Bücherei-Chefin Kerstin Petereins (rechts) und ihre Mitarbeiterin Sabine Schröder sind selbst begeisterte Leser - und freuen sich jetzt auf die Auszeit über die Feiertage.
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Bücherei-Chefin Kerstin Petereins (rechts) und ihre Mitarbeiterin Sabine Schröder sind selbst begeisterte Leser - und freuen sich jetzt auf die Auszeit über die Feiertage.

Usingen

Mit dem Buch aus harten Corona-Zeit fliehen

  • Andreas Burger
    VonAndreas Burger
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Mystisches und Hexerei haben Hochsaison in der Usinger Stadtbücherei

Usingen -Nach den deutlich erschwerten Monaten durch die Pandemie ist in der Stadtbücherei derzeit eine Art Jahresendspurt angesagt, denn am 22. Dezember ist der letzte Arbeitstag für Chefin Kerstin Petereins, ihre Mitarbeiterin Sabine Schröder und die Aushilfskraft Petra Schnorr. Und: Sie brauchen die Zeit um durchzuschnaufen.

2021 hatte allerdings nicht die gleichen starken Zuwachszahlen an Ausleihen wie 2020, denn durch die damaligen Lockdowns hatten gerade Schüler keine Chance, sich der schuleigenen Büchereien zu bedienen. Doch auch 2021 steigt die Zahl der Nutzer deutlich. Angemeldete Leser sind es nun 2997, darunter 192 Neuanmeldungen alleine in diesem Jahr. Bis zum November hatte die Bücherei insgesamt 33 426 Medien herausgegeben, weitere 15 411 Ausleihen gab es online.

Durch die Pandemie hat sich aber auch der Ablauf deutlich geändert - und dies betrifft nicht nur Maskenpflicht und Einbahnstraßenregelung in der Bücherei selbst. Nur fünf Personen sind zeitgleich in der Bücherei erlaubt, was durch die Ausgabe von einer Art Einkaufskörbe gesichert ist. Während der Schließung im Januar und Februar konnten sich Bürger die Bücher bestellen und erhielten sie als Pakete an der Hintertür ausgeliefert. Und in Eschbach startete die Ausleihe sowieso erst nach den Sommerferien wieder, was aber auch durch die Regelung an Schulen selbst begründet war.

Alle Veranstaltungen abgesagt

Bedauerlich für die Mitarbeiter war aber vor allem, dass alle Veranstaltungen wie Besuche der Kitas, Bilderbuchkinos und das Erzähltheater nicht stattfinden konnten. Ein Kinderkochkurs musste genauso abgesagt werden wie das Figurentheater Marmelock.

Der Preis für einen Ausweis hat sich nicht geändert: Wer Bücher ausleihen möchte, zahlt im Jahr nur zwölf Euro. Allerdings ist für Petereins klar, dass nicht alle gelisteten Bürger auch tatsächlich noch Nutzer sind. "Alle vier bis fünf Jahre schauen wir nach, ob jemand die letzten Jahre inaktiv war - und werfen dann diese Namen aus dem System. Wir können davon ausgehen, dass diese Nutzer weggezogen sind oder kein Interesse mehr haben", sagte Petereins.

Das passiert übrigens auch mit Büchern, deren Bestand sehr regelmäßig, etwa alle zwei Jahre, geprüft wird. Wird der Titel noch ausgeliehen? In welchem Zustand ist das Buch? "Medien, die wir aus den Regalen nehmen, kommen in eine Box am Eingang, aus der sich alle Nutzer dann kostenfrei bedienen können", sagte sie.

Ein Trend ist sehr deutlich: Sach- und Fachbücher verlieren an Stellenwert, Belletristik ist angesagt. Und hier vor allem Fantasy-Inhalte. Hexen, Zauberer, magische Wesen - eben alles, was eher nicht in Usingens Straßen anzutreffen ist.

Und es ist mehr als eine Mutmaßung, dass dieser Trend durchaus auch der Pandemie geschuldet ist. Kleine Fluchten sozusagen, aus einem mit Problemen gespickten Alltag.

"Unsere Leser tendieren zunehmend zu Inhalten, die positiv sind, mystisch, eben alles, was nicht neue Probleme im Kopf verursacht." Liebe und Leidenschaft, Weihnachtsgeschichten und Herz-Romane. Das ist derzeit für viele Bürger die Lesepause in Corona-Zeiten.

"Nun werden wir sicher nicht auf Groschenromane abrutschen. Aber in der Arbeitsgemeinschaft, die sich mit dem Neueinkauf von Büchern beschäftigt, wird schon deutlich, dass die Problem-geladenen Bücher kaum noch ausgeliehen werden", sagte Petereins. Schund komme allerdings nicht in die Regale.

Große und kleine Probleme

Dafür hat dann das Werk "Die Schule der magischen Tiere" derzeit Hochsaison - eine Art Nachfolge der Potter-Reihe. Und auch "Das mystische Baumhaus" erfreut sich großer Beliebtheit. Besonders in der Junior-Ausgabe für ab Einjährige geht es weg wie die warme Semmel. Bilderbücher generell sind gefragt.

Dass die Bücherei-Mitarbeiter Luft holen müssen hat aber noch einen anderen Grund - sie sind seit Corona zunehmend für Bürger auch die "Sorgentanten".

Die großen und kleinen Probleme werden dort - vor allem von Stammlesern - diskutiert, man hofft und bekommt Verständnis. "Es sind viele ältere und alleinstehende Menschen, die hier ein offenes Ohr benötigen - und natürlich auch bekommen. Aber nicht alles, was wir hier hören, können wir auch in der Bücherei lassen, manches verarbeiten wir dann in der privaten Zeit", sagte die Büchereileiterin.

Jetzt geht's in die Weihnachtspause - die Onleihe ist davon natürlich nicht betroffen. Und am 10. Januar stehen dann die Türen der Büchereien wieder offen.

Schmökern kommt wieder in Mode

Jahrelang musste der Buchhandel zuschauen, wie sich die Umsatzzahlen gen Keller bewegten. Doch mit Corona kam die Wende. Und die Rede ist nicht nur von den Fachbüchern für Schüler, die in der Zeit des Lockdowns auf Schulbüchereien keinen Zugriff mehr hatten. Lesen ist wieder in. Zwar musste die Buchmesse in Leipzig abgesagt werden, aber der Branche hat es kaum geschadet, im Gegenteil.

Und noch verwunderlicher: Online-Leser sind es im Gegensatz zu allen Prognosen kaum mehr geworden. Es zählt das haptische Erlebnis, das Buch in der Hand zu halten, Seiten zu blättern statt am elektrischen Lesegerät zu wischen. Dass es tatsächlich ums Lesen geht, zeigen die Inhalte. Während die Schüler etwa bei Fachbüchern zunehmend auf die Onleihe zugreifen, ist es Belletristik, die im Aufwind ist.

Für die Leiterin der Stadtbücherei Usingen, Kerstin Petereins, hat der neue Leseboom aber auch eine kleine negative Seite, denn überall schießen kleine Verlage aus dem Boden von Autoren, die keinen großen Verlag gefunden haben oder einfach selbst einen Verlag gründen - was recht einfach ist. "Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass es auch mehr Qualität auf dem Büchermarkt gibt. Es kommt auch sehr viel Schund in den Handel. Da ist es schon fast bedauerlich, dass es für die große Auswahl für die Leser keine offiziellen Anhaltspunkte zur Qualität gibt."

Dennoch: Verglichen mit dem ersten Quartal 2020 geht es dem Buchhandel 2021 wieder verhältnismäßig gut. Der Sortimentsbuchhandel habe in den ersten drei Monaten den Rückgang auf 12,7 Prozent verringert, wie es vom Börsenverein des Buchhandels zu hören ist. Zusammen mit Online und anderen Verkaufsstellen liege die Branche im Vergleich zu 2020 sogar sieben Prozent im Plus. Und gut die Hälfte des Umsatzes der Branche wird im Buchhandel vor Ort erwirtschaftet. 20 Prozent der Erlöse stammen aus dem Direktgeschäft der Verlage, weitere 20 Prozent kommen aus dem E-Commerce, also übers Internet. Die restlichen zehn Prozent des Gesamtumsatzes steuern Drogeriemärkte, Tankstellen und Supermärkte bei.

Kinder- und Jugendbücher sowie Kochbücher waren sogar 2020 stärker gefragt als vor der Pandemie. "Das waren eindeutig die Gewinner im vergangenen Jahr", war vom Börsenverein zu hören. Von Andreas Burger

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