+
Das heutige Pfadfinderzentrum Donnerskopf war von 1962 bis 1997 eines von zehn in Westdeutschland verteilten sogenannten Warnämtern.

Relikt

Ehemaliges Warnamt ist heute Pfadfinderzentrum

Zehn Bundes-, Landes- und Kreisstraßen führen vom Usinger Land in gleich vier benachbarte Landkreise. Matthias Pieren, Mitarbeiter dieser Zeitung, hat sich auf den Weg in die direkte Nachbarschaft gemacht. Hinter dem Usinger Stadtteil Michelbach liegt – mitten im Wald versteckt – eines von zehn ehemaligen Warnämtern der BRD.

Eigentlich sollte die vorletzte Erkundungstour entlang der Grenzen des Usinger Landes nach Bodenrod, ein Stadtteil von Butzbach, führen. Doch dort sind wir gar nicht angekommen. Auf dem Weg dorthin weckte dreieinhalb Kilometer hinter Michelbach ein Wegweiser zum Pfadfinderzentrum Donnerskopf unser Interesse.

Blinker raus und links ab von der L 3270 auf eine Zufahrtsstraße, die uns in leichtem Rechtsbogen zu dem mit 89 Betten größten Selbstversorger-Gruppenhauses des Rhein-Main-Gebietes führt. Das Pfadfinderzentrum Donnerskopf wird vom Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) getragen.

Doch bereits der Eingangsbereich erinnert eher an ein militärisches

Sperrgebiet

. Natürlich sind die schweren Eingangssperren heute sperrangelweit offen und die Stacheldrahtzäune, die das Areal bis 1997 gesichert haben, abgebaut. Doch der mehrere Dutzend Meter hohe Funkmast signalisiert, dass hier in der Zeit des Kalten Krieges Bedeutendes beherbergt wurde.

Auf dem Gebiet der alten Bundesländer hatte der Zivile Warndienst der BRD ab Mitte der 1960er Jahre, in der Hochphase des Kalten Krieges, zehn sogenannte Warnämter gebaut. Die Funktion wird uns bald klar. Neben dem Sendemast steht mitten auf einem betonierten Platz eine merkwürdige Hütte.

Deren schräges Pultdach lässt den Weg im dahinterliegenden und abwärts führenden Treppenhaus erahnen. Hier begrüßt uns die Betriebsleiterin des Pfadfinderzentrums, Tanja Huth, und öffnet die schwere Tür. Sie begleitet uns hinab in die vierstöckige Bunkeranlage, wo uns sofort eine klamme, aber keineswegs kalte Luft empfängt. In der gesamten Anlage liegt die Temperatur über das ganze Jahr hinweg bei konstant 16 Grad.

„Im Katastrophenfall eines atomaren, biologischen oder chemischen Unglücks oder Angriffs hätten von diesem Warnamt aus die Sirenen in ganz Hessen ausgelöst werden können“, gibt Huth Einblicke in die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. „Außerdem hätten die Mitarbeiter sofort Zugriff auf die Radiosender gehabt.“

Stetige Luftmessungen an über 100 über ganz Hessen verteilten Messstellen und eine Überwachung des Luftraums liefen hier zusammen. Bei Gefahr wäre die Bevölkerung gewarnt und eventuelle Evakuierungsmaßnahmen von hier aus geplant worden.

Die wenigen verbliebenen Teile der einstigen Ausstattung sowie die eigene Wasseraufbereitungsanlage und die Generatoren der autarken Stromversorgung lassen erschaudern. Im Bunker des Warnamtes hätten nach einem Atombombenabwurf die 28 Mitarbeiter der Behörde 30 Tage selbstständig weiterarbeiten können.

Alte Landkarten und elektronische Schalttafeln in der Stabsstelle, dreistöckige Stahlgestelle für Feldbetten, schwerste Stahltore zwischen den Bunkertrakten und überall offenliegende Elektroleitungen sowie Warnschilder lassen die bedrückende Atmosphäre, unter der die Bundesbeamten arbeiteten, erahnen.

„Nach der Schließung haben wir begonnen, die freigewordenen Hauptgebäude als Pfadfinder-Landeszentrum für Freizeiten und Schulungen, als Selbstversorgerhaus und als

Sippenhaus

umzubauen“, sagt Tanja Huth. „Einige wenige Räume der Bunkeranlage nutzen wir lediglich als Lagerraum oder Band-Proberaum.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare