Eine gestandene Frau

  • vonEvelyn Kreutz
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Irmgard Brendel war Gastronomin mit Leib und Seele. Sie hat im Haus Hattstein Stammkunden aus aller Welt und auch manche Berühmtheit bewirtet und jetzt mit der TZ in ihrem Gästebuch geblättert.

Mit drei Sternen war das Haus Hattstein in Arnoldshain, das im November seine Pforten endgültig schloss, ausgezeichnet. Nach dem, was im Gästebuch des Hauses steht, hätte dieses sicher mehr Sterne verdient gehabt. Denn was keine Ausstattung und kein Service bieten können, das hatte Inhaberin Irmgard Brendel: ein Herz für ihre Gäste.

Das Gästebuch liest sich wie ein Märchenbuch über eine gute Fee. Aber die Gastronomin ist genauso echt wie ihre Gäste: Das Restaurant war eine beliebte Adresse für Stammtischler, Stammgäste aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet sowie für Familienfeiern. Viele Übernachtungsgäste aus dem In- und Ausland bis aus Übersee kamen immer wieder. Geschäftsleute und Wanderer fühlten sich in ihrem Haus genauso wohl wie Schauspieler, Sportler und Politiker. Der berühmteste dürfte Jerusalems langjähriger Bürgermeister Teddy Kollek gewesen sein. Für jeden hatte Irmgard Brendel ein Ohr. Und mehr als das. Sie wusste, was zu tun war, damit es ihren Gästen gut geht, und betreute deren Kinder, wenn die Eltern ausgehen wollten.

„Schon früh war die Gastronomie mein Ding“, verrät die gebürtige Bad Orberin, die als junge Frau zehn Jahre in der Gaststätte am Sandplacken gearbeitet hat und bei Bedarf zum Kellnern noch nach Offenbach zum Bieberer Berg fuhr und in dem zum Waldhotel in Oberreifenberg gehörenden Restaurant Malepartus half. Als für das Ausflugslokal Fuchstanz ein neuer Pächter gesucht wurde, habe es für sie und ihren Mann Hans, der eigentlich Feinmechaniker war, kein langes Überlegen gegeben. Unter ihrer Leitung wurde das mitten im Wald gelegene Lokal zu einem echten Geheimtipp und sollte es 20 Jahre lang bleiben. Am 1. August 1981 eröffneten die Brendels dann das Haus Hattstein mit der gutbürgerlichen Küche in Restaurant und Café.

Als ihr Mann nur drei Jahre später plötzlich starb, schien Irmgard Brendel zunächst ihren Lebenstraum begraben zu wollen. Hätten sie nicht die Messegäste bestärkt und gesagt: „Frau Brendel, bleiben sie die gestandene Frau.“ Das blieb sie 35 Jahre lang, und das ist sie auch jetzt noch mit ihren 84 Jahren. Sie hole jetzt nach, was andere schon 20 Jahre lang als Rentner auslebten, erzählt sie. Kürzlich war sie das erste Mal vier Wochen am Stück auf Teneriffa und das erste Mal bei der Faschingssitzung in Arnoldshain. Da sei sie die älteste Besucherin gewesen, erzählt sie schmunzelnd und sagt nachdenklich: „Ich habe immer gerne geschafft und könnte das noch weiter machen. Aber irgendwann muss Schluss sein.“

Sie habe immer gutes Personal und viele Helfer aus der Verwandtschaft gehabt, stellt sie fest, wie um von sich selbst abzulenken. Dabei dürfte ihr klar sein, dass das Haus Hattstein, das immer von ihrem guten Geist und ihrer Tatkraft lebte, nicht so einfach übernommen werden kann. Käufer ist die Core Sports International GmbH mit Sitz in Schmitten, die auch ein weiteres Haus in Arnoldshain erworben hat, inzwischen einen neuen Geschäftsführer hat und seit dem 9. Februar mit WIDEC SPORTS GmbH auch einen neuen Namen.

Was aus ihrem früheren Lebenswerk wird, beobachtet Irmgard Brendel von ihrem Wohnzimmer aus über den Gartenzaun. Nachdem vieles auf dem Sperrmüll gelandet und alles rot angestrichen ist, sei ihr das Haus schon fremd geworden. Sie will sich jetzt auf sich selbst konzentrieren und im eigenen Haus so lange es geht ihre Ferienwohnung sowie ein Appartement betreiben.

Am 22. Februar feiert die rüstige Seniorin ihren 85. Geburtstag, zu dem selbstverständlich Kerbepastor Dieter Timm, jährlicher Gast aus Norddeutschland, anreisen wird. Am Freitag überreicht sie ihr Gästebuch mit Widmungen, Karten, Briefen und Zeitungsausschnitten an Landrat Ulrich Krebs, der immer gerne zum Forellen-Essen kam, sowie an Kreisarchivar Gregor Maier.

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