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Peter Schneikert (von links) bildet mit Calvin (11 Jahre), Irmgard, Vivian (8 Jahre) , Desiree, Deacon (9 Jahre) und Jens Rudolf ein starkes Team.

Gebärdensprache, Gesten und Computer

Kommunikation braucht keine Laute

Wer nicht hören kann, was um ihn herum passiert, sieht die Welt mit anderen Augen. Das Umfeld ist darauf in der Regel nicht eingerichtet. Obwohl beide Elternteile und alle drei Kinder gehörlos sind, kommt die Familie Rudolf aus Oberreifenberg damit zurecht, führt ein fast normales Leben. TZ-Mitarbeiterin Evelyn Kreutz hat die Familie besucht.

Wie lebt eine Familie, die in Sachen Kommunikation eingeschränkt ist? Wer nicht hören kann, hat es auch schwer sprechen zu lernen. Und doch ist Verständigung möglich, nicht nur unter Gehörlosen. Bezeichnend verläuft schon die Parkplatzsuche vor dem Haus der Familie Rudolf. Kaum eingeparkt auf einem freien Platz gegenüber, eilt Jens Rudolf herbei. Er weist ein, wo das Auto abzustellen ist. Die einladende Geste des Familienvaters ist eindeutig. Genauso klar ist, dass wir im Esszimmer bleiben, weil es draußen zu warm ist.

Sicherheitshalber sind Oma Irmgard Rudolf und ihre Lebensgefährte Peter Schneikert an diesem Nachmittag zu Besuch. Sollte die Kommunikation nicht klappen, würden sie dolmetschen. Außerdem gibt es ja auch noch den Laptop. Weil alle sich bemühen, kommt ein reges Gespräch, ein Mischmasch aus Laut- und Gebärdensprache, in Gang. Daran beteiligt sich nur nicht die achtjährige Vivian, die zwar kurz zur Begrüßung kommt, sich dann aber erst mal verkrümelt.

Der elfjährige Calvin ist zurückhaltend und das erklärt sich schnell: Er hört so gut wie nichts hört, muss alles von den Lippen ablesen und spricht überhaupt nicht. Die Eltern Jens und Desiree sprechen beide, und gar nicht schlecht. Wie Oma Irmgard berichtet, war Jens als Junge in der Gehörlosenschule gezwungen die Lautsprache zu lernen. „Er und meine Schwiegertochter haben im Vergleich zu vielen anderen Gehörlosen sogar eine schöne Stimme, gar nicht so monoton“, sagt sie stolz. Dafür habe sie mit ihrem Sohn zu Hause unermüdlich geübt. Doch wenn das Ehepaar mit den Kindern allein ist, ist Gebärdensprache angesagt. Wer sollte sie auch hören?

Der neunjährige Deacon hört und spricht von allen aus der Familie am besten, dank moderner Hörgerätetechnik. Und er hat den Ehrgeiz die Aufgabe des Dolmetschers zu übernehmen. Wie selbstverständlich nimmt sich die Oma im Gespräch zurück.

Die Brüder und ihre kleine Schwester waren alle zunächst im Kindergarten in Oberreifenberg. Seit dem vierten Lebensjahr gehen sie in die Gehörlosenschule nach Bad Camberg. Freunde aus der Kindergartenzeit haben sie nicht mehr. „Weil wir erst so spät mit dem Schulbus zurückkommen“, erläutert Deacon.

Alle drei sind gute Schüler. Calvin ist Einserkandidat in Mathe und Englisch. Aber wie funktioniert das in der Fremdsprache? „Ganz einfach, über Computer“, meint Deacon, der aus dem Augenwinkel nebenbei das Parallelgespräch in Gebärde zwischen großem Bruder und dem Papa verfolgt. Die unterhalten sich gerade über Fußball. Die Brüder sind Fans von Bayern München. Der Vater winkt ab und sagt in Lautsprache sehr deutlich: „Auch München, aber 1860.“ Jens Rudolf ist Feinmechaniker, verständigt sich in ähnlicher Kombination auch mit seinen Arbeitskollegen bei der Firma Karl Schmidt.

„Aus medizinischer Sicht ist außer bei Deacon für keinen große Besserung zu erwarten“, meint die Oma und sagt: „Man muss es annehmen und das Beste daraus machen.“ Weil die Kommunikation unter Gehörlosen leichter ist, gestalten die Rudolfs ihre Freizeit an Wochenenden und im Urlaub bevorzugt mit Menschen, die das gleiche Handicap haben.

Aber wie alle Kinder gehen Calvin, Deacon und Vivian, wenn es heiß ist, gerne ins Schmittener Schwimmbad. Den Einkauf erledigt der Familienvater in der Regel nach der Arbeit im Rewe-Markt in Schmitten.

Mit der Oma gehen die Kinder gerne in den Opelzoo. Mit dem Behindertenausweis haben sie und ihre Begleitpersonen dort freien Eintritt. „Da waren wir mit der Schule, da müssen wir bald wieder mal hin, die haben da neuerdings Pinguine“, sprudelt Deacon los. Außerdem wollen sie Anfang Juli ins Kino, da läuft der neue Film mit den Minions. „Leider ohne Untertitel, aber das verstehen wir auch so“, signalisiert Desiree Rudolf.

Jetzt sind erst mal Sommerferien. Bis zum Realschulabschluss bleiben die Kinder in der Schule in Bad Camberg. Wenn einer von ihnen Abitur machen will, müsste er in ein Gehörlosen-Internat nach München oder Essen. Fürs Familienfoto mit der TZ kommt dann doch noch Vivian dazu. Doch vorher muss sie sich noch kämmen, da ist sie eitel, wie jedes Mädchen.

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