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Bei der Anerkennungsberatung im ?IQ Landesnetzwerk Hessen? können sich Geflüchtete über ihre Arbeitsmarkt-Perspektiven informieren.

Informationen über Bildungssystem

So funktioniert die Mobile Beratung für Flüchtlinge im Taunus

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Immer wieder ist von jungen Flüchtlingen mit abgeschlossenem Studium zu lesen. Manch einer reibt sich mit Blick auf dessen Alter die Augen. Fest steht: Viele Flüchtlinge, etwa aus Syrien, haben mit Anfang 20 schon einen Uni-Abschluss. Trotzdem gibt es einige Unterschiede zwischen den Bildungssystemen. Die stellen oftmals eine große Hürde für anerkannte Flüchtlinge dar.

Zum Erwachsenwerden gehört es, einen Beruf zu ergreifen, von dem man annimmt, ihn für einige Zeit auch mit Spaß ausüben zu werden. Das gilt egal, ob man eine Schule in Buchfinkenstadt Usingen oder in der südsyrischen Provinz Daraa besucht hat. Doch was bedeutet es, wenn man gerade die Uni verlassen hat, aber plötzlich um sein Leben fürchten und sein Land verlassen muss? Flüchtlinge müssen oftmals noch mal bei Null anfangen, erneut eine Ausbildung machen oder studieren.

Ein Beispiel dafür, wie schwierig dieser Weg ist, ist der 24-jährige Omran Almouzib. Er ist in Daraa 12 Jahre zur Schule gegangen und hat nach dem Abi vier Jahre in Damaskus Archäologie studiert. Seit eineinhalb Jahren lebt er im Hochtaunuskreis, erst in Usingen, seit drei Monaten in Bad Homburg.

„Seit eineinhalb Monaten versuche ich, mir meine Zeugnisse anerkennen zu lassen“, sagt Almouzib, anerkannter Flüchtling auf Jobsuche, im Café Extrablatt in Bad Homburg. Als Archäologe hat er nie gearbeitet, wird es vermutlich auch nie.

Mitgebracht hat der 24-Jährige zum Interview Unterlagen, die er auch schon dem Berater Khaled Fakha, der in Bad Homburg eine mobile Sprechstunden für Menschen mit ausländischen Abschluss für das „IQ (für Integration durch Qualifizierung) Landesnetzwerk Hessen“ anbietet (lesen Sie bitte auch Zum Thema), gezeigt hat: Eine beglaubigte Übersetzung seines Archäologiestudiums aus dem Arabischen, eine Notenübersicht seines Abizeugnisses und ein Schreiben der Uni Frankfurt, dass ihm Studierfähigkeit bescheinigt.

Doch wieder an die Uni möchte er nicht, stattdessen bewirbt er sich für Praktika bei Banken, Versicherungen und anderen Unternehmen, wo er eine Chance sieht. Eine Ausbildung als Informatiker, Bankkaufmann oder IT-System-Administrator wäre sein Ziel.

Tipps, wie er sich weiter qualifizieren könnte, hat er von seinem mobilen „IQ“-Berater bekommen. Der 36-Jährige Khaled Fakha hat selbst eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen und anschließend Orientwissenschaften mit dem Schwerpunkt Arbeitsmärkte / berufliche Bildung im Nahen Osten studiert. Er kennt das duale Bildungssystem. Seit rund zwei Jahren ist er Berater bei der Agentur für Arbeit / INBAS (Institut für berufliche Bildung Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik). „Almouzibs Abschluss ist nicht reglementiert, daher gibt es kein formales Anerkennungsverfahren. Es besteht aber die Möglichkeit einer Bewertung bei der Kultusministerkonferenz in Bonn“, sagt Fakha. Diesen Weg ist der Syrer auch gegangen, nun wartet er auf die Antwort aus Bonn.

Almouzib hat einen Rechtsanspruch auf Anerkennung als Akademiker, „auch wenn eine Arbeitsmarktintegration schwierig scheint“, sagt sein Berater. Die Anerkennung als Akademiker lohne sich immer, für die persönliche Wertschätzung, damit Arbeitgeber die Fähigkeiten besser einstufen können und weil man so eine formale Grundlage für die berufliche Entwicklung vorweisen könne. „Was der Einzelne dann letztlich damit macht, ob er weiter studiert oder einen anderen Berufsweg einschlägt, obliegt ihm und dem Jobcenter“, sagt Fakha. Denn das hat ein Wörtchen mitzureden bei der Jobsuche.

Wichtig ist, dass Almouzibs Studium auch als solches in Deutschland anerkannt wurde. Ab vier Jahren Studium oder länger werde ein syrischer Hochschulabschluss in Deutschland formal als solcher anerkannt.

Für Schwierigkeiten, sich in Deutschland beruflich wieder (neu) zu orientieren, sorgen zwei andere Aspekte. Betroffen sind davon wiederum nicht Hochqualifizierte. Ursache ist das syrische Bildungssystem, das sehr dem der ehemaligen Sowjetunion ähnele, sagt Fakha: Es gibt keine duale Berufsausbildung, handwerklich interessierte Schulabgänger können lediglich technische Institute besuchen. Die seien zwar an Unis angegliedert, aber man erwirbt nach zwei Jahren keinen Studienabschluss, so Fakha.

Das sei eher vergleichbar mit dem theoretischen Teil einer Ausbildung, erklärt Fakha. Es sei gut, wenn man zusätzlich dazu noch Praxis nachweisen könne. Eine andere Schwierigkeit für Flüchtlinge sei es, dass es in Deutschland wesentlich mehr mögliche Ausbildungsabschlüsse gebe als in Syrien. Mit diesem deutlich vielseitigeren und daher unübersichtlicheren Arbeitsmarkt hierzulande kämen viele Geflüchtete erst mal nicht so gut zurecht beziehungsweise es überfordere sie, denn in Syrien selbst sei der Arbeitsmarkt stark zentralisiert und der Staat der wichtigste Arbeitgeber.

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