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Unermüdlich arbeitet sich der Harvester durch den Fichtenbestand.

„Reifenberger Wiesen“

Radikales Ende einer Monokultur

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Derzeit finden umfangreiche Rodungsarbeiten im Naturschutzgebiet „Reifenberger Wiesen“ statt. Der Kahlschlag hat aber einen ökologischen Hintergrund: Der Fichtenbestand wird gefällt, damit sich auf dieser Fläche ein Artenreichtum wie auf den benachbarten Wiesen entwickeln kann.

Mit dem Harvester arbeitet sich Florian Petzold durch den Fichtenbestand. Wie Streichhölzer fallen die Stämme, wenn er ihnen mit dem Vollernter zu Leibe rückt und die in einem Arbeitsgang absägt, entastet und in Stücke schneidet. Sortiert werden sie nach weniger wertvollem Palettenholz und qualitativ hochwertigem Bauholz. Muss so ein Kahlschlag sein? Diese Frage stellen sich vielleicht Wanderer, die zwischen dem Roten Kreuz und Oberreifenberg kurz vor dem Naturparkhotel Weilquelle nur das Ergebnis sehen, den Hintergrund aber nicht kennen.

Nach Informationen des Forstamts Königstein wird lediglich der Bewirtschaftungsplan umgesetzt. Der sieht vor, dass das bisher mit Fichten bewachsene Grundstück gerodet und anschließend in Grünland verwandelt werden soll. Das war es nämlich auch vor dem Wandel in der Landwirtschaft. Erst in den 1950er Jahren fiel die ehemalige Wiesenflächen brach und wurde aufgeforstet. Als 1983 die Reifenberger Wiesen als wertvolles Grünland unter Naturschutz gestellt wurden, blieb mittendrin der Fichtenbestand.

Das Holz ist jetzt erntereif. Und diese Ernte funktioniert über den sogenannten Abtrieb. Das bedeutet: Alle Bäume eines Waldes oder Waldteils werden gefällt. Der Innenbereich war am Freitag dran. Weil die benachbarte geschützte Wiesenfläche weder betreten noch befahren werden darf, kann er die Stämme dort nicht ablegen. Sie sollen heute abgefahren werden. Morgen geht es dann weiter mit der Randfällung. Anschließend fräst Petzold die verbliebenen Stöcke mit einem Forstmulcher klein. „Das schafft neuen Lebensraum für Pflanzen und Insekten und Kleintiere“, erläutert Petzold und sichert zu: „Im nächsten Jahr ist hier alles grün.“ Die entstandene Freifläche solle von den Seiten zuwachsen. „Es gibt genügend seltene Pflanzen in unmittelbarer Nachbarschaft, die hoffentlich ihre Samen dorthin verteilen“, so Petzold. Die Wiesen können sich dann auf die bisherige Forstfläche ausdehnen. Abgesehen davon, dass sich das Landschaftsbild verändert und der Blick vom Roten Kreuz kommend in Richtung Hotel Weilquelle frei ist, wird sich auch die Pflanzen- und Tierwelt nach und nach wandeln.

Die Reifenberger Wiesen mit deutlicher Hanglage auf einer Höhe um die 600 Meter stehen auf 23,37 Hektar unter Naturschutz. Die Magerwiesen sind historisch durch Weidewirtschaft entstanden. Ackerbau war in dieser Lage nicht möglich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Beweidung jedoch unwirtschaftlich. Die Fläche blieb sich selbst überlassen und es entwickelte sich eine schützenswerte Vielfalt von Pflanzen. Doch ohne steuernden Eingriff würden die Wiesen verbuschen und im Laufe der Zeit zu Wald werden.

Vor fünf Jahren wurden bereits zehn Hektar gerodet. Wenn jetzt auch der ehemalige Fichtenbestand entfernt ist, gibt es eine große Wiesenfläche. Mitten hindurch fließt die Weil, die wenige hundert Meter oberhalb, in der Nähe des Kastells Kleiner Feldberg, entspringt. Die Reifenberger Wiesen sind nach Westen begrenzt von der Landesstraße 3025. Talseitig endet das Gebiet an der Bebauungsgrenze, dort wo die frühere Bildungs- und Familienstätte Oberreifenberg steht. Zur geschützten Fläche gehört die sogenannte Heimliche Wiese, die im Winter als Skipiste genutzt wird. Am Rande liegt die Jugendherberge Oberreifenberg und das Naturparkhotel.

Wanderer sollten darauf achten, dass das Naturschutzgebiet nicht betreten werden darf. Dort wachsen seltene Pflanzen wie die Türkenbundlilie, Flattergras und Stendelwurz. Die seltene Lanzettblättrige Glockenblume, hat dort ihr Hauptverbreitungsgebiet im Taunus. Einzigartig ist die Vielfalt an Insekten, vor allem Schmetterlingen, in den Reifenberger Wiesen. Außerdem sollen Vögel und Kleintieren hier ungestört bleiben.

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