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Puschelige Schwanzmeisen halten sich gerne in Gruppen auf.

Schwanzmeise

Experte erklärt, was es mit dem winterlichen Vogelgesang auf sich hat

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Mit Vogelgezwitscher tut sich doch eigentlich der Frühling kund. Dabei schneit es im Usinger Land zur Zeit, und es ist bitter kalt. Was es mit dem winterlichen Vogelgesang auf sich hat, konnte Fachmann Horst Wolff erläutern.

Wer heutzutage das Treiben am Futterhäuschen beobachtet, wird dort relativ wenig Abwechslung vorfinden. Raubwürger oder Schafstelzen werden kaum noch entdeckt. Sie sind aus der Region fast gänzlich verschwunden, genauso wie der Pirol, der Wendehals oder der Baumfalke.

Meisen gibt es noch. Kohl- und Blaumeisen sind das ganze Jahr über zu hören und zu sehen, am Futterhäuschen geben sich auch Sumpf- und Tannenmeisen sowie puschelige Federbällchen, die Schwanzmeisen, ein Stelldichein. Aber Vorsicht, laut Horst Wolff handelt es sich bei den Vögeln am Futterhäuschen keineswegs um „unsere“ Meisen. „Das sind keine Standvögel“, erklärt der Vorsitzende der Vogelschutzgruppe im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die Meisen aus dem Taunus zögen in den Süden, während ihre Artgenossen aus dem fernen Osten in Deutschland überwinterten. Gleiches gelte für Rotkehlchen. Wer also zur Zeit eines vor seinem Fenster erblicke, der dürfe getrost davon ausgehen, dass es sich wahrscheinlich um einen Gast aus Moskau handelt, wie Forscher bereits belegt hätten. Bloß Amseln, Kleiber, Gimpel, Sperlinge, Goldammern und Eichelhäher blieben das ganze Jahr über ihrem Standort treu.

Laut Wolff habe die globale Erwärmung Auswirkungen auf die Vogelwelt. Auch siedlungsbedingte Einschnitte in biologische Systeme haben der Population der gefiederten Fauna Existenzprobleme beschert und deren angeborenes Verhalten verändert.

Zugvögel streben heutzutage nicht mehr unbedingt dieselben althergebrachten Ziele an. Manche Arten bleiben gleich gänzlich in ihrem Sommerquartier. „Früher habe ich tausende von Kranichen gesehen, die in Richtung Spanien geflogen sind“, berichtet Wolff. Neuerdings schienen nur noch vereinzelte Gruppen den langen Flug auf sich genommen zu haben. „In Mecklenburg-Vorpommern sind dieses Jahr tausende einfach geblieben.“ Wolff mutmaßt, dass die Abholzung der großen Korkeichenwälder in Spanien die Reiselust der Kraniche geschmälert habe. „Kork wird halt nicht mehr so viel gebraucht wie früher.“

Stare sieht der Ornithologe hin und wieder in kleinen Scharen. Auch Störche hätten auf ihren Überlandflug verzichtet. „Die leben ja nicht nur von Fröschen. Die ernähren sich hauptsächlich von Mäusen und Regenwürmern.“ Und davon, sagt Wolff, gebe es ausreichend. Selbst das bisschen Schnee, das zur Zeit auf den Wiesen liege, hindere die Langbeiner nicht an der erfolgreichen Futtersuche.

Apropos Schnee: Nun hat der Winter doch noch sein weißes Kleid übergezogen und die Quecksilbersäule sinkt zumindest nachts in den Minusbereich. Trotzdem ist bereits erstes Gezwitscher zu vernehmen – morgendlicher Vogelgesang in Baumkronen und Hecken. Haben sich die armen Singvögel etwa von den zuvor warmen Temperaturen täuschen lassen? Haben sie zu früh mit dem Nestbau begonnen und laufen nun Gefahr, vom verspäteten Wintereinbruch überrollt zu werden?

Horst Wolff lacht ob solcher Bedenken. „Das liegt allein am Licht“, erklärt er. „Die Sonne steht jetzt höher.“ Das veranlasse die Vögel, schon einmal ihre Reviere abzustecken und mit der Brautwerbung anzufangen. Das geht nun mal mit kräftigem Gesang einher. „Aber in Sachen Brutgeschäft tut sich nichts vor Ende März, Anfang April.“

Horst Wolff macht sich Sorgen über die Zukunft der Vogelwelt. „Früher war ich strikt dagegen, Vögel überhaupt zu füttern“, erinnert Wolff an seine wiederholten Plädoyers, doch besser die Finger von dieser zwar gut gemeinten, oft aber für die Tiere schädlichen Fütterung zu lassen. Seit er den außerordentlich starken Rückgang an Insekten begriffen habe, rate er am liebsten zu einer ganzjährigen Zufütterung, sagt Vogel-Experte Horst Wolff.

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