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Familienglück auf dem Dachboden: Bei den Herrmanns brüten die Falken

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Von: Tatjana Seibt

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An der evangelischen Kirche lässt sich die Brautwerbung beobachten. Zum Dinner präsentiert er (rechts) eine selbst gefangene Maus. Das beeindruckt die Dame.
An der evangelischen Kirche lässt sich die Brautwerbung beobachten. Zum Dinner präsentiert er (rechts) eine selbst gefangene Maus. Das beeindruckt die Dame. © Tatjana Seibt

Es gibt Menschen, die nutzen ein Fernglas, um die Vogelwelt zu beobachten. Wolf-Dieter Herrmann hingegen braucht dafür nur noch einen Knopfdruck, dann wird er quasi live zugeschaltet, egal, was passiert.

Der Gang in das Büro, zum Teil schon vor dem Frühstück, ist für Wolf-Dieter und Marianne Herrmann schon fast obligatorisch geworden. Nicht etwa, weil die Arbeit ruft, sondern weil der Computer schon läuft und damit die Kamera. Nun gut, wäre für sich genommen noch nichts ungewöhnliches, wäre die Kamera nicht auf dem Dachboden installiert. Der stellvertretende Nabu-Vorsitzende aus Wehrheim beobachtet aber nicht etwa die Spinnen beim Weben ihrer Netze, sondern ein Turmfalken-Paar.

Der Kasten für sich genommen ist nicht neu. „Der hängt schon 15 Jahre dort und war einfach der Versuch, ein Angebot zu unterbreiten“, sagt Herrmann im Gespräch mit der TZ. Damit hatte er bereits das richtige Gespür bewiesen, denn sein Haus steht am Rande von Feldern und Wiesen, einem optimalen Jagdgrund für Turmfalken. Vor sieben Jahren hat er dann vor den selbst gebauten Nistkasten eine Kamera gesetzt, die ihm nun bei jeder kleinen Bewegung Bilder auf den Computer schickt.

Herrmann erklärt: „Nun war es möglich, da so eine Art Forschung zu betreiben“. Und in der Tat kam er dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. „In der Literatur heißt es, dass die Turmfalkenmännchen nicht brüten. Das stimmt aber so nicht.“ Zwar liegt die Hauptlast der Brutpflege immer noch beim Weibchen, doch bevor die Jungen schlüpfen, übernimmt auch der werdende Vater immer mal wieder für etwa 10 bis 15 Minuten das Ausbrüten der Eier.

Alles beginnt mit der Wohnungsbesichtigung. „Das Männchen sucht das Nest und muss dann das Weibchen von Lage und Ort überzeugen.“ Und weil die Vogelweibchen eben auch Frauen mit Anspruch sind, muss er sie in der neuen Hütte mindestens einmal zum Essen einladen. Eine frisch gefangene Maus gibt’s dann für die Angebetete, was allerdings nur in der Vogelwelt klappt.

Die neue Bude ist kein Dauerwohnsitz, sondern nur eine Art Sommersitz, und sie darf vor allem eines nicht sein: neu. „Die Turmfalken greifen gerne auf gebrauchte Nester zurück“, weiß Herrmann. Wie in einer guten Ehe bleiben auch die Turmfalken ein Leben lang zusammen. Ob nun seit Jahren dasselbe oder ein anderes Paar zum Brüten in Herrmanns Dachgeschoss kommt, „das kann ich nicht sagen“.

25 Tage sitzen bleiben

Insgesamt 80 Tage dauert die Brutaufzucht. Die ersten 25 Tage hingegen ist das Paar damit beschäftigt, das Gelege warm zu halten. „In diesem Jahr ist wieder ein Paar im Brutkasten“, freut sich Herrmann. Fünf Eier, wie in der Vergangenheit auch, hat das Weibchen gelegt und lässt sich während des Ausbrütens gerne von seinem Männchen versorgen. Die werdende Mutter braucht zwischendurch auch mal eine Abwechslung und geht, nein, nicht shoppen, sondern auf die Jagd, während er in der Zwischenzeit liebevoll das Brüten übernimmt. Sind die ersten 25 Tage rum, „dann wird es auch für uns spannend“, erklärt Herrmann. Dann beginnt bei ihm und seiner Frau nämlich auch so etwas wie die Aufregung vor der Geburt.

„Das ist spannender als Fernsehen“, sagt Marianne Herrmann. Die Kamera ist inzwischen auf dem technisch neuesten Stand, so dass sie Bilder nur noch dann schickt, wenn sich etwas im Nest bewegt. Sei es, dass der werdene Vater kommt oder sich eben die Küken aus der Schale ins Freie kämpfen. Mitte Juni erwarten Herrmanns auch wieder irgendwie Eltern zu werden. Täglich verfolgen sie aufmerksam alles, was sich im Nest tut. Nur einmal habe ein Paar ein Gelege verloren, „da waren die Eier unbefruchtet“, sagt Herrmann.

Rückkehrer

Das Gelege habe er nach fünf Wochen entfernt, „und tatsächlich hat das Paar dann auch ein zweites Mal Eier gelegt“. Aus einem unerfindlichen Grund hat das Paar aber nach weiteren drei Wochen das Brüten aufgegeben. Doch darüber hinaus hat es bislang jedes Gelege geschafft.

Derzeit brüten seiner Beobachtung nach fünf Turmfalkenpaare in Wehrheim, unter anderem in Scheunen und der evangelischen Kirche. „Wehrheim ist ein guter Standort, denn hier findet sich auch noch viel offenes Land“, erzählt Herrmann. Die Futterbedingungen seien also gut, allerdings haben sich in den vergangenen Jahren die Brutbedingungen verschlechtert. „Turmfalken brüten gerne in Scheunen oder im Dachgeschoss“, weiß Herrmann. Nachdem aber immer mehr Scheunen verschwinden, haben es auch die Turmfalken nicht mehr ganz so einfach. Folglich würde sich Herrmann auch freuen, wenn sich mehr Menschen finden, die Turmfalken gerne ein Zuhause bieten wollen. Ein Brutkasten lasse sich auch selbst bauen. Wichtig sei vor allem, dass der Kasten geschützt ist.

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