„Citynfo-App“

Nicht nur ein „Müll-Wecker“

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Gary Silver und Stephen May, zwei Wehrheimer, haben den „Knoten im Taschentuch“ fürs Handy entwickelt und die „Müll-App“ ersonnen. Die kann aber noch viel mehr als „Müll-Wecker“ spielen. Die TZ sprach mit den beiden Tüftlern.

2003, wir schreiben das Jahr 4 v. Smartphone. Das iPhone ist noch nicht geschlüpft. Es ist heiß, und Gary Silver sucht in irgendeiner deutschen Stadt ein schattiges Plätzchen, um dort einen Espresso zu trinken. Wie toll wäre es, wenn ihm ein pfiffiger Caféhaus-Betreiber eine SMS aufs Handy schickte: „Komm’ zu mir, ich hab’ Schatten . . . !“

Silver vergaß die Idee wieder. Bis 2012. Er hatte, inzwischen Wehrheimer, dort Stephen May getroffen, der, wie er, beruflich in der Telekommunikation unterwegs war. Irgendwie kam die Rede wieder auf den schattigen Platz im Café und May meinte nur: „Gute Idee, lass uns doch eine APP basteln!“

Beide hatten längst den beinahe alles könnenden mobilen Fernsprecher mit den angebissenen Apfel in der Tasche und wussten natürlich auch, was eine App ist: Eine „Applikation“, eine Anwendung für mobile Kommunikationsendgeräte. Die Idee war: Nutzer sollten in Echtzeit per „Push-Nachricht“ über Interessantes informiert werden: Notdienste, Parkhäuser, Spritpreise, Kneipen, ja und die Müllabfuhr. Ein Name war rasch gefunden: „Citynfo“, „City“ und „Info“ in einem. Das war die Geburtsstunde der „Müll-App“, zu haben im Apple-Store und bei Google Play.

Die App signalisiert dem vor seinen bunten Mülltonnen stehenden Nut-zer, wann es Zeit ist, die eine oder andere vors Tor zu rollern. Am Abend zuvor, 18 Uhr. Dazu war es nötig, von den Kommunen des Hochtaunuskreises – für Silver und May erst einmal die Modellregion – die Abfuhrtermine zu erfahren. In Weilrod und Usingen, wo nach Ortsteilen oder wenigen Bezirken abgefahren wird, war das easy, Arbeit machte aber Bad Homburg, wo alle Straßen einzeln eingepflegt werden mussten. Einmal angemeldet, kann sich der Nutzer per Klick an die Müllart seiner Wahl erinnern lassen. Kostenlos. Und das soll auch bleiben. Es ist aber nicht einmal die halbe Miete. Die Tüftler schmunzeln, wenn ihre Idee auf „die Müll-App“ reduziert wird. Sie kann nämlich weit mehr.

Über „Schnittstellen-Partner“ lassen sich Zusatzdienste wie Spritpreise, Parkhäuser im Umkreis von 15 Kilometern um den Standort ebenso abrufen wie Notdienst-Apotheken, bundesweit. Es funktioniert also auch im Urlaub. Per Navi-Funktion bekommt man auch noch den Weg gewiesen. Wer seinen Standort beim Verlassen des Autos im Großstadtdschungel angibt, findet es auch nach dem Shoppen wieder. Doch all das, so wertvoll es auch ist, bringt noch kein Geld. Das soll durch Werbung hereinkommen. Der App-Nutzer kann diverse Interessen – Gastronomie, Haus & Garten, Unterhaltung, Kunst etc. – anklicken und bekommt Adressen und Telefonnummern, wird aber auch über Angebote, freie Plätze im Theater und Aktionen teilnehmender Firmen informiert. Den Transport von Werbebotschaften lassen sich Silver und May von den Firmen bezahlen. Es soll sich rasch rechnen: „Ende 2017 haben wir fünfstellige Download-Zahlen“, meint Silver.

Oft werden die Partner gefragt, warum das ganze per App läuft und nicht als SMS. Es geht um Anonymität: Keine Adresse, Telefon oder Mail-Adresse. Sensible Daten mit der App nicht unterwegs. Und wenn man einmal keine Lust auf günstigen Sprit hat, deaktiviert man das Häkchen einfach.

In der Branche ist man bereits auf die Wehrheimer App aufmerksam geworden. Bei einem Wettbewerb des Wirtschaftsministeriums kam die Idee, Echtzeit-Informationen in dieser Form zu kombinieren, unter 150 Teilnehmern in die „Top Ten“. Die Mittelstandsvereinigung hat einen Innovationspreis ausgelobt, für den sich Silver und May ebenfalls beworben haben. Die Sieger werden bei der CEBIT in Hannover gekürt. Und wenn Gary Silver dort wieder mal ein schattiges Plätzchen im Café sucht – jetzt ging’s.

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