagssituationen noch mehr verändern?

Genau da, wo das größte Defizit besteht, nämlich bei Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt. Meist sind sie in Werkstätten untergebracht. Was fehlt, sind genügend Außenarbeitsplätze für eine integrierte Beschäftigung von behinderten Menschen. Solche Beschäftigungs-Möglichkeiten über das Budget für Arbeit und Ausbildung gibt es viel zu wenig. Es müssten daher Träger gefunden werden, die solche Angebote machen.

Was haben Sie für behinderte Menschen erreicht?

Jeder Mensch muss die Perspektive für sich haben, Chancen und Wünsche verwirklichen zu können und sich im Leben zu entwickeln. Das gilt auch für behinderte Menschen. Für jeden mir anvertrauten behinderten Menschen habe ich mir genau vorgestellt und sie befragt, wie sein idealer Arbeitsplatz aussehen könnte. Und tatsächlich hat das dann bei 50 Prozent geklappt. Und sie schafften es sogar, ihren Arbeitsplatz zu halten. In der Zeit in Bommersheim haben zwei sogar ihren Führerschein gemacht.

Gibt es ein Patentrezept?

Die Berührungsängste hören nur auf, wenn man sich auf behinderte Menschen einlässt. Keine Angst im Umgang mit Behinderten haben, etwas falsch zu machen, etwas nicht zu verstehen oder gar etwas eklig zu finden. Menschen mit Behinderung sind genauso nett oder unfreundlich wie andere Menschen auch. Nur wer sich darauf einlässt, kann die Persönlichkeit eines schwerbehinderten Menschen erleben. Das Kennenlernen ist also die entscheidende Größe. Menschen sind divers in jeder Beziehung. Jeder besitzt seine Eigenart und seine Persönlichkeit. Das Schlimmste dabei sind die gepflegten Vorurteile.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass Menschen mit Behinderung dauerhaft und selbstverständlich in der Mitte der Gesellschaft leben können.

Wenn es um die Rechte und ein lebenswertes Dasein von behinderten Menschen geht, dann ist Michael Thiele ganz besonders engagiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare