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Ein großer Pianist im kleinen Wohnzimmer: Alexey Pudinov spielte Mussorgski.

Hauskonzert in Oberreifenberg

Mitreißend und virtuos

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Zum 13. Hauskonzert holten Esther und Ralf Groh mit Alexey Pudinov einen Spitzenpianisten in ihr Wohnzimmer. Gershwin, Beethoven, Rachmaninoff und Mussorgski standen auf dem Programm.

„Normalerweise wohnen wir hier, dann sieht es geringfügig anders aus“, sagte Ralf Groh – ein aufgerollter Teppich hinter ihm, vor ihm rund 70 Besucher, die er zum 13. Hauskonzert begrüßte. Wieder einmal war das Wohnzimmer der Familie ausverkauft, und es war gleichzeitig das dritte Konzert der Reihe „Meisterpianisten“. Der Meister des Abends war der junge Russe Alexey Pudinov, der kurz darauf aus dem Untergeschoss auftauchte und sich an den Flügel setzte.

„Summertime“ waren die ersten Töne, die ganz ohne Vorspiel erklangen. Jeder kennt sie, jeder kann die drei Silben singen, pfeifen oder summen, und dabei tauchen unzählige Vokalversionen der Arie aus der Gershwin-Oper „Porgy and Bess“ auf von Billie Holiday bis Ella Fitzgerald. Meist stellt sich dann auch die emotionale Ambivalenz des Lullabys ein: auf der einen Seite das Summerfeeling mit seiner Sorglosigkeit, auf der anderen Seite die bluesgefärbte Melancholie. Was sonst die Verschmelzung von Singstimme und Musik bewirkt, gelang Pudinov in seinen „Summertime Variations“ in virtuoser Weise durch eine verträumt spielende rechte Hand in Wechselwirkung mit den traurigen und beklemmenden Harmonien, behutsam gesetzt von der Linken.

Der Übergang zu Beethovens Sonate Nr. 30 E-Dur op. 109 war, wie man vielleicht hätte erwarten können, gar nicht so hart, denn besonders der Anfang des ersten Satzes hatte auch etwas von Summerfeeling. Zumindest in der Art und Weise, wie Pudinov die Sache anging, denn seine technische Brillanz verleiht auch den expressivsten Teilen eine gewisse Nonchalance.

Wie ein Zwischengang wirkte das ebenfalls beschwingte Prelude in h-Moll von Alexander Siloti nach J. S. Bach, und dann verblüffte der Pianist die Zuhörer mit einer erstaunlichen Information: „Das nächste Stück erinnert mich an meine Kindheit. Ich war so stolz, dass ich es spielen konnte, als ich zwölf Jahre alt war.“ Wie es damals klang, bleibt sein Geheimnis, der 27-Jährige legte vor dem Reifenberger Publikum allerdings ein Hochgeschwindigkeits-Bravourstückchen hin, das keinen mehr an dem Frühtalent zweifeln ließ.

Die Pause danach war verdient, denn es stand noch ein dicker Brocken auf dem Programm: Die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski. Wieder ein populäres Stück, das jeder kennt, wenn auch zumeist in der mit Klangfarben kolorierten Orchesterfassung. Auch hier verstand es der Meisterpianist mitreißend, die Bilder mit Konturen und Farben zu versehen, sie lebendig werden zu lassen. So promenierten die Zuhörer neugierig mit durch die Ausstellung. Pudinov übernahm die Führung, beschrieb die Inhalte, ließ die „Betrachter“ angesichts der alten Burg in der Geschichte verweilen, eilte strammen Schrittes zum Streit der Kinder, über den geschäftigen Markt oder verlieh dem Gnomus schrullige Züge. Dabei machte er dem „Kurator“ Mussorgski alle Ehre, denn er zeigte sich auch im Falle der programmatischen Komposition bis in den kleinsten Pinsel- beziehungsweise Tastenstrich technisch virtuos.

Alexey Pudinov wurde im Dezember 1988 in Russland geboren. Mit 18 Jahren schloss er sein Studium am Staatlichen College für Musik und Kunst in Nischni Tagil mit Auszeichnung ab, absolvierte das Konzertexamen an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt sowie das Artist Diploma am Royal College of Music in London. Pudinov ist in diesem Sommer übrigens noch mehrfach in der Rhein-Main-Region von Frankfurt bis Wiesbaden zu hören.

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