„Jeder bekommt eine Chance“

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Vor 27 Jahren waren Robert und Gudrun Lemli in Südamerika ein halbes Jahr mit dem Rucksack unterwegs. Die Situation der Straßenkinder in den Elendsvierteln der peruanischen Hauptstadt Lima ließ die beiden nicht mehr los, zum Glück für die Straßenkinder.

„Auf der einen Seite wunderschöne Landschaften und freundliche Menschen, auf der anderen Seite unglaubliche Armut, viele Illusionen und noch mehr Hoffnungslosigkeit“, so beschrieb Robert Lemli seine erste Andenreise. Sollten schöne Fotos alles gewesen sein, hatten er und seine Frau Gudrun sich gefragt. Beim Seniorennachmittag des sozialen Netzwerk Silbergrau im evangelischen Gemeindehaus in Arnoldshain zeigten die beiden einen Film über Land und Leute in Peru, und berichteten, wie aus ihrer Vision ein Kinderdorf entstanden ist.

Rund um die Hauptstadt Lima lebt etwa die Hälfte der Bevölkerung auf engstem Raum in primitiven Hütten ohne Kanalisation, fließendes Wasser oder Elektrizität, nur ein Brot am Tag für eine ganze Familie, 21 Prozent der Kinder sterben bevor sie fünf Jahre alt sind. „Die Kinder sind die Opfer im Teufelskreis von Hunger und Gewalt, sie suchen einen Ausweg auf der Straße, der sich schnell als eine hoffnungslose Sackgasse herausstellt“, beschrieb Robert Lemli die Situation, die sie zum Handeln bewog nach der Devise „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Das ehemals selbstständig arbeitende Ehepaar sagte seinem bisherigen Leben Adieu und setzte große Teile seines Vermögens ein, um den Kindern in und um Lima die Chance auf eine menschenwürdige Zukunft zu geben.

Das erste Projekt war ein Kindergarten, für den die Lemlis das Material zu Verfügung stellten und den peruanische Eltern in Eigenregie aufbauten. Im Jahr 1995 legten die Oberreifenberger dann nach dem Vorbild der SOS-Kinderdörfer den Grundstein für ein Kinderdorf in Lima, erwarben ein 20 000 Quadratmeter großes Grundstück. Eingeweiht wurden die ersten Gebäude des Kinderdorfes 2004, heute stehen dort 14 Häuser, dazu Lehrwerkstätten und Sportanlagen. Peruanische Sozialarbeiter und Pädagogen versuchen, Kinder dauerhaft aus sozialen Brennpunkten, wo Kriminalität, Drogen und Prostitution das Leben bestimmen, herauszuholen. Die Kinder werden in einem „Offenen Haus“ zunächst an einen geregelten Tagesablauf herangeführt, müssen soziale Regeln lernen und Verantwortung übernehmen. „Jeder bekommt seine Chance, aber er muss sie auch nutzen“, sagte Robert Lemli. Erst wer das bewiesen habe, werde ins Kinderdorf aufgenommen. Dort erhalten die Kinder Essen, ein sicheres Zuhause und familiäre Fürsorge sowie eine schulische und berufliche Ausbildung.

Weil das Ehepaar die Organisation und Verwaltung vor Ort nicht mehr alleine bewältigen konnte, erfolgte 2007 die Eingliederung in die SOS-Kinderdorf-Familie. Doch das Engagement der Lemlis ging weiter. Jedes Jahr sind die beiden von Februar bis April in Lima. Und sie haben bis heute Kontakt zu einigen Mädchen und Jungen, die mit 18 Jahren das Kinderdorf verlassen haben. Sie berichteten von einem 25-jährigen Familienvater, der ein eigenes Geschäft im Zentrum von Lima betreibt. Drei Schwestern wurden Zahntechnikerinnen und führen gemeinsam ein eigenes Zahnlabor. Andere arbeiteten als Koch, Buchhalter, auf der Bank oder bei der Polizei.

„Doch nicht alle schaffen es, manche sind auch zurückgefallen in die Gosse“, gibt sozial Engagierte zu. Als kürzlich zwei ehemalige Schützlinge, die inzwischen in Turin leben, die Lemlis in Oberreifenberg besuchten, wurden sie allerdings erneut darin bestätigt, dass das, was sie tun, richtig und wichtig ist. Und sie werden nicht müde sich weiter für die Kinder in Peru einzusetzen.

Nur durch Spenden und Patenschaften kann das Kinderdorf am Leben gehalten werden. Pro Kind entstehen pro Jahr laufende Kosten in Höhe von 3 000 Euro. Die Schmittener Senioren haben mit 117 Euro ihren bescheidenen Beitrag mit hohem Symbolwert geleistet. Denn wenn jeder nur ein bisschen abgibt, kann im Kinderdorf viel getan werden. Spenden kann man an SOS Kinderdorf e.V., Bank für Sozialwirtschaft München, Konto 7 808 005, IBAN DE02 7002 0500 0007 8080 05, BLZ 700 205 00 BIC BFSWDE33MUE.

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