Höchste Zeit für einen Neubau: Die Hugenottenkirche mit den Nebengebäuden und der Schulhof waren kein schöner Anblick mehr. Das Foto zeigt die Rückseite der Hugenottenkirche, mit Blick auf die Schulhofstraße. Im flachen Gebäude an der Schulhofstraße waren ebenfalls Klassen untergebracht. Später ? nachdem die Schüler in den Neubau der KLS umgezogen waren, fand dort das Rote Kreuz Unterschlupf. Die Holzüberdachung rechts im Bild war der Eingang zur ehemaligen Toilettenanlage.
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Höchste Zeit für einen Neubau: Die Hugenottenkirche mit den Nebengebäuden und der Schulhof waren kein schöner Anblick mehr. Das Foto zeigt die Rückseite der Hugenottenkirche, mit Blick auf die Schulhofstraße. Im flachen Gebäude an der Schulhofstraße waren ebenfalls Klassen untergebracht. Später ? nachdem die Schüler in den Neubau der KLS umgezogen waren, fand dort das Rote Kreuz Unterschlupf. Die Holzüberdachung rechts im Bild war der Eingang zur ehemaligen Toilettenanlage.

Was im alten Gemäuer begann, mündet am heutigen Tag im modernen Neubau

Pauken in der Usinger Hugenottenkirche

  • vonFrank Saltenberger
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Heute ziehen die Schüler, Eltern und Lehrer der ehemaligen Konrad-Lorenz-Schule nach einem Abschiedszeremoniell von der alten KLS in die neue „Helmut-Schmidt-Schule“. Die Fertigstellung des Neubaus und sein Bezug fällt mit einem Jubiläum zusammen: Die Usinger Realschule wurde vor fast genau 200 Jahren gegründet. Das war Anlass in die Geschichte zurückzuschauen. Der zweite Teil wirft vor allem ein Licht auf die jüngere Geschichte.

Im ersten Teil der Betrachtung zum 200-jährigen Bestehen der Usinger Realschule stand die Gründungszeit um 1817 und die herzogliche Zeit im Vordergrund. Sie war geprägt von der Durchsetzung der Schulpflicht und die Versorgung des Landes mit Schulen und der Ausbildung eines staatlichen Schulsystems, was eine Voraussetzung für die Entwicklung eines selbstbewussten Bürgertums sowie der fortschreitenden Industrialisierung war. Grundsätzlich gab es noch die Unterscheidung von höherem und niederen Schulwesen, zwischen denen sich aber zunehmend die „Mittelschulen“ etablierten.

Das war auch in anderen deutschen Ländern so, einschließlich Preußens, das seit 1866 auch die nassauische Bildungspolitik bestimmte. Aber noch in herzoglich-nassauischer Zeit wurde im Usinger Schloss ein Lehrerseminar eingerichtet. Die konfessionellen Lehrerseminare dienten zur Ausbildung der Volksschullehrer und waren mit Übungsklassen für die angehenden Lehrer verbunden. Es wurde ab 1866 als Königlich Preußisches Lehrerseminar weiterbetrieben und gilt als Vorläufer der späteren Aufbauschule und des Gymnasiums, das in Preußen allerdings auch die traditionellen alten Lateinschulen fortsetzte.

Der Fokus liegt aus gegebenem Anlass allerdings auf der Entwicklung der Realschule, aus deren Geschichte der ehemalige Direktor und Lokalhistoriker Heinrich Nitschke viel Wissenswertes aus alten Chroniken herausgefiltert hat. Beispielsweise, dass Realschüler 1870, ein Jahr vor der Reichsgründung, mit einer Schulfeier zum Geburtstag des Kaisers diesen haben hochleben lassen. Und, dass im gleichen Jahr noch Realschüler aus dem Rathaus in die Hugenottenkirche umgesiedelt wurden. Aussagekräftig ist auch eine Statistik von 1901, nach der die erste und zweite Klasse der Realschule damals von 35 Jungen und 24 Mädchen, die parallel geführte dreiklassige Mädchenschule sogar von 93 Schülerinnen besucht wurde. Die Schülerzahlen schwankten seit je her mit den Geburtenzahlen, politischen Umständen und weiteren Bildungsangeboten. Während zu Anfang des 20. Jahrhunderts und in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Volksschulen in den Dörfern des Kreises Usingen neu gebaut wurden, sank hierzulande die Bedeutung der Realschule wieder.

Dieser erwuchs in Usingen mit der 1922 gegründeten Aufbauschule, die Keimzelle der Christian-Wirth-Schule, ein starker Mitbewerber um die Gunst der Schüler, wie eine resignierende, vorläufig letzte Eintragung in der Schulchronik von 1928 bezeugt: „Die Realschule als Konkurrenzanstalt der Aufbauschule kann als erledigt betrachtetet werden“, heißt es dort nüchtern. Noch 36 Schüler besuchten zur dieser Zeit die Schule, die nur noch drei Jahre bestand.

Späte Wiedergeburt

Die Volksschule bestand aber weiter, man konnte sie bis zum Abschluss mit 15 Jahren absolvieren oder die Aufbauschule besuchen, was aber nur über eine bestandene Aufnahmeprüfung führte. Die Realschule erlebte erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Wiedergeburt. Der Beschluss an der Pestalozzistraße ein Schulzentrum zu errichten war 1953 von den städtischen Gremien gefasst und schon bald mit dem in drei Bauabschnitte gegliederten Hauptbau begonnen worden. Bürgermeister war Robert Manck.

Im Januar 1955 konnten die ersten Klassen einziehen und die seit der Neueinrichtung der Realschule 1951 nach Wehrheim und Grävenwiesbach ausgelagerten Realschulklassen zurückkehren.

Ein Jahr später war der zweite Bauabschnitt fertiggestellt und weitere Klassen fanden zeitgemäße Unterrichtsräume. 1960 schließlich wurde das bestehende Hauptgebäude mit dem südlichen Teil, der auch die Hausmeisterwohnung enthielt, endgültig fertiggestellt. Das dürfte, nebenbei erwähnt, auch dem Hausmeister Alfred Rohde gefallen haben, der zuvor schon in der Hugenottenkirche den Pausen-Kakao verkaufte und jeden Jungen Franz und jedes Mädchen Franziska nannte. Nebenbei sei auch erwähnt, dass das Schulbauwesen im Kreis nicht nur auf die Realschule und Usingen begrenzt war. Seit 1952 bekam beispielsweise auch Wehrheim einen neue Volksschule, die 1954 fertiggestellt wurde. Und die Usinger Kreisberufsschule bekam einen Erweiterungsbau für die neu gegründete Handelsschule, die ebenfalls an der Pestalozzistraße lagen.

Aber auch die Realschule wuchs aufgrund steigender Schülerzahlen weiter. Erster Schulleiter war Rektor Georg Wohlfahrt, der 1960 ein weiteres Gebäude, den Pavillon für die Sonderschule, in Betrieb nehmen konnte. 1960 erfolgte auch eine einschneidende pädagogisch Weichenstellung: Als eine der ersten hessischen Schulen bekam die Usinger Realschule eine Förderstufe und in den folgenden Jahren wuchs zwischen dem Neubau von 1955 und der Berufs- und Handelsschule ein Klassentrakt nach dem anderen.

Schulpolitisch wurde in den 70er Jahren die Gesamtschule diskutiert, was zu ihrer Einführung als additive Gesamtschule auch 1976 geschah. Die Schulzweige blieben dabei erhalten, wurden aber gemeinsam verwaltet.

Die Gesamtschulidee konnte sich in Usingen nicht durchsetzen, wohl aber in Neu-Anspach. Dort wurde 1974 eine integrierte Gesamtschule eingerichtet und zu einer Erfolgsgeschichte. Sie wuchs zu einer der größten Schulen im Hochtaunuskreis und der Kreis setzte als Schulträger bis in die jüngste Zeit bauliche Maßstäbe. Das ging zu Lasten der Attraktivität der Usinger Realschule, seit 1991 Konrad-Lorenz-Schule, in deren bauliche Substanz nicht im gleichen Maße investiert wurde.

Mit dem jetzt fertiggestellten Neubau und der benachbarten Saalburgschule, die mit einem breiten berufsorientierten Angebot bis hin zum Fachabitur viele Schüler anzieht, dürfte die zur „Helmut-Schmidt-Schule“ umgetauften Realschule wieder ihren festen Platz unter den Spitzenschulen des Kreises finden.

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