Gegenseitige Vorwürfe

Mediziner und Heilpraktiker liegen sich in den Haaren

Stetes Zündeln entflammt die Scheune – und was das Verhältnis zwischen Ärzten und Heilpraktikern betrifft, brennt die Hütte lichterloh. Die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert hat mit harschen Worten den Alternativ-Medizinern den Kampf angesagt. Und diese nehmen den Fehdehandschuh auf.

Der sogenannte Münsteraner Kreis hat den Stein geworfen, die Heilpraktiker fühlen sich getroffen. Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, griff mit ihrer 17-köpfigen Expertengruppe das Heilpraktikerwesen an und forderte eine umfassende Reform. Die Rede ist von „unangemessener Ausbildung und den meist unhaltbaren Krankheitskonzepten“. Die Mediziner haben auch gleich Lösungen parat: Weg mit den Heilpraktikern oder eine Einführung des spezialisierten „Fach-Heilpraktikers“ mit Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe.

Nach vielen Gesprächen mit Medizinern und Heilpraktikern kann diese Zeitung eines deutlich attestieren: Die beiden Seiten werden keine Freunde mehr. Ärzte sehen Heilpraktiker in den meisten Fällen als, salopp formuliert, pendelnde Kräuterhexen mit Hang zum Eckenausklatschen zur Geistervertreibung. Umgekehrt steht der Vorwurf geldgieriger, wissenschaftshöriger Schnellschuss-Behandler im Raum.

Richtig empört über den Affront gegen ihren Berufsstand ist die Heilpraktikerin Ina Ziese, die auch in Naturheilkunde und biologischer Krebsmedizin unterwegs ist. Sie ist erst seit 2015 in der Branche, vorher verdiente sie ihre Brötchen als Arzthelferin, Pharmareferentin und als Vertriebsleiterin für Nahrungsergänzungsmittel. „Seit dem öffentlichen Angriff habe ich einige Patienten verloren“, wettert die Heilpraktikerin aus Oberursel.

Aber gerade die alternative Medizin finde immer mehr Freunde, gerade in der Schmerztherapie oder um Nebenwirkungen von Medizin einzudämmen: „Wir nehmen den Schulmedizinern Patienten weg und behandeln erfolgreich, wo diese aufgeben, beispielsweise bei Migräne, hormonellen Störungen oder Darmbeschwerden. Das ist die Wahrheit.“

Unstrittig ist, dass sich Heilpraktiker mehr Zeit für die Patienten nehmen. „Wir versuchen in Gesprächen, die Vorerkrankungen, den Lebenslauf und die persönlichen Umstände festzustellen, um daraus unsere Folgerungen und Behandlungsmethoden abzuleiten.“ Eine Sitzung könne sich über Stunden ziehen.

Versöhnlichere Töne hört man vom Bad Homburger Professor Dr. Dominik Denschlag, Chefarzt in den Hochtaunus-Kliniken. Im Gegensatz zu den Medizinern der Kliniken des Main-Taunus-Kreises äußert er sich zu dem Thema: „Natürlich stellen wir fest, dass es mehr Patienten gibt, die sich der Komplementär-Medizin zuwenden, für die es sogar schon Lehrstühle gibt. Und natürlich ist die Schulmedizin nicht allein seligmachend. Heilpraktiker können ergänzend wirken, Krebsbehandlungen sehe ich allerdings nicht in diesem Bereich. Der Vorteil von Schulmedizin ist, dass die Behandlungsmethoden getestet, in hohem Prozentbereich nachweisbar erfolgreich sind und durch Ethikkommissionen abgesichert.“

Das eigene Süppchen

Das sei bei Heilpraktikern eben nicht der Fall. „Viele kochen da ihr eigenes Süppchen und arbeiten nach eigenem Gusto.“ Es sei ein unüberschaubarer Markt, bei dem so mancher auch Geld mit der Angst der Patienten mache.

Er wolle Heilpraktiker nicht verteufeln, denn „als eine begleitende Heilmaßnahme ist dies sicher eine gute Sache. Wenn mich ein Krebspatient fragt, ob zur eigentlichen Behandlung auch ein Heilpraktiker Sinn macht, sage ich nicht nein.“ Aber vieles in diesem Bereich sei eine Glaubensfrage. Und der versetze bekanntlich Berge. Denschlag: „Bei einer ernsthaften Erkrankung rate ich aber von Pendeln und Klangschalen ab. Hier hilft nur die Schulmedizin. Wenn aber der Heilpraktiker dem Patienten begleitend hilft – warum denn nicht? Alles, was gut tut, fördert die Genesung.“ Zudem sei die Ausbildung der Heilpraktiker inzwischen deutlich anspruchsvoller geworden. „Wir könnten uns ergänzen“, sinniert der Professor. Würde er einen Patienten direkt an einen Heilpraktiker verweisen? „Nicht explizit, aber wenn der Patient dies möchte, kann dies ergänzend sinnvoll sein.“

Ins gleiche Horn stößt Dirk Zaloudek, der während des Medizinstudiums „die Seiten gewechselt“ hat und in Hochheim eine Naturheilpraxis betreibt. Er plädiert dafür, individuell für jeden Patienten das herauszusuchen, was derjenige gerade am sinnvollsten benötigt, und gemeinsam über Therapie und Behandlungskonzept zu entscheiden: „Wer verantwortungsvoll Naturheilkunde anwendet und genau weiß, wo seine Grenzen liegen oder weiß wann er Symptome schulmedizinisch abzuklären hat, findet auch Ärzte, die das bemerken und anerkennen. Daher schenken mir viele Patienten ihr Vertrauen. Sie wissen einfach, dass ich weiterschicke, wenn die Naturheilkunde ihre Grenzen erreicht hat oder parallel eine schulmedizinische Behandlung notwendig ist.“

Die Behandlung durch einen Heilpraktiker ließe sich nicht standardisieren, daher weiß er auch zu schätzen, nicht an Fallpauschalen gebunden zu sein: „Ich halte es für extrem wichtig, dass uns die Freiheit in der Entscheidung über die Therapien erhalten bleibt. Es gibt sehr viele Ärzte, die liebend gerne anders behandeln möchten, aber die Vorgaben machen dies oft unmöglich. Das ist eine sehr traurige Entwicklung in unserem Gesundheitssystem.“

Verbesserungspotenzial

Der Hochheimer sieht durchaus Verbesserungspotenzial, hofft aber auf faire Diskussionen: „Wenn ein Gremium nur aus Gegnern besteht, kann es keine gute Lösung für beide Seiten geben. Dies kann nur gelingen, wenn auch Vertreter der Heilpraktikerverbände mit ins Boot genommen werden, um gemeinsam den Beruf des Heilpraktikers zeitgemäß zu definieren.“

Die Voraussetzungen, um Heilpraktiker zu werden, sind indes recht niedrig gelegt: Hauptschulabschluss und nicht vorbestraft, schon geht es auf die medizinische Schulbank. Dies sei nicht ausreichend, urteilt daher die Expertengruppe. „Die akademische Medizin beruht auf wissenschaftlichen Fakten.“ Und während Mediziner ein langes Studium absolvieren, ist die Ausbildung zum Heilpraktiker kurz und weitgehend unreguliert.

Jahrelange Ausbildung

„Da Heilpraktiker gleichwohl das Etikett „staatlich anerkannt“ bekämen, könnten Patienten leicht den Eindruck gewinnen, dass es sich bei Medizinern und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen handele, wettert der Münsteraner Kreis. Zudem fehlten überzeugende Belege für die Wirksamkeit der alternativen Medizin. An Selbstvertrauen mangelt es den Medizinern sowieso nicht: „Unsere Lösungsvorschläge würden das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen stärken und die Versorgung verbessern. Das Label ,staatlich anerkannt‘ wäre in Folge einer Reform wieder ein echtes Qualitätsmerkmal, an dem sich Patienten orientieren könnten.“

Zaloudek rät daher allen, die einen Heilpraktiker suchen: „Achten Sie darauf, dass dieser möglichst an einer Verbandsschule eine mehrjährige Ausbildung – und Weiterbildungen – absolviert hat. Und seien Sie eher skeptisch, wenn ein Therapeut alle großen Bereiche der Naturheilkunde auf einmal anbieten kann. Ob chinesische Medizin, klassische Homöopathie oder Osteopathie – man braucht jahrelange Ausbildungen, um all dieses solide durchführen zu können.“

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