Mit Pony und Araberhengst: Nadine Renz hat das Falabella-Pferdchen Nils an der Leine, ihr Bruder Patrick führt den Braunen Bajak.	Fotos: Reichwein (2)
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Mit Pony und Araberhengst: Nadine Renz hat das Falabella-Pferdchen Nils an der Leine, ihr Bruder Patrick führt den Braunen Bajak. Fotos: Reichwein (2)

Circus Ernst Renz

Die Manege ist Familiensache

  • Christiane Paiement-Gensrich
    VonChristiane Paiement-Gensrich
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Sieben Kinder haben Silvia und Ernst Renz. Die Circus-Familie reist mit ihrem Programm durch ganz Deutschland. Und für die drei jüngsten Familienmitglieder kommt sogar die Schule mit.

Neugierig blicken drei Lamas durch das Gatter, nebenan schnuppern zwei putzige Falabella-Pferdchen am Heu. Da kommt auch schon Artistin Nadine aus einem der Wohnwagen, um nach den Tieren zu schauen. Sie gehört zum Circus Ernst Renz, der auf der Wiese an der Industriestraße sein gelb-blaues Zelt aufgebaut hat.

Am Nachmittag in der Manege wird die 20-Jährige ihr Glitzer-Trikot tragen und als Schlangenfrau auftreten. „Kautschuk-Akrobatik“ heißt das kunstvolle Körper-Verbiegen im Fach-Jargon. Jetzt, um kurz nach 10 Uhr morgens, ist sie in Jeans und T-Shirt unterwegs. Ebenso wie ihre Mutter Silvia (42), die später in eleganter schwarzer Livree die Zuschauer begrüßen und die einzelnen Nummern ankündigen wird. Die Chefin hat eben schon mit der nächsten Stadt telefoniert, in der ihr Wanderzirkus gastieren will.

„Ich habe sieben Kinder“, sagt Silivia Renz stolz und: „Unser Circus ist ein reiner Familienbetrieb.“ Ihr Mann Ernst (44) tritt mit den Pferden auf – außer den Ponys besitzt der Circus vier weiße und ein braunes Araber-Pferd. Der älteste Sohn Francesco (23) kommt als Clown Pepinio in die Manege, Timo (21) ist Handstand-Artist, Patrick (17) ist ebenfalls Clown. Antonio (15) kommt als Jongleur. Fernando (12) will ebenfalls Clown werden. Und Nesthäkchen Lorin (6) eifert ihrer großen Schwester mit Hula-Hoop-Reifen nach. „Am liebsten will die Kleine Luftnummern machen, am Trapez zum Beispiel. Aber dafür ist sie noch zu jung“, sagt ihre Mutter. Das Schönste für Lorin seien die Auftritte in der Manege. „Wenn die Vorstellung um 15.30 Uhr startet, beginnen wir um 14.30 Uhr damit, uns vorzubereiten und uns umzuziehen. Aber Lorin steckt schon um 14 Uhr fix und fertig gestylt in ihrem Kostüm.“

Jetzt sitzt das braunhaarige Mädchen aber im Lern-Mobil vor dem Zirkuszelt und schneidet Dreiecke und Kreise aus. „Lorin ist ein Vorschulkind, sie wird im September eingeschult“, erklärt Lehrer Alfred Spitz. Er unterrichtet die schulpflichtigen Renz-Kinder zwei bis dreimal pro Woche je fünf Stunden. Neben Lorin sitzen Fernando und Antonio und machen Englisch-Grammatik-Übungen. Fernando ist im fünften Schuljahr, Antonio in der achten Klasse. „Sie müssen sich das vorstellen, wie früher in den Dorfschulen, in denen auch unterschiedlich alte Kinder gemeinsam unterrichtet wurden. Die jüngeren Kinder lernen auch von den älteren“, erklärt Spitz.

Mobiles Klassenzimmer

„Die Schule für Kinder beruflich Reisender gibt es in Hessen und Nordrhein-Westfalen“, so Spitz weiter. Träger ist die EVIM Bildung gemeinnützige GmbH mit Sitz in Wiesbaden, die zum Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau gehört. Die Klassenzimmer sind insgesamt 8 umgebaute Wohnmobile. Sie sind mit Tischen, Stühlen, Büchern, Heften und Stiften ausgestattet. „12 Lehrer unterrichten derzeit 80 Kinder von Schaustellern, Zirkuskünstlern und anderen beruflich Reisenden.“ Wenn die Familien der Schüler in abgelegenen Gegenden gastieren, dann erhalten sie Fernunterricht per Laptop und Internet. „10 unserer Schüler legen im Sommer den regulären Haupt- und Realschulabschluss des Landes Hessen ab“, berichtet Spitz. Silvia Renz ist froh über das Lern-Mobil. „Ich bin auch in einen Zirkus hineingeboren worden. Als Kind musste ich immer in die Schule des Ortes gehen, in dem wir gerade Station gemacht haben. Das war natürlich viel schwieriger.“

Da kommen Nadine im neon-gelben Trikot und Patrick in Livree zum Stall-Zelt und holen ein großes und ein kleines Pferd fürs Foto heraus. Das große ist der braune Araberhengst Bajak. „Das ist der Angeber der Truppe“, sagt Silvia Renz und lacht. „Er steigt unheimlich gern.“ Die Tiere gehören zur Zirkus-Familie dazu: „Sie sind wichtig für uns. Wir leben mit den Tieren und sie leben mit uns. Natürlich werden sie gut gepflegt, so mit Pferde-Shampoo und allem, was dazu gehört.“ Und natürlich haben sie alle Namen: Die vier weißen Araber heißen Cadia, Sambucca, Rachid und Sahid. Die Mini-Pferdchen hören auf Nils und Däumling und die Lamas heißen Chico, Cesar, Lilly und Maja. Dann sitzen da noch die beiden Hühner, die zwar nicht auftreten und auch kaum noch Eier legen, aber ebenfalls zur Familie gehören. Wann die Artisten trainieren? „Das macht jeder, wie er möchte, zwischendurch oder auch nach der Vorstellung“, sagt Silvia Renz, die als junge Frau auch Kautschuk-Akrobatin war.

Tägliches Training

Das Wichtigste sei tägliches Training. „Aber das machen alle von selbst, schließlich haben wir ja den Ehrgeiz, so gut wie möglich zu sein.“

Ihre Kostüme suchen sich die Artisten ebenfalls selbst aus: „Da gibt es spezielle Schneidereien und das Internet. Und manche Kostüme erben die Nachwuchskünstler von ihren älteren Geschwistern.“

Und Nadine verrät: „Das Wichtigste für mich sind meine großen Kreolen-Ohrringe, ohne die trete ich nicht auf.“ Der Circus Ernst Renz ist in ganz Deutschland unterwegs, Sommer wie Winter. In der Weihnachtszeit gastiert er seit einigen Jahren regelmäßig in Oberursel. „Wir machen keine Pause und auch keinen Urlaub. Wir sind ja ohnehin immer wieder an einem anderen Ort“, sagt Silvia Renz.

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