Internationaler Tag der Muttersprache

Hessisch werd’ gebabbelt: Die Vorteile der Mundart

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Heute ist der „Internationale Tag der Muttersprache“. Die Unesco hat ihn zur Bewahrung sprachlicher Tradition und Kultur 2000 erstmals ausgerufen, denn 6000 Sprachen auf der Welt droht praktisch das Aus. Man muss gar nicht so weit gehen. Auch die Existenz unserer heimischen Mundart, die auch Muttersprache ist, scheint gefährdet.

Auf Vorschlag der Unesco haben die Vereinten Nationen den 21. Februar als Internationalen Tag der Muttersprache ausgerufen. Er wird seit 2000 jährlich begangen. Von den 6000 Sprachen, die heute weltweit gesprochen werden, sind nach Einschätzung der Unesco die Hälfte vom Verschwinden bedroht.

Sprachliche und kulturelle Vielfalt repräsentieren universelle Werte, die Einheit und Zusammenhalt einer Gesellschaft stärken. Der Internationale Tag der Muttersprache erinnert an die Bedeutung des Kulturgutes Sprache. Er soll die Sprachenvielfalt und den Gebrauch der Muttersprache fördern und das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärken. So weit, so gut.

Dabei geht es aber nicht nur um vom Aussterben bedrohte Landessprachen, sondern auch um Dialekte. Zum Beispiel den Hessischen. Wobei es „das Hessische“, wie uns der Neu-Anspacher Historiker Professor Eugen Ernst sagte, gar nicht gibt. Hessen habe viele unterschiedliche Mundartregionen mit fließenden Übergängen.

Mundart an sich ist nichts Schlimmes. Schlimm daran ist allenfalls, dass man nicht alles versteht, wenn man es nicht von Kindesbeinen an gelernt hat. Noch schlimmer ist, dass regional gefärbte Aussprache oft mit mangelnder Bildung gleichgesetzt wird, nach dem Motto: „Nicht einmal richtig Deutsch kann er . . .“.

Dabei, und auch das sagt Ernst, kann Mundart Stimmungen viel besser ausdrücken, als das Hochdeutsche. Mit Mundart lasse sich Nähe und Zugehörigkeit sehr gut verdeutlichen, selbst in der Politik: „Ich stelle immer wieder schmunzelnd fest, dass sich dem Hochdeutschen verpflichtet fühlende Politiker gewisser Floskeln bedienen, die eindeutig mundartlichen Ursprungs sind, etwa eine Schippe drauflegen. Bei uns heißt das schon lange ,E Schipp’ drufflesche’“.

Mundartschützern bleibt eigentlich trotzdem nur, festzustellen, dass Mundart im täglichen Sprachgebrauch immer mehr ins Hintertreffen gerät: Es wird immer weniger Mundart gesprochen. Viele könnten es, trauen sich aber nicht, in der Öffentlichkeit „Platt zu schwätze“. Dabei hat es noch nie geschadet, „zweisprachig“ aufzuwachsen, sind sich Dialektexperten wie Prof. Dr. Eugen Ernst oder der Königsteiner Hermann Groß einig.

Groß hat Mundart einmal bei einem Vortrag vor dem Weilroder Geschichtsverein als „Bekenntnis zur Heimat“ beschrieben, das man sich neben dem Hochdeutschen, ohne das es natürlich nicht gehe, bewahren sollte. Mundart sei nicht von ungefähr „Muttersprache“, so Groß: „Mundart sprechen Kinder heute nur noch, wenn die Mutter es spricht.“ Leider tun das die wenigsten Mütter von heute, was aber kein Wunder ist, weil es selbst die Großmütter von heute nicht mehr tun.

Professor Ernst sieht in der Mundart „die Sprache des Herzens“, die es in einer Zeit, in der selbst die Hochsprache durch die inflationäre Überflutung mit Anglizismen zu verarmen drohe, zu bewahren gelte. Er bevorzugt den südhessischen Dialekt, der von Darmstadt bis Gießen gesprochen wird und in dem auch der Frankfurter Dichter und Schriftsteller Friedrich Stoltze (1816 – 1891) seine Werke verfasste.

Kleine Kostprobe aus dem Gedicht „Vivat Fassenacht!“, passend zur närrischen Jahreszeit: „Vornehm spiele se die Große, Un von eitel Ledder nor, E paar alte Unnerhose Hawe dreimal mehr Humor.“

Wenn sich Leute aus dem östlichen Vogelsberg unterhalten, hätte aber auch ein Experte wie Ernst nichts gegen deutsche Untertitel einzuwenden. Bei einem Vortrag in Treisberg hatte er unlängst erklärt, die Vielfalt des sogar von Ortsteil zu Ortsteil unterschiedliche Dialekts enthalte auch kabarettistischen

Mutterwitz

, wobei Witz von Wissen stamme. Ernst hat bei Goethe eine Stelle gefunden, die er, wenn es um Dialekt geht, gerne zitiert. Der Dichterfürst sagte nämlich: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt, er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft“.

Eng mit der Muttersprache verwoben sieht Ernst auch den

Mutterwitz

. „Witz kommt von Wissen“, sagt er und meint damit:

Mutterwitz

drückt Lebenserfahrung aus, bringt die Sache meist sehr schnell auf den Punkt und hat sicher auch mit Gewitztheit und Schlagfertigkeit zu tun.

Der Mundartpoet Stoltze war ein Meister dieses Genres, was seine Geschichte vom Schulaufsatz belegt. Da gibt der Lehrer der Klasse auf, einen Aufsatz zum Thema „Unser Hund“ zu verfassen. S’Fritzche war am schnellsten fertig, hat aber auch nur einen Satz ge-schrieben: “. . . mir hun kaan Hund!“

Auch Ramona Ondrovic, Leiterin der Riedelbacher Max-Ernst-Schule, sieht in der Mundart „ein wichtiges Stück Kultur“, das leider zu wenig gepflegt werde. Mundart in den Schulen wie auch immer zu etablieren, um sie zu bewahren, hält Ondrovic zwar für einen durchaus reizvollen und auch gesellschaftlich wichtigen Gedanken, aber auch für eine große Herausforderung. Eine Arbeitsgemeinschaft Mundart könnte sie sich zwar durchaus vorstellen. Das sei aber nicht nur eine Frage des Interesses der Schüler, denn es müsse natürlich auch ein Dozent gefunden werden, der Mundart authentisch vermitteln könne.

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