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Home Office ist keine moderne Sklaverei

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Von: Christina Jung

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Natalie Pawlik, Birgit Hahn und Rainer Schröder (von links) sitzen in der „Fish Bowl“ und sind gespannt auf den Diskussionsabend.
Natalie Pawlik, Birgit Hahn und Rainer Schröder (von links) sitzen in der „Fish Bowl“ und sind gespannt auf den Diskussionsabend. © CHRISTINA JUNG

Die Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik spricht auf Einladung der SPD Usingen über Für und Wider des Arbeitens von zu Hause aus. Es gibt Vorteile, aber auch Fallstricke.

Schlecht besucht war die Veranstaltung der SPD Usingen, die am Donnerstagabend in der Hugenottenkirche stattgefunden hat. Dabei hätte das Thema Home Office mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Lediglich ein Bürger „verirrte“ sich in die vom Ortsverein organisierte Diskussionsrunde, bei der die Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik aus dem Wetteraukreis mit einem Fachmann für Personalfragen, Rainer Schröder, in lockerer Runde sprach. Natürlich durften auch Fragen gestellt werden. Dazu war die Sitzordnung nicht in Konzertbestuhlung, sondern in Form eines „Fish Bowls“ vorgenommen worden.

Bevor richtig ins Thema eingestiegen wurde, erläuterte Hahn kurz die Beweggründe, die zur Einladung von Pawlik, die im Fachausschuss von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sitzt, führten. Home Office sei keine Erfindung durch die Pandemie, habe aber wegen dieser zu einem rasanten Anstieg der Zahlen jener, die von zu Hause aus arbeiten, geführt. Hier müsse ein Auge darauf geworfen werden, ob und wie Home Office aussehe, was die Ausstattung angehe ebenso wie die Zeit, die der Arbeitnehmer im Home Office verbringe und wie eine Kontrolle durch den Arbeitgeber erfolge.

Interesse nahm immer weiter ab

Dabei berichtete Hahn, dass in der eigenen Familie ebenfalls Home Office Einzug gehalten habe und sich ihre Schwiegersöhne, aber auch die Tochter damit auseinander setzten. Hier seien auch die Gewerkschaften gefragt, um für die richtigen Rahmenbedingungen für die Arbeitnehmer zu sorgen. Der Ortsverein habe viele Veranstaltungen online angeboten und festgestellt, dass nach anfänglicher Begeisterung das Interesse weniger geworden sei. „Das lag wahrscheinlich daran, dass die Menschen nach einem Tag im Home Office nicht auch noch am Abend vor dem Bildschirm hocken wollten“, vermutete Hahn.

Natalie Pawlik ist nicht nur SPD-Fachfrau für das Thema, sondern auch selbst Arbeitgeberin. Sie habe Verständnis für die Arbeitnehmer, die im Home Office arbeiten wollten, schätze persönlich aber den direkten Austausch und Kontakt zwischen ihr und ihrem Team. Noch habe niemand aus ihrem Team Kinder, so dass hier keine Überschneidungen zu befürchten seien. Allerdings, so ihre Antwort auf eine entsprechende Nachfrage, wisse sie darum, dass Home Office oftmals bedeute, dass morgens früher angefangen und abends später aufgehört werde.

Home Office, das wurde im Laufe des Abends immer deutlicher, kann eine gute Chance für die Arbeitnehmer sein und auch positive Auswirkungen für das Klima haben. Letzteres, weil Flugdienstreisen oder Fahrten quer durch die Republik sowie der Anfahrtsweg zur Arbeitsstelle wegfallen. Nachteile, aber diese gebe es nicht erst seit Corona, seien der mangelnde Kontakt zu den Kollegen, das Fehlen von persönlichen Beziehungen oder auch der unmittelbare Gedankenaustausch, der vom Tippen von Mails oder Whatsapp-Nachrichten sowie Videokonferenzen weitgehend abgelöst worden sei.

Zum Feierabend alles ausmachen

Bei vielen Berufsgruppen sei das Home Office aber sehr beliebt - etwa in der IT-Branche oder in Büros. Nachteil sei hier für kleinere Betriebe, dass diese sich Home Office aus organisatorischen Gründen nicht leisten können. Größere Betriebe hingegen nutzen das Home Office dazu, um ihre Bürokapazitäten zu drosseln, um so auch Mietausgaben zu senken.

Home Office sei keine moderne Sklaverei, auch wenn Arbeitnehmer oftmals mehr leisteten. Deshalb sei es immens wichtig, das Diensthandy nach Feierabend auch nicht mehr in die Hand zu nehmen und den Rechner runterzufahren. „Wir brauchen die europäische Regelung zur Erfassung der Arbeitszeit, die von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert und umgesetzt werden muss“, sagte Pawlik. Aber es brauche auch eine flexible Handhabung zum Schutz der Arbeitnehmerschaft in körperlich anstrengenden Berufstätigkeiten auf der einen Seite und den Anforderungen von Tätigkeiten wie im Home Office.

Pawlik sieht eine sich schnell verändernde Arbeitswelt; der Fachkräftemangel und sinkende Arbeitslosenzahlen seien wichtige Indizien dafür. Aber zunehmenden psychischen Belastungen, schmerzlich erkennbar an zunehmenden Burnouts, seien ebenfalls alarmierende Signale für Veränderungen. Sie setze sich für eine Verringerung der Arbeitszeit ein, denn es zeige sich, dass nicht weniger geleistet werde, sondern genauso viel wie in jetziger Vollzeit. VON CHRISTINA JUNG

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