Sprechstunde im Wehrheimer Bürgerhaus

Pomologe gibt Tipps zum Verzehr von Äpfeln

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Nase gut, Geschmack gut, Gehör gut, Gedächtnis gut, Augen gut – Neurowissenschaftler sagen, dass der gesunde Mensch sieben Sinne hat. Doch selbst wenn es nur fünf sind, reicht das, um ein guter Pomologe zu werden. Steffen Kahl hat insofern seine fünf Sinne beisammen. Er stellte sie bei der ersten Wehrheimer Apfelsortenbestimmung unter Beweis.

Steffen Kahl aus Asslar ist Pomologe. Und für die Dame aus Bad Homburg hätte er gerne eine positivere Antwort gehabt. Die Frau hatte ihm bei der ersten Wehrheimer Apfelsortenbestimmung voller Hoffnung einige Äpfel aus ihrem Garten zur Begutachtung vorgelegt. Es seien „Goldparmänen“, als solche habe sie vor Jahren die drei Bäume jedenfalls gekauft, gab sie dem Experten einen Tipp. Doch Steffen Kahl schüttelte nur bedauernd den Kopf: „Es tut mir leid, aber ich fürchte, man hat Sie betrogen . . .“ Im Körbchen vor ihm lagen lediglich ein paar Golden Delicious, Allerweltsäpfel, die man mit viel weniger Arbeit im Supermarkt kaufen kann. Steffen Kahl hatte in seiner Sprechstunde im Bürgerhaus aber auch gute Nachrichten für die teilweise in Zweierreihen vor seinem Tisch, mit Körben und Tüten in der Hand stehenden Hobby-Obstzüchter.

Bei den meisten mit fragendem Blick gereichten Äpfeln wusste er sofort Bescheid: „Weilburger“, “Hartapfel“, „Trierer“, „Rheinischer Bohnapfel“, aber selbst so komplizierte Sorten wie „Minister Hammerstein“ oder „Winternambour“ wurden vom Experten sofort erkannt. Auch der „Anhalter“, der unter den 60 bis 70 hessischen Lokalsorten 2015 „Apfel des Jahres“ geworden war.

„Anhalter“ heißt er weil er sich besonders lange am Ast hält. Kahl hatte außer den Namen der meisten präsentierten Äpfel auch Hintergrundwissen parat. So sei der edle „Kaiser Wilhelm“ ein Blender. Lehrer Hesselmann hat ihn 1864 gefunden, den Geschmack geschätzt, den Namen aber nicht gekannt. Deshalb hat er ihn an den Kaiserlichen Hof geschickt, mit der Bitte, Majestät möge ihm einen Namen geben. Hat geklappt.

Für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeit interessant: Granny Smith, Golden Delicious, Jonagold und Braeburn, typische Supermarkt-Äpfel, haben wegen ihrer Eiweissstruktur eine hohe Allergenität. Doch nicht nur deshalb rät Kahl vom Apfelkauf im Supermarkt ab. Er spricht von „genetischer Verarmung“, ganz abgesehen vom „ökologischen Fußabdruck“ nach Tausenden Flugkilometern.

Steffen Kahl aus der Reserve zu locken, ist schwer, einem Besucher ist es aber dennoch gelungen. Kahl kennt 400 Apfelsorten aus dem „Effeff“. Doch bei einem Apfel aus Neu-Anspach musste er passen: „Kenn’ ich nicht, schmeckt aber gut – nennen wir ihn Anspacher Wohlschmecker . . .“ Damit konnte der Apfelbesitzer gut leben.

Dass ein Pomologe ein gutes Auge, eine gute Nase und einen hervorragenden Geschmackssinn haben muss, überraschte nicht. Verwundert zeigten sich Besucher aber, als er eine Frucht ans Ohr hielt und mit geschlossenen Augen lauschend meint „. . . er spricht!“ In der Tat: Man kann Apfelsorten hören. Und Kahl verriet auch, wie’s geht: „Man quetscht ihn mit dem Zeigefinger, dabei entsteht ein Ge-räusch, das auf die Textur schließen lässt.“ Wenn all das, die Sicht- und Geruchsprobe und selbst das Verzehren einer Apfelspalte nicht helfen, schneidet Steffen Kahl den Apfel ganz auf und begutachtet die Kerne: „Der Kern ist das beständigste Sortenkriterium, jede Apfelsorte hat ihre eigene Kernform, das ist genetisch so festgelegt.“ Entweder sieht er es den Kernen gleich an, oder er schlägt in seinem Ordner nach. Darin finden sich, jeweils hinter kleinen Sichtfenstern, mehrere Kerne mehrerer Äpfel einer Sorte. Hunderte . . . In dem Ordner ist noch viel Platz. Die Sammlung von Steffen Kahl wird womöglich nie fertig, denn allein im deutschsprachigen Raum gibt es 2000 Sorten, weltweit noch viel, viel mehr.

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