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Professor Eugen Ernst berichtet von der Vorgeschichte des ?Geburtstagskindes?.

Das erste Gemeindehaus im ländlichen Raum

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Seit 30 Jahren verfügt die evangelische Kirchengemeinde nun schon über ein Gemeindehaus. Doch der Weg, bis es überhaupt gebaut werden konnte, dauerte noch viel länger.

Wo ist denn bloß die Zeit geblieben? Dies wird sich so mancher Besucher gefragt haben, als der 30. Geburtstag des evangelischen Gemeindehauses gefeiert wurde. Und ein langer Weg musste beschritten werden, bis es überhaupt gebaut werden konnte. Wer den Anstoß dafür gab und wie der Weg dorthin war, davon berichtete Professor Eugen Ernst.

Die ersten Überlegungen zu einem Gemeindehaus seien vor etwa 100 Jahren vom damaligen Pfarrer Schupp geäußert worden, berichtete der Professor. Schupp war 1899 als Vikar nach Anspach gekommen und übernahm zwei Jahre später die Pfarrstelle, in der er bis 1931 blieb. Die Idee war ja ganz schön und gut, doch sollte sich das Gemeindehaus möglichst in der Nähe der Kirche befinden, und da war alles bereits dicht bebaut. Was Schupp allerdings nicht aus dem Konzept brachte.

„Er hatte verstanden, dass Theologie praktisch umgesetzt werden muss“, stellte Ernst fest. Und die Verwirklichung des Gemeindehauses konnte über die Einrichtung einer Kinderbetreuung funktionieren. Im November 1900 berief er eine Versammlung ein, und 86 Anspacher unterschrieben für die Einrichtung eines Kindergartens. „1901 kamen 45 Kinder ins Erdgeschoss im Schulrathaus“, berichtete Professor Ernst. Hier wurden fortan nicht nur die kleinen Anspacher betreut, auch Frauen kamen regelmäßig dorthin, um zu handarbeiten. Und dabei hielt Schupp Vorträge. Also quasi erweiterte Predigten, wie er sie in der Kirche nicht hätte halten können. Somit war die Idee des damaligen Pfarrers umgesetzt.

„Es war das erste Gemeindehaus im ländlichen Raum“, sagte Ernst. Doch das Glück hielt nicht lange. „1904/05 kommt die Gemeinde und wirft den Pfarrer wieder raus, weil so viele neue Kinder dazu gekommen sind.“

Doch Pfarrer Schupp ließ sich nicht unterkriegen und überlegte weiter. „Die Kirche hat zu dem Zeitpunkt einen Acker neben der Alten Schule und bietet ihn der Gemeinde an. Dafür bekommt sie das Haus neben der Kirche“, so Ernst. Unter diesem Dach, das dort stand, und wo sich heute der Brunnen und die Rasenfläche befinden, fanden Kindergarten, Sozialstation und Gemeindehaus Platz. „1910 wurde es offiziell eingeweiht.“ Als Schupp 1931 die Gemeinde verließ, führte sein Nachfolger Pfarrer Weller dessen Arbeit bis 1952 konsequent fort.

„1942 haben die Nazis den Kindergarten okkupiert“, blickte der Professor auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Eine „braune Tante“ sei eingesetzt worden und habe den Kindern „eine etwas andere Sicht der Geschichte beigebracht“.

Pfarrer Waas trat 1952 die Nachfolge von Weller an. „Und der war seiner Zeit voraus. Er hat gesagt: Lasst uns die Kirche mit dem Gemeindehaus kombinieren“, so der Professor. Was nur geklappt hätte, wenn das Gotteshaus um 90 Grad gedreht worden wäre. „Das war natürlich ein revolutionärer Gedanke, und er kam nicht an.“ Doch bereits 1958 gibt es den nächsten Lichtblick: Die alten Hofreiten im Ort müssen verkauft werden, um neue Siedlungen zu bauen. Und eine alte Hofreite liegt direkt neben der Kirche. Doch dessen Besitzer Ernst Lather will nicht verkaufen und durch die Krankheit von Pfarrer Waas geht es nicht wirklich voran.

Erst 1962 kommt mit Pfarrer Schirrmeister wieder frischer Wind in das Projekt. Er will den Kindergarten und die Sozialstation entwickeln. Beides entsteht dann auch an der neuen Friedrich-Ebert-Straße. Aber kein Gemeindehaus. Hierfür gab es einen abenteuerlichen Ersatz in einer Maschinenfabrik.

Erst 1974 bekommt die Evangelische Kirchengemeinde das Grundstück von Lather, und 1980 beginnen die ersten Planungen. 1983 wurde das neue Gemeindezentrum an den Architekten Professor Beck übergeben, am 14. November 1984 war Richtfest und im Oktober 1985 Einzug.

Das war ein Grund zum Fröhlichsein, weshalb wohl auch der Singkreis unter Leitung von Monika Scharfe „Meine Seele ist so fröhlich“ als Eingangslied zur 30-Jahr-Feier ausgesucht hatte. In den drei Jahrzehnten seines Bestehens habe sich das Gemeindehaus zu einem wichtigen Mittelpunkt entwickelt, hatte Kirchenvorstand Hubert Marx zu Beginn gesagt und berichtet, wie die gesamte Bauentwicklung vonstatten ging. Dazu gab es außerdem eine Menge Fotos und einen Film. Klar, dass hier noch die eine oder andere Hürde zu nehmen war, von denen Herbert Ernst und Siegfried Rohde berichteten.

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