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Neue Generation ist „Grenzenlos“

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Von: Harald Konopatzki

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Jugendliche haben am Wochenende drei Möglichkeiten, wenn sie den Fernseher anmachen: Sie können Bilder von „damals“ sehen, alten Leuten zuhören, die Bilder von damals kommentieren oder alten Leuten zuhören, die kritisieren, dass die Jugend ja viel zu wenig über die Wende und die Einheit weiß. Aber stimmt letzteres überhaupt? Welche Bedeutung hat die Wiedervereinigung für den Jahrgang 1999/2000? Eine Stippvisite in der CWS bringt überraschende Antworten.

25 Jahre Deutsche Einheit und 24 Schüler, die zehn Jahre nach der Einheit geboren wurden. Sicher keine repräsentative Studie, aber eine interessante Stichprobe. Eine Schulstunde hatte ich Zeit, mit der Klasse E1B der Christian-Wirth-Schule über das Thema zu sprechen, das dieser Tage in den Medien omnipräsent ist: die Wiedervereinigung.

Der Lehrplan sieht zwar vor, dass Ende der neunten Klasse das Thema ansteht. Es sind aber nur zwei Schülerinnen, die zögerlich aufzeigen, als ich frage, wer denn im Geschichtsunterricht wirklich so weit gekommen ist.

Bevor es ans Reden über die Einheit geht, gibt es einen Fragebogen. Der kann gerne anonym ausgefüllt und abgegeben werden. Acht Fragen sollen mit Schulnoten beantwortet werden, fünf weitere können mit eigenen Antworten versehen werden. Die Auswertung überrascht und bestätigt, was in den folgenden 30 Minuten beredet wird.

Geschichte als öde Pflicht? Was die Wiedervereinigung angeht, gilt das nicht für die Klasse. Die Mehrheit zeigt Interesse, bringt sich aktiv ein. Dabei zeigt sich auch, wie selbstverständlich das geeinte Deutschland für die Generation 2000 geworden ist.

Wo sie schon in den „neuen Ländern“ waren? Da müssen einige erst mal auf der Karte nachsehen, ob das Reiseziel in der „alten“ oder der „neuen“ Bundesrepublik liegt. Die ehemalige Grenze ist in den Köpfen verschwunden.

Fundiertes Wissen

Der Unterschied zwischen Ost und West ist für mich heute . . . „ . . . wie der zwischen Hessen und Bayern – unterschiedliche Architektur und Dialekte“, lautet eine Antwort. Andere sehen gar keine Unterschiede mehr. Doch es gibt auch kritische Stimmen. „Im Osten sind die Löhne geringer“, weiß Felix, auch den im Osten aufkeimenden Rassismus sprechen die Schüler an.

Wer etwas gegen die Einheit gehabt haben könnte? „Die Stasi, denn ihre Geheimnisse wurden ja gelüftet.“ Dass es auch kritische Stimmen aus dem Ausland gegeben haben könnte? Bei den USA und der Sowjetunion können es sich die Schüler erklären, dass aber auch Großbritannien und Frankreich skeptisch waren? Das überrascht dann doch.

Und was ist mit Auswirkungen des Einheitsprozesses? „Dazu ist das schon etwas zu lange her“, sagt Neele. Auch seien die Auswirkungen etwa des Zweiten Weltkriegs ja wesentlich stärker gewesen. Dass letztlich auch die Währungsunion und damit der Euro eine der Auswirkungen ist, um ein vereinigtes und damit vermeintlich stärkeres Deutschland einzubinden, haben die Schüler noch nicht gehört. „Na, das ist aber nach hinten losgegangen. Deutschland ist trotzdem vorherrschend“, schmunzelt John. Komplett zwiegespalten bewertet die Klasse hingegen die Aussage: „Ich hätte die Wende gerne miterlebt.“ 12 Mal gibt es Noten zwischen 1 und 3, 12 Mal zwischen 4 und 6. Auch bei den eigenen Erfahrungen mit Menschen, die in der DDR geboren worden sind oder vor 1990 dort länger gelebt haben, klafft die Klasse auseinander. Zehn Schüler kennen niemanden, auf den das zutrifft, elf bejahen die Aussage.

Die Stichprobe zeigt: Das Interesse am Thema Wiedervereinigung ist da, ebenso die Gewissheit, dass es unmöglich ist, den komplizierten und emotionalen Weg zur Einheit anhand von etwas Literatur nebenbei wirklich nachvollziehen zu können. Und so bleiben am Ende einige Fragen offen.

Wie viele Leute es gab, die trotzdem traurig über die Einheit waren, will eine Schülerin wissen. Andere können sich bislang nicht erklären, wie das Leben „im Osten“ eigentlich war. Immerhin: Rund die Hälfte der Klasse hat vor, am Samstag die Berichterstattung zu verfolgen und sich weiter über den Weg zur Einheit zu informieren.

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