Der Gewerbeverein hatte einen Teil der Innenstadthändler zur Protestaktion gebracht: Stärker auf lokale Gegebenheiten und Probleme eingehen und auch lokal von der Politik in der ganzen Problematik wahrgenommen werden, das sind die Grundforderungen.
+
Der Gewerbeverein hatte einen Teil der Innenstadthändler zur Protestaktion gebracht: Stärker auf lokale Gegebenheiten und Probleme eingehen und auch lokal von der Politik in der ganzen Problematik wahrgenommen werden, das sind die Grundforderungen.

Eindringlicher Hilferuf des Usinger Einzelhandels

"Lokale Politik muss die Stimme für uns erheben"

  • vonAndreas Burger
    schließen

Gewerbetreibende fordern, das die Regelungen individuell auf den Handel umgemünzt werden

Es war ein deutliches Statement, was der Gewerbeverein in Form einer kleinen Kundgebung in der Innenstadt vor "Schuh-Effekt" abgab: Vergesst die kleinen Einzelhändler nicht. Und damit schloss sich der Verein der bundesweiten Aktion des Einzelhandels an, der nach einem Jahr Stillstand und Verluste finanziell nach Luft schnappt, zumal viele der versprochenen Hilfen, so die Aussage, noch lange nicht auf den Konten eingetroffen seien.

Was den Verein und die Mitglieder am meisten nervt, "ist die völlige Ungleichbehandlung des Handels", so Vereinschef Ralf Müller. Während Lebensmittelmärkte verständlicherweise öffnen dürften, verkauften diese aber nun auch Spielwaren und Haushaltsgegenstände.

Hygienekonzepte erstellt

Der Einzelhandel habe in den vergangenen Monaten umfangreiche Hygienekonzepte erstellt und umgesetzt, teils mit erheblichem finanziellen Aufwand. "Ich kann nicht verstehen, dass in den Märkten die Menschen dicht an dicht einkaufen können, während wir nur ein oder zwei Kunden haben - aber nicht öffnen dürfen", sagte Snjezana Maros vom Schuhhaus. Auch Markus Stalla von der Praxis Taunushypnose schlug in diese Kerbe, wenn auch mit deutlicheren Worten. Er sei als systemrelevanter Anbieter von der Schließung zwar nicht betroffen, könne aber mit den Ungerechtigkeiten nicht leben. "Wo sind die Lokalpolitiker als unser Sprachrohr", sagte er. Schließlich habe man sie gewählt und dürfe nur mehr Einsatz erwarten.

Bürgermeister Steffen Wernard (CDU), der kurzfristig eine Mail vom Termin erhalten hatte und auf einem anderen Termin weilte, äußerte sich dennoch: "Ich blicke mit großer Sorge auf die wirtschaftliche und persönliche Situation der Unternehmer des Einzelhandels, der Gastronomie sowie der von den Corona-Verordnungen betroffenen Dienstleistungsbetriebe in unserer Stadt. Auch wir wünschen uns alle sehr, dass hier konkrete Perspektiven für die Unternehmen gegeben werden können, aber als Kommunalverwaltung ist uns hier kein Handlungsspielraum gegeben. Was wir tun können, ist vor Ort zu unterstützen. Neben den umgesetzten Maßnahmen der Wirtschaftsförderung, insbesondere mit der Organisation und Finanzierung des Weihnachtsgewinnspiels sowie dem ersten Aufbau einer gemeinsamen Internet-Plattform auf der städtischen Website und der Werbekampagne für das Usinger Gutscheinportal, habe ich in vielen Gesprächen mit betroffenen Geschäftsleuten auch immer wieder meine persönliche Unterstützung angeboten, sollte es Probleme bei der Beantragung von staatlichen Hilfeleistungen geben."

Man hoffe, dass sich in den nächsten Wochen die Infektionslage trotz der neuen Corona-Mutationen weiter verbessere, so dass man schrittweise in ein normales Leben zurückkehren können, Geschäftsöffnungen möglich sind und insbesondere auch der Alte Marktplatz mit seinen vielfältigen Gastronomieangeboten als Anziehungspunkt die Innenstadt belebe, so Wernard.

Das hätte auch gerne Bernhard Keth, dessen Schlosscafé momentan aufgrund der Pandemie geschlossen ist. "Unsere Kosten laufen weiter, aber ich habe nicht nur eine Verantwortung gegenüber dem Betrieb, sondern vor allem gegenüber den vielen Angestellten", sagte er. Und, wie auch Maros, wies er darauf hin, das gerade in Usingen Handel und Gastronomie Hand in Hand arbeiteten und voneinander abhängig seien. "Viele Bürger sind im Home-Office, das Rathaus macht nur mit Terminen auf, die Schulen haben eine Teilöffnung. Da fehlen auch uns die Kunden, denn der Einzelhandel ist ja auch zu." Die Unternehmer seien alle sozusagen voneinander abhängig.

Differenzierte Betrachtung

Keth betonte, dass er die Maßnahmen durchaus verstehe und wisse, das die Pandemie gerade in Deutschland durch das konsequente Handeln eingedämmt worden sei. "Aber wir würden uns wünschen, dass die Berliner Politik mehr Verantwortung an die Länder abgibt - auch wenn diese natürlich selbst schon bestimmen können - und diese wiederum an die Kreise delegieren, welcher Einzelhandel in welcher Kommune öffnen kann. Die Grenze ist bei vielen Unternehmern bereits überschritten."

Stalla betonte, dass er in seiner Praxis zunehmend Erwachsene und Kinder habe, die mit den Folgen der Pandemie nicht mehr zurecht kämen. "Das kann ich nur bestätigen. Mitte der Woche war ich so weit, alles hinzuwerfen", sagte Maros.

Für Müller ist es bereits nach 12 Uhr, um zu handeln. "Wir wissen doch, dass die Entscheidungen nicht im Usinger Rathaus getroffen werden. Und niemand macht dafür einen Bürgermeister oder lokalen Politiker verantwortlich. Aber wir wünschen uns alle, das vor allem die lokale Politik für uns die Stimme erhebt. Nur zu sagen, das sie die Lage auch schlimm finden, das reicht nicht. Wir brauchen ein Sprachrohr in die Landes- und Bundespolitik, dafür wurde die Politik gewählt, das erwarten wir ganz einfach."

Und es dürfe bei aller Pandemie-Problematik nicht vergessen werden, das gerade Usingens Einzelhändler doppelt kalt erwischt worden seien. "Wir kamen aus der Innenstadt-Baustelle in die Pandemie. Uns fehlen sozusagen zwei Jahre die Umsätze. Da kann ich nur alle loben, die ihr Unternehmen am laufen halten."

Wichtig sei, dass auch die Usinger Bürger dem Handel die Stange halten würden. Gerade durch Onlineangebote auf lokaler Ebene müsse niemand nur die Internet-Händler auf internationaler Ebene stärken. "Aber alles greift ineinander: Wenn niemand auf hat und zudem auch die Gastronomie zu ist, wer kauft dann neue Schuhe, um auszugehen", meinte Maros schon fast resignierend. Nur: "Ich hatte mein Tief, ich hoffe, wir kommen durch, aber wir brauchen jetzt die Hilfe unserer Politiker auf kommunaler Ebene", sagte Maros. bur

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare