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Symbolbild

Baulicher Spagat

Neues Wohngebiet auf altem Klinik.Areal erfordert planerische Kompromisse

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Legt man das Sprichwort „Nichts ist so beständig wie der Wandel“ zugrunde, hat eine langfristige Stadtplanung wenig Aussichten, am Ende auch erfolgreich zu sein. Aber gerade in der ehemaligen Kreisstadt Usingen ist der planerische Weitblick mehr gefordert denn je. Nachdem „west.bau.plan“ die Grundzüge des neuen Wohngebietes auf dem Areal des ehemaligen Krankenhauses und der Realschule vorlegte, die Politik dazu nickte, ist es Zeit, die Zukunfts-Festigkeit zu hinterfragen.

Veränderungen im nahen Lebensumfeld gefallen selten, das liegt in der Natur des Menschen. Schon gar, wenn sie vom Einzelnen kaum beeinflussbar sind. Die Politik und Verwaltung Usingens können davon ein Lied singen – denkt man an die Umgestaltung des Neuen Marktplatzes und des mannigfaltigen Widerstands. Und nun steht mit der Bebauung Klinik / alte KLS erneut ein schon fast monumentaler Wandel des Stadtbildes an. Diesen sozial, planerisch und ökologisch verträglich als Modul in eine bestehende Bebauung einzufügen, ist diffizil.

Eine erste Planung legte die „west.bau.plan“ vor, hinter der Diplom-Ingenieur Rainhard Sticherling und Architektur-Diplom-Ingenieur Peter Sticherling (Vater und Sohn) stehen. Bereits 2012 hatten sie Gespräche mit der Verwaltung geführt, damals sozusagen Planspiele, wie das große Areal zu entwickeln sei. Als es dann ernst wurde, bekamen sie offiziell den Auftrag, einen Rahmenplan zu erstellen. Wobei die Planer am Ende weit über den bezahlten Auftrag hinaus gingen. Denn auch das DRK-Gebäude, Malteser und den Platz von „Aufgetischt“ schlossen sie mit ein. Ein Stadtteil im Stadtteil? „Wir haben in Usingen erstmals die Chance, ein neues Wohngebiet zu entwickeln, das in nur einer Hand ist. Damit ist eine Planung freier zu gestalten und wesentlich einfacher“, sagte gestern Bürgermeister Steffen Wernard (CDU).

Einfacher im Ablauf – in der Planung sicher nicht. Und deshalb hatte die TZ die Architekten an einen Tisch gebeten, um etwas über Stadtplanung mit Zukunftschance zu erfahren. „Natürlich sind wir an die Vorgaben und Wünsche von Kreis und Stadt gebunden. Doch wir haben einen Kompromiss vorgelegt, der den Usinger Interessen gerecht werden soll“, sagte Peter Sticherling.

Was bedeutet: Die geforderte, sehr verdichtete Bebauung sei in Usingen fehl am Platz, der Mix macht es. „Im Gebiet ,Hoher Berg‘ haben wir eine lockere Bebauung, im Stadtkern die sehr verdichtete. Und genau diesen Spagat mussten wir beim neuen Gebiet schaffen – denn als direkte Verbindung von alt nach neu fällt dem Areal eine große Bedeutung für die Stadt zu.“

Mit der Mischung aus Einfamilienhäusern und Wohnblocks sowie Reihenhäusern soll die bauliche Brücke geschlagen werden. Was aber ist daran Zukunftsplanung? „Dazu gehören sehr viele Komponenten. Der soziale Bereich, der auch die Frage nach der Miete und Bewohnern stellt, Größe der Wohnungen und ihre möglichen Veränderungen und Art des Zusammenlebens.“ Der ökologische Aspekt sei zu berücksichtigen, ohne den derzeit aktuellen Strömungen gar zu sehr Raum zu geben. „Die Gesetze schreiben inzwischen eine unglaubliche Dämmung der Gebäude vor. Doch wer zieht im Sommer einen dicken Mantel an. Besser ist es doch, Gebäude so zu planen, dass ihr Energieverlust schon an sich gering ist“, unterstrich Rainhard Sticherling den Hintergrund der Planung für Mehrfamilien- oder Reihenhäuser. Und natürlich spiele auch der räumliche Aspekt eine Rolle. „Wir müssen bei einer Zukunftsplanung den Konsens finden.“

Sohn Peter Sticherling betonte, dass er Zukunftsplanung dynamisch sehe, die keine allzu engen Vorgaben mache, aber viele Möglichkeiten offen lasse. „Es ist möglich, eine Kita dort einzurichten, man muss es aber nicht. Der Rahmenplan lässt Platz für kleinen Einzelhandel, schreibt ihn aber nicht vor. Wir bieten Einfamilienhäuser, deren Zuschnitt aber in der ungewissen Zukunft veränderbar ist. Das einzige, was in der Zukunft für uns Planer sicher ist: Der Mensch wird weiter wohnen. Das ,Wie‘ sollte eine Zukunftsplanung weitgehend offen lassen, Gestaltungsspielraum erhalten.“

Rainhard Sticherling geht noch weiter: „Ich würde heute kein großes Einfamilienhaus mehr bauen, sondern drei kleinere und diese verbinden. So sind Module trennbar, können sich dem Alter der Bewohner anpassen.“

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