Sie würden auf keinen Fall das Land mit der Stadt tauschen wollen, aber mehr ländlich als Wehrheim wollen sie auch nicht: Ortrud Seitz (von links), Bärbel Osietzki und Edith Sorg-Emmerich.
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Sie würden auf keinen Fall das Land mit der Stadt tauschen wollen, aber mehr ländlich als Wehrheim wollen sie auch nicht: Ortrud Seitz (von links), Bärbel Osietzki und Edith Sorg-Emmerich.

Eine Liebeserklärung ans Landleben

Heute ist "Internationaler Tag der Frau in ländlichen Gebieten"

  • Andreas Burger
    VonAndreas Burger
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Usinger Land -Gedenktage gibt es viele, doch der "Internationale Tag der Frau in ländlichen Gebieten" am 15. Oktober ist schon ein besonderer. Und wer könnte bei so einem Thema mehr plaudern als die Vereinigung der Landfrauen. Für diese Zeitung haben sich Ortrud Seitz, Bärbel Osietzki und Edith Sorg-Emmerich an einen Tisch gesetzt, gemeinsam mit Schwiegertochter Melanie und deren Tochter Lilly - drei Generationen "Landeier", wie sie sich selbst schmunzelnd bezeichnen.

Nun stammt Melanie Emmerich eigentlich aus Espa, einem Weiler zwischen Waldsolms und Butzbach. Da war die Hochzeit in die Emmerich-Familie strukturell ein gigantischer Sprung - Wehrheim bietet Einkaufsmöglichkeiten, Bahn und Gaststätten. Dennoch ist Espa ein Stück Heimat geblieben. Denn im Gespräch wird schnell klar: Das Landleben möchte keine der vier Frauen auch nur ansatzweise gegen die Stadt eintauschen - Lillys Mitspracherecht ist hier noch gering.

Thema eins: Land, das bedeutet für die vier Platz für die Seele, Luft, Freiheit, mehr Miteinander, soziales Gefüge und weniger Ellenbogen. Es bedeutet Gemeinschaft, gegenseitiges Umsorgen, Blick für die Nachbarschaft, Teilhabe am Leben anderer, sich wohlfühlen in der Heimat.

Nichts gegen Neubürger

Klar. Landleben ist auch Klatsch, denn die Grenze zwischen Sorge um den Nachbarn und sich kümmern bis hin zu Neugier und Klatsch ist fließend. "Und wir haben auch nicht mit allen nebenan Kontakt", sagt Sorg-Emmerich mit Blick auf die rundum durch Grün verdeckten Häuser. "Oft wechseln auch die Mieter sehr schnell."

Thema zwei: Die "Eingeplaggde", also Neubürger. Der eingeborene Landlebende hat nichts gegen Neubürger. Wenn sie von sich aus Integration betreiben. Auf die Alten zugehen und sich dem Rhythmus des Dorfes anpassen. Das klappt mal mehr, mal weniger. Mancher Neubürger fühlt sich von Glocken, Kühen und Biergärten gestört. Was dann die "Landbevölkerung" stört. Konflikte gibt's nicht, denn wer nicht redet, hat keinen Streit.

Thema drei: Gemeinschaft. Man lebt miteinander, ein Stück füreinander. Das bedeutet, dass sich im Dorf Neuigkeiten schneller verbreiten als Mails. Nicht jeder Plausch am Zaun ist Tratsch, umgekehrt schon. Und eigentlich ist es nicht böse gemeint, wenn man sich im Dorf über die Dauer-Jogginghose des Neubürgers rechter Hand aufregt und der links mal Fenster putzen müsste. Oder Straße kehren.

Thema vier: Land - das ist auch Tradition. "Aber bei den Jüngeren werden solche Dinge immer weniger. Unsere Eltern hätten uns die Ohren langgezogen, wenn wir am Samstagmorgen Kaffeetrinken gegangen wären. Hausputz, Garten und Hof - das waren samstägliche Aufgaben", erzählt Bärbel Osietzki. Sie muss es wissen: Seit ihrer Geburt lebt sie im gleichen Haus.

Melanie Emmerich mit ihren 34 Jahren ist mit dem Landleben glücklich, Stadt käme für sie nicht infrage. "Ich habe über meinen Mann hier schnell Anschluss gefunden, wurde aufgenommen in Vereinen, bei den Jägern und den Landwirt-Kollegen", betont sie. Und das Miteinander sei ihr wichtig. "Man macht sich schon Gedanken, wenn beim Nachbarn der Rollladen morgens nicht oben ist. Oder die Mülltonne nicht draußen steht."

Die Zügel in der Hand

Frau auf dem Land muss nicht das alte Rollenspiel bedeuten, ist aber oft Tatsache. Nicht bei Zugezogenen, die ihr Häuschen abbezahlen müssen, "da arbeiten meist beide", sagt Ortrud Seitz. Aber bei denen mit Haus und Hof hat die Frau zu Hause die Zügel in der Hand. Bei Emmerichs mit ihrem landwirtschaftlichen Lohnbetrieb geht die männliche Seite raus, Kind und Haus bleibt den Frauen. Das hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun, sondern mit der praktischen Seite solchen Lebens.

Emanzipiert sind die vier Frauen allemal. Resolut, meinungsstark. Und wenn Emmerichs Mann auf die Jagd geht, hütet sie nicht das Haus. Sie geht mit. Wäre ja noch schöner.

Vermissen die Frauen etwas? "Na ja, Kultur wird natürlich in der Stadt größer geschrieben", sinniert Osietzki - um gleich von Sorg-Emmerich und Seitz sofort gefragt zu werden, ob sie wirklich als Frankfurterin häufiger ins Theater gehen würde? "Wir haben hier auch Kultur und Kino. Da muss niemand nach Frankfurt", stellt Sorg-Emmerich fest. Und Frankfurt ist sowieso ein Graus, allein schon wegen des Verkehrs.

Sie sind selbstbewusst, die vier Frauen. Stark. Und was sie ganz sicher nicht brauchen, sind Männer als Richtungsgeber - oder eine Stadt. Na dann: ein Hoch aufs liebenswerte "Landei". Andreas Burger

Melanie Emmerich mit Lilly (vier Monate) fühlt sich pudelwohl im ländlichen Wehrheim.

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