Au-pair-Retterin im Einsatz

Jeden Tag ein Hilferuf

  • Nina Fachinger
    VonNina Fachinger
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Immer wieder liest man von Au-pairs, die in Deutschland ausgenutzt, sogar zur Prostitution gezwungen werden. Susanne Flegel aus Neu-Anspach ist 24 Stunden und sieben Tage die Woche unterwegs, um Au-pairs zu retten. Ein Kamerateam hat sie nun für eine ARD-Doku dabei begleitet.

Nicht ein Mädchen pro Woche, sondern ein Mädchen pro Tag müssen Susanne Flegel aus Neu-Anspach und Marita Grammatopoulos aus Lorsch mittlerweile aus deutschen Gastfamilien retten – diese jungen Frauen, manchmal auch Jungs, kommen aus Nepal, Moldawien, China, Kolumbien, Peru, Kenia, Russland oder Rumänien nach Deutschland, um als Au-pairs unsere Sprache und etwas über unsere Kultur zu lernen. Doch stattdessen werden sie ausgenutzt für den Haushalt, für den Aggressionsabbau: „Es geht bis hin zu Gewalt und sexueller Nötigung“, sagt Susanne Flegel, die seit 14 Jahren in Neu-Anspach eine Au-pair-Agentur betreibt und sich fast noch länger um junge Frauen kümmert, die von ihren Gastfamilien ausgenutzt werden. Immer wieder gibt es sogar Au-pairs in Deutschland, die sich das Leben nehmen. „Das darf sich nicht wiederholen.“

Susanne Flegel ist am Montag, 22.45 Uhr in der Doku „Billigkraft statt Babysitter – Au-pairs in Deutschland“ in der ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ zu sehen. Sie wurde dafür bei ihren Nacht-und-Nebel-Einsätzen für Mädchen in ganz Deutschland begleitet, auch betroffene Au-pairs kommen zu Wort. „Untergebracht im Privathaushalt, befinden sich die Mädchen in Abhängigkeit – das Arbeitsverhältnis entzieht sich jeder staatlichen Kontrolle“, heißt es in der Mitteilung des Senders. Eine andere Erkenntnis: Die tägliche Ausnutzung kommt oft in gut verdienenden Familien vor.

Internet ist Hauptproblem

Auch Susanne Flegel kennt diese Fälle. Seit drei bis vier Jahren sei die Zahl der Rettungseinsätze kontinuierlich gestiegen, sagt sie. Ihre Erfahrungen mit Gastfamilien im Usinger Land, noch mehr aber mit solchen aus reichen Kommunen im Vordertaunus, waren in der Vergangenheit sogar so negativ, dass sie grundsätzlich keine Au-pairs mehr in die Region vermittelt.

„Das Problem ist, dass es heute nicht mehr die Pflicht gibt, die Au-pairs über eine Agentur nach Deutschland vermitteln zu müssen. Mittlerweile kann man die Mädchen wie Katalogware im Internet bestellen, sie sind den Familien dann schutzlos ausgeliefer“, sagt Flegel. Die jungen Frauen – das Mindestalter beträgt 18 Jahre – bekommen zwar Verträge vorgelegt, würden sie aber mit ihren Basis-Deutschkenntnissen oft nicht verstehen. „Und Papier ist natürlich auch geduldig“, so Flegel. „Die meisten sprechen anfangs nur Englisch, lernen aber oft schnell Deutsch, sofern die Gastfamilie auch wirklich mit ihnen Deutsch spricht. Ich hatte aber auch schon Mädchen, die viele Monate im Land waren und noch kein Wort Deutsch gesprochen haben.“ Obwohl Au-pairs einen Anspruch auf Sprachunterricht haben (lesen Sie dazu auch Info-Text).

Im Internet tummelten sich viele Agenturen, deren Betreiber nur an der Vermittlungsprovision interessiert seien. „Selbst wenn sich die Frauen bei ihnen melden, wird ihnen nicht geholfen. Das Argument der Gasteltern, dass Au-pair sei verlogen oder unglaubwürdig, hat dann mehr Gewicht“, sagt die dreifache Mutter, die selbst schon neun Au-pairs im Haus hatte.

Nicht nur Au-pairs, auch Familien würden über Schein-Agenturen im Internet abgezockt. „Das müsste gesetzlich geregelt werden“, so Flegel. Doch es gibt auch Möglichkeiten, die Seriosität zu prüfen (Artikel unten).

Bei Au-pairs hat sich ihr Name und der ihrer Partnerin bei den Hilfseinsätzen, Marita Grammatopoulos, schon rumgesprochen. Manchmal müssen sie mitten in der Nacht raus, wenn sie einen Hilferuf über Whatsapp, Facebook oder über den Chat-Dienst Viber bekommen. „Ich versuche immer erst mit den Gastfamilien zu sprechen, das Problem gemeinsam so zu lösen.“ Doch dass Au-pairs wirklich auch Intimität bedeuten, ein neues Familienmitglied da ist, das auch integriert werden muss, sei vielen nicht so klar.

Nicht nur Männer, auch Frauen werden in Extremfällen gewalttätig, Eifersucht ist immer wieder ein Problem. „Sie sitzen im gleichen Wohnzimmer vor dem TV, essen das gleiche, fahren sogar zusammen in den Urlaub.“

Es ist eine enge Beziehung, die aber auch sehr bereichernd sei: „Es war für mich eine tolle Form der Kinderbetreuung, meine Kinder sind dadurch auch viel offener für andere Kulturen.“ Natürlich gab es auch mal Probleme, ein Au-pair war nicht ehrlich. „Nach 14 Jahren kann ich aber ganz schnell erkennen, ob einem Mädchen gerade die Fantasie durchgeht, oder ob es wirklich ein Problem hat.“

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