Die letzten Tage sinnloser Kämpfe

Vor dem Osterfest 1945 war die Heimat zur Front geworden. In den Ostertagen waren die Amerikaner in vielen Orten des Usinger Landes einmarschiert. Und der Taunus war ein letzter Rückzugsort für deutsche Soldaten.

Von Heinrich Nitschke

Schwere Kämpfe gegen die 7. und 12. US-Armee an der Westfront, besonders im Hunsrück, waren Ende des Zweiten Weltkriegs sehr verlustreich für die Regimenter 6. Gebirgsjäger-Division „Nord“ und der Kämpfer der Waffen SS .

Eine deutsche Frontlinie bestand zu dieser Zeit nicht mehr; nur sogenannte Kampfgruppen der Division – fast ohne schwere Waffen und Munition – zogen sich am 27./28. März aus dem Raum Diez/Limburg in den Taunus zurück. Dadurch wurden der Taunus und das Usinger Land in den letzten Märztagen vom 27. März bis 1. April 1945 zum Front- und Kampfgebiet.

Von Camberg aus stießen US-Formationen zur Tenne vor, wo heftig gekämpft und nach erheblichen Verlusten auf beiden Seiten Riedelbach von US-Panzern erobert wurde. Ein weiterer US-Angriffsverband rückte von Cratzenbach nach kurze Kampfhandlungen in Rod an der Weil ein, wo die Kleinmühle und einige Gebäude im Ortskern in Brand geschossen wurden und stießen weiter nach Gemünden, Emmershausen, und Ober- und Niederlauken vor. Die Panzerkolonnen rollten weiter nach Dorfweil, Brombach und Rod am Berg. Nach kurzem Artillerie-Duell konnte der Anspacher Bürgermeister Henrici den Ort kampflos übergeben. Er befolgte sinnvoller Weise alle Anordnungen der Amerikaner, um Verluste und Zerstörungen in seiner Gemeinde zu vermeiden.

Doch als ein deutscher Gegenstoß zu einem kurzfristigen Erfolg führte, wurde er von deutschen SS-Leuten wegen Sabotage und Defätismus verhaftet und zum Verhör und zur Verurteilung in die Usinger Ziegelei Jack gebracht (heute Schleichenbach).

Glücklicherweise führte die schnelle Eroberung der Kreisstadt am Ostermontag zur überstürzten Flucht des SS-Verhörkommandos, so dass Henrici lebend nach Anspach zurückkehren konnte. Es war in den letzten Kriegstagen durchaus üblich, dass sowohl Soldaten oder Zivilisten, welche die weiße Fahne aufzogen oder Orte kampflos übergeben hatten, erschossen oder erhängt wurden.

Der Grävenwiesbacher Raum geriet ab 29. März ebenfalls in die Hauptkampflinie. Beherzten älteren Männern gelang es dort die wenigen versprengten und demoralisierten deutschen Verteidiger zum Verschwinden zu bewegen, so dass es zu keinen Kampfhandlungen und Verlusten mehr kam.

Am Karfreitag sollte auch Wehrheim noch „bis zur letzten Patrone“ verteidigt werden. Viele deutsche Soldaten hatten jedoch die Sinnlosigkeit des weiteren Kampfes erkannt und ließen sich in den Wäldern um die Saalburg und bei Pfaffenwiesbach entwaffnen oder warfen ihre Waffen weg.

Auf einer Wiese am Obernhainer Weg richteten die Amerikaner kurzfristig ein provisorisches Gefangenenlager ein, von wo aus einige Hundert Landser in ein

Sammellager

nach Frankfurt gebracht wurden. Als die nach Usingen vorrückenden US-Panzer am Nachmittag des Karfreitags am Krausbäumchen nochmals auf heftigen Widerstand von SS-Soldaten der Nord-Division stießen, wurde Wehrheim geräumt.

Die Bewohner hofften jedoch auf baldige Rückkehr der US-Panzer, zumal der Ort als Lazarettplatz ausgewiesen war. In den Gaststätten „Taunus“, „Linde“, „Rose“ und in der Schule hatte man alle Räume mit Verwundeten belegt.

Während der Nacht zum Ostersamstag verschanzten sich in Wehrheim auf dem Rückzug nochmals einige SS-Soldaten. Sie wollten den Ort tatsächlich noch verteidigen. Von Anspach und Dornholzhausen setzte daraufhin heftiges Artilleriefeuer ein, das von einem Flugzeug aus gelenkt wurde. Einige Ställe, Scheunen und Häuser wurden in Brand geschossen, ehe die letzten Verteidiger noch in der Dunkelheit der Osternacht sich in Richtung Kapersburg zurückzogen.

Am Ostersonntag um 11 Uhr nahmen die Amerikaner endgültig von Wehrheim Besitz. Zwölf gefallene deutsche Soldaten fanden auf dem Wehrheimer Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Eine starke US-Einheit rückte von Riedelbach her am 30. und 31. März 1945 in Richtung Merzhausen vor. Der dortige Flugplatz war kurz zuvor endgültig geräumt, sämtliche Einrichtungen zerstört worden. Das Dorf Merzhausen wurde jedoch am Karsamstag noch etwa 12 Stunden lang von SS- und Landsturmmännern von MG-Stellungen aus verteidigt.

Durch Artilleriebeschuss gerieten 36 Scheunen und 14 Häuser in Brand. Es gab Verletzte unter der Bevölkerung und deutsche Soldaten starben, ehe die Verteidiger den sinnlosen Widerstand aufgaben.

Merzhausen war der Ort im Usinger Land, der durch Kampfhandlungen starke Zerstörungen an Gebäuden zu verzeichnen hatte. Viele obdachlose Einwohner erhielten bei Verwandten und Freunden Unterkunft im Dorf.

Merzhäuser Zeitzeugen berichteten, dass es trotz unerschrockenen Einsatzes dem damaligen stellvertretenden Bürgermeister Nöll und einer Frauengruppe sowie eines Majors Hüttepohl nicht gelungen war, den SS-Kommandanten und dessen Truppen zum Abzug oder zur Kapitulation zu bewegen. Das Dorf wäre nicht zerstört worden. Die US-Soldaten, von denen einige auch die deutsche Sprache beherrschten, waren durchweg freundlich und friedlich gewesen und hatten sich um die Obdachlosen gekümmert.

Etwa 15 Usinger Jungen und ebenso viele aus Kransberg und Pfaffenwiesbach der Jahrgänge 1928/29 wurden von Wehrmachts- und SS-Soldaten im Februar 1945 in der Kaserne in Weilburg als Volkssturm-Kameraden militärisch ausgebildet. Sie sollten mit Panzerfäusten und G8-Karabinern die amerikanischen Panzer besiegen. Höhere HJ- Führer (Hitlerjugend) sollten ihren Einsatz organisieren und leiten. Am 24. März 1945 wurden sie zum Kriegsdienst einberufen.

Doch die jungen Krieger versteckten sich auf Rat ihrer Eltern in den Usinger Waldgebieten – alle überlebten den Krieg – nur ihr Bannführer starb bei einem Autounfall im Kriegsgebiet.

In vielen Usinger Gebäuden lagen mehrere hundert Verwundete und Schwerverletzte. Die US Militärverwaltung, die im heutigen Wohnhaus Brandt sich eingerichtet hatte, leistete Hilfe. So wurde sofort der Kaufmann Wilhelm Philippi als Bürgermeister eingesetzt.

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