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Forst geht gegen Waldrüpel in die Offensive

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Von: Andreas Burger

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Vereint gegen Egoismus, Gedankenlosigkeit und Dummheit: Jörg Heimann (Stadtpolizei), Praktikantin Lena Fritz, Jan Erbe, Förster Karl-Matthias Groß, Praktikant Lukas Löffler, Wolfgang Keller, Ralf Wilhelm, Carsten Verbockett und Stadtpolizist Shabal Maywand (von links).
Vereint gegen Egoismus, Gedankenlosigkeit und Dummheit: Jörg Heimann (Stadtpolizei), Praktikantin Lena Fritz, Jan Erbe, Förster Karl-Matthias Groß, Praktikant Lukas Löffler, Wolfgang Keller, Ralf Wilhelm, Carsten Verbockett und Stadtpolizist Shabal Maywand (von links). © bur

Stadtpolizei greift künftig bei Beleidigungen ein - Umfangreiche Arbeiten im Revier nötig

Die Mischung aus Verständnislosigkeit, Wut und schon fast Resignation ist aus jedem Satz zu hören. Es ist ein denkwürdiger Termin im Usinger Stadtwald oberhalb von Eschbach, an dem eine bunte Truppe teilnimmt, um - vielleicht - Verständnis zu wecken und Einsicht der Menschen, die im Wald unterwegs sind, zu erreichen. Ob's hilft, bleibt abzuwarten.

Um was geht's? Derzeit ist der Forst mit Revierleiter Karl-Matthias Groß an der Spitze in den Wäldern rund um Usingen unterwegs, um die schlimmsten Baumschäden durch Trockenheit und Borkenkäfer abzuarbeiten, momentan oberhalb von Eschbach im Gebiet Wüsteberg. Was bedeutet: Die Mannen der Firma Keller aus Wehrheim sowie die Mitarbeiter von Groß haben schweres Gerät im Einsatz und nutzen den weitgehend gefrorenen Boden, um die geschädigten und oft riesigen Bäume umzulegen und aus dem Wald zu schaffen.

Arbeiter erleben so einiges

Nur: Es kann der beste Forstarbeiter nicht in Frieden sägen, wenn es dem Waldnutzer nicht gefällt. Und was die Arbeiter erzählen, ist zum einen ungeheuerlich und kaum vorstellbar, zum anderen hat die Situation eine Grenze erreicht, so dass nun auch die Stadtpolizei eingeschaltet werden muss. Jörg Heimann und Shabal Maywand sind künftig zügig vor Ort, wenn die Forstarbeiter wieder attackiert werden. Und Jan Erbe, Förster Karl-Matthias Groß, Wolfgang Keller, Ralf Wilhelm sowie Carsten Verbockett haben inzwischen einiges erlebt.

Obwohl die betroffenen Waldgebiete weiträumig abgesperrt sind. Das hat gute Gründe, denn reißt ein Baumriese andere mit, kann der Fällkeil schon mal 60 oder 70 Meter betragen. Und wenn dann noch dürre Äste beim Aufschlag brechen, rasen diese wie Geschosse durch den Wald. Und genau deshalb ist gesperrt, gut sichtbar, mehrfach und an allen Zufahrtswegen.

Interessieren tut es die wenigsten. Von üblen Beleidigungen abgesehen, wird der Stinkefinger gezeigt, der Wischer oder an den Kopf getippt. Diskussionen, um die Situation zu erklären, finden nur in den seltensten Fällen statt. Auch Steine fliegen gegen die Maschinen. "Die Menschen werden immer rücksichtsloser, der Ton viel rauer", sagt Keller.

Und die Waldarbeiter selbst haben fast aufgegeben, mit den Spaziergängern zu reden - weil sinnlos. Sie bekommen dann nur noch mehr Beleidigungen zu hören. "Inzwischen glaubt eine Mehrheit der Menschen, der Wald gehöre ihnen - und verhalten sich auch so. Auf Absperrungen wird keine Rücksicht genommen", berichtet Groß. Erbe hat oft erlebt, dass selbst stabile Absperrungen auf die Seite gezogen wurden, damit egoistische Mountainbiker freie Fahrt haben. Und da wird's jetzt kritisch.

Denn ist eine Absperrung weg, laufen auch andere Spaziergänger in den Gefahrenbereich. Und dann ist es auch rechtlich für die Waldarbeiter schwierig, bei einem Unglück vor Gericht zu beweisen, dass sie die Sicherheitsbestimmungen erfüllt haben.

Die Haftung ist sowieso ein Thema. Nun könnte man fast ironisch anmerken, dass es egal sein könnte, ob ein Rüpel-Radler von einer 15-Tonnen-Eiche erlegt wird. Nur steht der Waldarbeiter erst einmal in der Haftung. Und seine Frau und die Kinder sind sicher nicht glücklich, wenn sie dem Papa künftig Kuchen ins Gefängnis bringen müssen, um es mal deutlich zu formulieren.

Der Ton wird rauer

Nun wäre es ein Einfaches, zu sagen, die Waldarbeiter sollen gefälligst aufpassen. Tun sie. Nur, wer mit Kopfhörern auf einem schweren Gerät sitzt und gerade zehn Tonnen Holz am Greifarm hat, ist mit den Gedanken auf die Arbeit konzentriert, nicht auf den Mountainbiker, der den Vogel zeigt und unter dem schwebenden Holz noch durchrauscht.

Das Ganze hat zur Folge, dass der Ton nicht nur seitens der meisten Waldnutzer rauer wird, sondern auch der Forst in die Offensive geht. Künftig gibt's den kurzen Draht zur Polizei, die sich bereiterklärt hat, immer parat zu stehen und sofort an die Stelle zu kommen. Und: Die Arbeiter machen künftig Fotos von den Spaziergängern, die sich illegal in den Fäll-Gebieten aufhalten - irgend jemand kennt das Gesicht sicher . . .

Stadtpolizist Heimann betont beim Ortstermin, dass es wenig Verständnis für die Missachtung der Sperrgebiete, Beleidigungen oder sogar Angriffe geben werde. "Diese Menschen werden beim RP Darmstadt angezeigt und können sich auf hohe Bußgelder einstellen." Von einem Platzverweis einmal ganz abgesehen.

Groß will keinen Krach im Wald, aber er will auch, dass die Arbeiten zügig durchgezogen werden, um Sperrungen schnell aufheben zu können. "Das geht nicht, wenn alle paar Minuten - je nach Gebiet und Weg - jemand die Mitarbeiter anmacht und sich in die Gefahrenzone begibt." Dann würden die Arbeiten nur unnötigerweise in die Länge gezogen.

"Ab und an haben wir auch Spaziergänger, die mit uns reden, die nachfragen. Da sind wir immer offen. Auch wenn wir sehen, dass eine Gruppe über einen Weg gehen will, dann winken wir, wenn das gefahrlos möglich ist", sagt Forstarbeiter Verbockett. Aber leider seien die wenigsten einsichtig oder gar freundlich.

Mehr Rücksicht angebracht

"Vielleicht überlegen sich die Radler und Spaziergänger, warum wir das machen: nur für sie. Denn wir haben die Sicherungspflicht bei den Wegen. Fällt ein toter Baum jemandem auf den Kopf, ist die Hölle los. Wir brauchen einfach mehr Verständnis bei der Bevölkerung, dass wir hier keinen Waldfrevel begehen. Der Wald ist geschädigt, und wir arbeiten nur die Auswirkungen ab", so Groß.

Dass es bei den Pöbeleien nicht einmal um Gründe wie Verdichtung des Bodens geht, das hat auch Keller schon erlebt, der selbst mit seinem Rückepferd von einem Mountainbiker angegangen wurde.

Die ganzen Fällarbeiten ziehen sich noch lange hin, denn der Stadtwald ist rund um Usingen geschädigt - etwa am Brandoberndorfer Weg oder am Munaweg.

Wie dem auch sei: Etwas mehr Rücksicht wäre gut. Und vielleicht wäre statt des Stinkefingers, weil man ein paar Sekunden warten muss, auch ein freundliches "Grüß Gott" angebracht. von Andreas Burger

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