Das Futterangebot von Franz Josef Salzmann wird in diesem Winter nur von wenigen heimischen Vögeln angenommen.
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Das Futterangebot von Franz Josef Salzmann wird in diesem Winter nur von wenigen heimischen Vögeln angenommen.

Naturschützer im Usinger Land schlagen Alarm

Die Vielfalt bei den Vögeln geht in den Keller

  • vonGerrit Mai
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Die große Vogelzählung bestätigt die größten Befürchtungen

Im vergangenen Jahr haben sie noch mit mir gefrühstückt. Nein, Kohl-, Blaumeisen und Spatzen haben nicht von meinem Tellerchen gegessen und auch nicht aus meinem Becherchen getrunken. Während ich in der Küche mein Brötchen aß, konnte ich sie durch das Fenster beobachten, wie sie sich draußen am Futterhäuschen an Sonnenblumenkernen, Hirse, Nüssen und Getreide gelabt haben. Früher haben sich sogar noch Dompfaff, Buntspecht, Distelfink und Buchfink ihr Futter geholt.

In diesem Winter vermisse ich meine "Mitesser". Das liegt aber nicht daran, dass ich zu anderen Zeiten frühstücke, denn ich bin nicht die Einzigen, die das feststellt: "Dass keine Vögel mehr zum Futterhäuschen komme, höre ich in den letzten Wochen immer wieder", bestätigt Franz Josef Salzmann, der Vogelfachmann des Wehrheimer Nabu.

Das bekannte Volkslied: "Alle Vögel sind schon da, Amsel, Drossel, Fink und Star, und die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen", trifft schon lange nicht mehr zu, denn gerade die Vogelarten, die eigentlich überall, in der sogenannten Normallandschaft vorkommen", seien davon besonders betroffen - sogar die Spatzen." Es könnte sein, dass in Zukunft jeder, der heutige Allerweltsvögel sehen möchte, in Zukunft ins nächste Naturschutzgebiet gehen müsste.

Das kann Friederike Schulze, die Vorsitzende der Ortsgruppe Neu-Anspach/Usingen des BUND für das Usinger Land bestätigen. Sie hat viele Stimmen gehört, die ähnliches berichteten, und im eigenen Garten die Erfahrung gemacht, dass der Rückgang gerade in diesem Jahr immens ist. Meisen, Amseln und Spatzen kommen wesentlich weniger zum Futterhäuschen, lediglich der Zaunkönig, der wie ein Rotkehlchen bei ihr genistet hat, hat die Treue gehalten, das Rotkehlchen dagegen vermisst sie.

Friederike Schulze hat für die Minimierung neben den Insektiziden einen weiteren Grund entdeckt, der besonders die Spatzen betrifft: "Heute werden die Äcker gleich nach dem Ernten umgepflügt." Die Sperlinge hätten keine Möglichkeit, liegen gebliebene Samen noch aufzupicken.

Beweise durch Zählaktion

Die "Stunde der Wintervögel", die bundesweite Zählaktion des Nabu, hat die gefühlte Minderung der Gartenvögel bewiesen. Zu erkennen war das auch bei der Beobachtung der Futterstelle im Wolfsborn, die Franz Josef Salzmann seit 35 Jahren für den Nabu betreut.

Im vergangenen Jahr habe er jeweils 20 Kohl- und Blaumeisen, sowie etliche Kleiber, Rotkehlchen und Goldammern gesehen. In diesem Jahr waren es lediglich je vier Blau- und Kohlmeisen, je ein Rotkehlchen, zwei Kleiber, zwei Goldammer, zwei Sumpfmeisen und als Besonderheit einen Bergfinken. Zwei Amseln hatten das kleine Waldstück innerhalb der Beobachtungsstunde überflogen.

Mögliche Gründe für den Rückgang der heimischen Vögel dafür gebe es viele, und Salzmann vermutet, dass der festgestellte rapide Rückgang von einem Jahr auf das andere auch mit der Trockenheit zu tun hat, die es den heimischen Singvögeln nicht ermöglichte, ihre Brut großzuziehen. Grundsätzlich seien es aber langfristige Veränderungen, etwa in der Landwirtschaft Ursachen dafür. Der Nabu habe festgestellt, dass die Zahl der Insekten in den letzten 30 Jahren um 75 Prozent abgenommen habe. "Wenn es keine Insekten gibt, können die Vögel ihre Jungen nicht füttern", sagt Salzmann. Buchfink, Hänfling, Grünfink oder Goldammer, als erwachsene Vögel reine Körnerfresser, fütterten ihre Brut mit proteinreichen Insekten. Um ihnen einen artgerechten Lebensraum zu bieten, fehlen Brachflächen oder Blühstreifen, die um 90 Prozent seit Mitte der 1990er Jahren zurückgegangen seien, ausgebrachte Insektizide tun ihr übriges.

Das nach dem Verbot der Pestizide entwickelten Nervengift Glyphosat zerstöre die Unkräuter, also die Lebensgrundlage der Insekten. Allerdings möchte der Vogelschützer den Landwirten nicht die alleinige Schuld zuschieben. Um eine Veränderung zu erreichen sei eine naturverträgliche Agrarpolitik nötig - in Deutschland und der EU. Schließlich müssten die Landwirte auch ohne Einsatz dieser schädlichen Mittel leben können. Gerrit Mai

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