Vom Leben und Sterben in alter Zeit

Die Wehrheimer Geschichtsforscherin Johanna Koppenhöfer beschäftigt sich schon ihr Leben lang mit Geschichte. Vor allem die Historie ihres Wohnortes hat es ihr angetan. Vor drei Jahren hat sie sich das Kirchenbuch von 1709 vorgenommen und übersetzt. Denn die Schrift kann heute kaum noch jemand lesen. Heute schreibt sie selbst, was sie bei ihren Recherchen herausgefunden hat.

Von Johanna Koppenhöfer

Das alte evangelische Kirchenbuch von 1709 ist eine Fundgrube für Ahnenforscher, aber es ist auch eine wichtige Quelle für die Dorfgeschichte. Und es macht nachdenklich, man sieht die Generationen vorüberziehen. Trauungen sind eingetragen, dann folgen einige Jahre lang die Taufeinträge der Kinder und nach vielen Jahren der Stille finden sich die Sterbeeinträge der Eltern, während die Kinder bereits geheiratet und neue Familien gegründet haben...

„Uffgerichtet und angefangen von Pfarrer Jost Will zu Wehrheim am 24. Juli 1709“ steht im Vorwort zu diesem Kirchenbuch. Viele Wehrheimer Namen tauchen auf, die es heute nicht mehr gibt und die seinerzeit auch in keiner Akte aufgetaucht sind, zum Beispiel Sonnenschein, Iltzhöfer, Theißroth, Fröling, Holtzapfel, Ostermann, Dedig oder Dietig. Von ihm weiß man, dass er Strumpfweber war, und Iltzhöfer hießen die letzten Müller der Pfarrmühle.

Die Brückenmühle hieß 1761 noch „Erlenbacher Mühl“ und war im Besitz von Johann Heinrich Leicker.

1713 heiratete ein Sohn des ersten Hugenottenbürgermeisters von Friedrichsdorf, Alexandre Moillet, eine Anna Maria Schmarr aus Wehrheim. Wie konnten die sich eigentlich kennenlernen, und wie haben sie sich verständigt, wenn Alexandre nur französisch sprach und Anna Maria Wehrheimer Dialekt? Das Paar hatte mehrere Kinder, von denen einige im Kleinkindalter starben. Alexandre Moillet lebte bis zu seinem Tode im Jahre 1752 in Wehrheim.

Weitere interessante Hochzeiten fanden in der Wehrheimer Dorfkirche statt:

Im Jahre 1711 heirateten Ihre Excellenz, Herr von Greiffencron Witwer, und Frau von Cronenburg,

1728 Amtmann Thomas Thomae, der im Amtshof gegenüber dem alten Rathaus wohnte, und Susanna Maria Fei von Friedberg,

1732 Johann Heinrich Schwartz, Stifter des Abendmahlkelches, und Elisabetha Wagner,

1749 Balthasar Dietig, von hier und darauf in holländischen Diensten unter Prinz von Holstein als Sergeant, und Anna Barbara Jungmann.

Überaus zahlreich sind die Taufeinträge. Im Jahr wurden durchschnittlich 20 Kinder getauft. Nicht alle überlebten. Bei der Taufe erhielt das Kind die Vornamen des Paten oder der Patin, die meistens aus der Verwandtschaft stammten. Der erste Vorname eines Knaben war – bis auf seltene Ausnahmen – Johann. Bei Mädchen war der erste Vorname meist Anna oder Maria.

Für die Kinder von Amtmann Thomae fanden sich illustre Paten, zum Beispiel Regimentsquartiermeister Johann Conrad Pistorius, Stadtleutnant Jacob Zehner von Mannheim oder Canzleidirektor Johann Ludwig Wiederholt von Dillenburg.

Aber es gab auch tragische Fälle: Im Jahre 1735 ließen der entsprungene Dominikanermönch Paul Anton Nagel und Ehefrau Clara einen Sohn taufen, für den Schultheiß Johann Georg Fatz und Adam Rumpels Ehefrau die Patenschaft übernahmen. Später folgte dann der Vermerk: „Der Vater ist von der katholischen Kirche weggenommen und in ein Kloster eingesperrt worden!“

Für ein Franzosenkind übernahm Amtsverwalter Gebhard im Jahre 1753 die Patenschaft und für einen Waisenjungen im gleichen Jahr der Wehrheimer Bürger Peter May.

Im Alter von 12 bis 14 Jahren wurden die Wehrheimer Kinder zusammen mit den Obernhainer Kindern konfirmiert.

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