Viehhüten auf der Wintermühle

So etwas bekommt man nicht alle Tage geboten

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Am Wochenende konnte man auf der Wintermühle beim Viehhüten zu Pferde zuschauen – sieht aus wie Rodeo, ist aber etwas ganz anderes, sagen die Viehhüter . . .

Gänse sind nicht dumm und Kühe nicht blöd, vor allem nicht, wenn sie eingefangen werden sollen, obwohl sie eigentlich gerne draußen bleiben möchten. Da kann es schon vorkommen, dass sie ein wenig „Katz’ und Maus“ spielen. Einer muss aber das Sagen haben, sonst haben wir Orwell’sche Verhältnisse auf dem Hof.

70 Reiter und Reiterinnen zeigten den Gehörnten am Wochenende bei der „Wintermühlen-Trophy“, wo der Hammer hängt. Vielleicht strich das liebe, in den Pferch getriebene Vieh aber auch nur so schnell die Segel, weil es vom Outfit der „Working Equitation“-Reiter ganz geblendet war: Sie trugen zu den Reithosen adrette weiße Hemden mit Schlips und Kragen, fesche Bolerojäckchen und Mützen vom Typ „Eure Lordschaft“. 300 Besucher sahen ein Reitturnier, wie man es nicht alle Tage geboten bekommt. „Working Equitation“ ist als Reitsport noch jung, vom Ursprung aber schon so alt, wie Menschen hoch zu Ross versuchen, Rindviecher am Weglaufen zu hindern. Der Vergleich mit Cowboys und Rodeo drängt sich auf, hinkt aber. Jedenfalls sagen das die Teilnehmer.

Aus der ganzen Republik waren sie auf der Wintermühle zur gleichnamigen Trophy zusammengekommen. Nur rund 200 Working-Equitation-Reiter gibt es in Deutschland, Tendenz steigend. Mit Springen hat das nichts zu tun, aber mit Dressur, was die Anhänger dieser klassischen Reitweise aufhorchen lässt: Der Hauptunterschied zur Westernreiterei liegt darin, dass Working Equitation auf Dressur-Lektionen beruht. Dann aber, und das ist wieder ähnlich, geht es darum, Rinder zu veranlassen, Dinge zu tun, die sie von alleine nicht tun würden. Welches Rindvieh lässt sich schon gerne in einen Pferch sperren, wenn es draußen auf der Weide spielen kann. Working Equitation kommt also aus der Landwirtschaft und wird in Portugal heute noch angewendet. Mit einem freundlichen „Jetzt geh’n wir beide in den Pferch da vorne“ ist es nicht getan. Laut Regelwerk muss sich ein Reiter ein Rind aus der 15-köpfigen Herde „ausgucken“ und es ohne Körperkontakt aus der Herde separieren, durch die Halle treiben und in einen Pferch manövrieren. Einmal kurz gebimmelt, fertig!

Wenn es nur so einfach wäre, doch meist versucht das Rind, den Spieß umzudrehen, ganz als riefe es dem Reiter zu: „Hier bin ich, fang mich doch!“ Und wenn der Reiter dann dort ist, wo das Rind gerade war, ist es schon wieder weg. Gelingt es dem Reiter dann doch, das Rind über eine Linie zu treiben, dürfen Kollegen zu Hilfe eilen, und dann geht es meistens ganz schnell.

Spannend ging es aber auch draußen zu. Auf dem Dressurviereck waren Hindernisse aufgebaut, die für die Trail-Prüfungen absolviert werden mussten, und die alle etwas mit der Praxis zu tun hatten: Da musste vom Sattel aus ein Gatter geöffnet und nach dem Passieren wieder geschlossen werden, es ging über einen Holzsteg, durch ein enges Rundgatter, Futterbecher mussten von einem auf den anderen Pfosten umgesteckt werden. Es ging vorwärts und rückwärts durch ein aus Stangen gebildetes „L“ und, spektakulär, fast wie bei den Rittern: Beim Speedtrail musste in vollem Karacho mit einer Stange ein Ring „aufgespießt“ werden.

Für all das gab’s natürlich Szenenapplaus, bei der klassischen Dressur undenkbar, Punkte und Sieger, zweite, dritte, vierte Sieger, nur Verlierer, die gibt es nicht . . .

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