Interview

Ralf Behr: "In Neu-Anspach ist es nicht mehr sicher"

Herr Behr, ist es in Neu-Anspach noch sicher? RALF BEHR: Ich denke nein. Der Stadtverordnete Artur Otto

Über das Thema Jugendkriminalität haben die Politiker im Februar im Parlament hitzig diskutiert. Anlass war eine schwere Auseinandersetzung unter Jugendlichen gewesen, bei der ein 16-Jähriger zwischen den Jahren mit dem Messer verletzt wurde. In der Sitzung waren sich die Kommunalpolitiker vor allem uneinig, ob es in der Stadt inzwischen wirklich gefährlich ist oder ob hier Panik gemacht wird. Unsere Redakteurin Anja Petter sprach mit Rechtsanwalt Ralf Behr, der sich um straffällig gewordene Jugendliche kümmert, über Sicherheit, Drogenprobleme, Beschaffungskriminalität und darüber, warum sich die Kommune unbedingt eine gute Jugendarbeit leisten muss.

Herr Behr, ist es in Neu-Anspach noch sicher?

RALF BEHR: Ich denke nein.

Der Stadtverordnete Artur Otto (b-now) meinte neulich, im Vergleich mit der Situation in Kolumbien sei es in Neu-Anspach doch harmlos . . .

BEHR: Das war eine ziemlich plakative Aussage. Ich denke, dass Herr Otto nicht wirklich weiß, was hier abläuft. Natürlich ist es bei uns nicht so, dass man seines Lebens nicht mehr sicher ist. Aber für Kinder und Jugendliche ist es gefährlich. Wenn sie sich zwischen Schule und Zuhause oder abends rund um das Feldbergcenter bewegen, werden sie mit Drogen- und Gewaltdelikten konfrontiert.

Es gibt aber auch erwachsene Menschen, die bereits Angst haben, abends in den Rewe-Markt zu gehen. Ist das übertrieben?

BEHR: Das ist überhaupt nicht übertrieben. Für Frauen kann der Weg vom Parkplatz zum Bürgerhaus an manchen Tagen zum Spießrutenlauf werden. Es kommen in der Stadt außerdem massive Straftaten vor, wie kürzlich ein Überfall auf einen Taxifahrer oder vor dem neuen Döner-Laden am Bahnhof. Dort wurden Jugendliche von anderen Jugendlichen mit dem Messer bedroht. So etwas interessiert hier schon keinen mehr, weil es normal geworden ist. Wenn man sich in gewissen Bereichen aufhält, ist es sicher nicht falsch, vorsichtig zu sein.

Was ist meistens die Ursache für kriminelle Handlungen wie diese?

BEHR: Es geht immer um Drogen, sie sind immer die Ursache. Um den Konsum von Marihuana, Kokain und synthetischen Drogen zu finanzieren, begehen junge Leute Einbrüche und Überfälle. Wir sprechen also von Beschaffungskriminalität. Kinder und Jugendliche, die Geld für Drogen brauchen, erleichtern zunächst einmal ihre Eltern und klauen der Mama das Geld aus dem Portemonnaie. Später dann ziehen sie in Gruppen durch Neu-Anspach und brechen in Häuser, Gartenhütten, Kindergärten oder Schulen ein. Kein Wunder, dass das Sicherheitsempfinden der Leute da massiv gestört wird.

Laut der kürzlich veröffentlichten Polizeistatistik ist aber alles in Ordnung. Die Gesamtkriminalität und die Anzahl der Einbrüche sind sogar gesunken . . .

BEHR: Das sind abstrakte Ergebnisse. In Neu-Anspach geht es aber um individuelle Erlebnisse. Als Anwalt verhandele ich so etwas zwei bis drei Mal die Woche vor Gericht.

Mit was für Fällen haben Sie zu tun?

BEHR: Beispielsweise wurde zuletzt nacheinander bei einem Frisör und bei einem Bäcker eingebrochen. Hier haben die Täter, die alle minderjährig waren, Gaswaffen benutzt. Das sind exemplarische Fälle.

Was sind das für Jugendliche?

BEHR: Es sind erschütternde Fälle. Meist handelt es sich um Jungs, die wenig Grenzziehung und wenig Zuneigung in ihrer Kindheit erlebt haben. Die Sozialstrukturen, in denen sie aufwachsen, sind mehr als problematisch. Es wird sich einfach zu wenig um sie gekümmert. Die Eltern haben oft gar nicht die Möglichkeit, auf die Kinder einzuwirken, da diese nach Verlassen des Elternhauses in ein völlig anderes soziales Umfeld gelangen und von diesem sehr stark beeinflusst oder sozialisiert werden.

Kommt so etwas nur in armen oder bildungsfernen Familien vor?

BEHR: Von wegen. Die Jugendlichen kommen aus allen sozialen Schichten, auch aus Unternehmer-Haushalten, und es sind, anders als gerne behauptet wird, beileibe nicht nur Migranten, die Straftaten verüben. Allerdings haben die Täter alle eins gemeinsam: Sie werden irgendwann nicht beschult. Gerade hatte ich mit einem 14-jährigen Mädchen zu tun, das seit vier Wochen nicht mehr die Schule besucht hat – sowohl von den Lehrern als auch von Mutter und Vater völlig unbemerkt, und das sind ganz normale Leute.

Ich finde es nicht normal, wenn so etwas nicht auffällt . . .

BEHR: Heute sind meist beide Elternteile berufstätig. Sie sind gestresst und haben keine Zeit für ihre Kinder, was zu sozialen Problemen und oft zu Drogenkonsum führt. Hier gab es sogar mal eine Jugendliche, die in einem Keller eine Crystal-Meth-Küche betrieben hat. Ich bin auch schon in einem Haus gewesen, in dem sich nur noch ein Schlafplatz befand, der Rest bestand aus einer Marihuana-Plantage. Es war hoch professionell aufgezogen, und ich war ziemlich schockiert, denn das ist ja alles hier auf den Markt gebracht worden.

Gibt es in Neu-Anspach viele drogenabhängige Jugendliche?

BEHR: Abhängig möchte ich nicht gleich sagen, aber an Drogen gewöhnt. Einige rauchen halt mal einen Joint, aber viele tun dies auch exzessiv und geraten in Abhängigkeiten und werden dann später auch straffällig.

Wo wird in Neu-Anspach mit Drogen gedealt?

BEHR: Das beschränkt sich nicht auf einen Ort. Es gibt viele Örtlichkeiten wie Spielplätze, Skaterplätze oder der Parkplatz am Wanderheim, aber auch in der Taunusbahn und in Schulen wird gehandelt – sowohl durch Schüler also auch durch Leute von außerhalb. Viel geschieht aber auch fernab der Öffentlichkeit, wie in privaten Wohnungen, wo auch gemeinsam konsumiert wird.

Sind immer Drogen die Ursachen für Gewaltdelikte?

BEHR: Immer. Mir fällt auf Anhieb kein anderer Fall ein. Der Grund ist immer Beschaffung.

Hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlimmert?

BEHR: Es ist dahingehend schlimmer geworden, weil die Intensität der Taten eine andere geworden ist. Früher hatten wir nur ein paar wenige Jugendliche, die extrem straffällig waren. Heute haben wir es oft mit erheblichen Straftaten zu tun, bei denen mit Messern, Gas- und Schusswaffen aufeinander losgegangen wird. Auch die Beschaffungskriminalität ist schlimmer geworden, weil die Drogendichte zugenommen hat und immer jüngere Kinder Drogen konsumieren. Früher hatten Jugendliche zudem noch eine gewisse Hemmschwelle vor den Staatsorganen wie der Polizei. Heute wissen die Täter, dass ihnen nicht mehr viel passiert.

Was meinen Sie damit?

BEHR: In kleinen Straßen werden heute offen Drogengeschäfte abgewickelt. Wird so etwas von einem Bürger gemeldet, dauert es aufgrund der örtlichen Gegebenheiten etwa 15, 20 Minuten, bis die Polizei da ist, aber dann sind die Täter längst verschwunden. Auch die Sanktionsfindung funktioniert nicht mehr richtig. Bei Jugendlichen, die mit Drogen festgenommen werden, passiert meist nichts, weil das Verfahren aus Geringfügigkeit wieder eingestellt wird. Ergeht eine Anklage, ist der Gerichtstermin oft erst ein Dreivierteljahr nach der Tat, aber auch da kommt nicht viel bei raus. Manche Täter, die mehrere Straftaten begehen, wissen in der Verhandlung nicht immer, welche Tat überhaupt verhandelt wird, da sie viele Taten begehen, und die Zeit zwischen Tat und Verhandlung zu lange ist. Da wird das Leben aufgearbeitet, was sehr wichtig ist im Jugendstrafverfahren, da es um Erziehung und nicht um Bestrafung geht, und es gibt vielleicht noch eine Auflage, beispielsweise zur Drogenberatung zu gehen. Der Warnschuss-Arrest zum Beispiel ist eine gute Sache, aber er wird viel zu wenig praktiziert. Wir haben Gesetze, wir wenden sie aber nicht an.

Was muss anders gemacht werden?

BEHR: Ich habe mir auf die Fahne geschrieben, den jungen Leuten zu helfen und ihnen die Augen zu öffnen. Bei der Drogenhilfe in Usingen sitzen zum Beispiel super Leute, da gibt es echte Unterstützung, und da fahre ich Jugendliche auch persönlich hin. Ich versuche auch, mit den Eltern zu sprechen und den Betroffenen beispielsweise einen Job oder einen Ausbildungsplatz zu besorgen – auch wenn so etwas natürlich nicht immer konfliktfrei funktioniert. So haben wir oft bis zur Hauptverhandlung ein fertiges Gerüst, und es gibt eine Verwarnung. Dann hat es der Jugendliche hoffentlich begriffen. Man muss bei ihm – begleitend beispielsweise durch therapeutische Maßnahmen oder ein Anti-Gewalt-Training – ein Streben wecken, sich legal zu verhalten und ohne Drogen zu leben. Wenn so ein Weg allerdings scheitert, gibt es mehr Sanktionen.

Da geht Ihr Engagement aber weit über den Job hinaus?

BEHR: Das ist schon ein Hobby von mir. Ich habe aber selbst zwei Kinder, und ich hoffe, dass denen auch mal jemand hilft, wenn ich nicht da bin. Meine 13-jährige Tochter, die mit der Bahn zur Schule fährt, hat schon viele entsprechende Erlebnisse gehabt.

Wie gehen Sie mit ihr um?

BEHR: Ich versuche, sehr viel Zeit mit ihr zu verbringen, viel mit ihr zu sprechen und sie mit konkreten Fällen zu konfrontieren. Ich möchte sie sensibilisieren.

Welche persönlichen Konsequenzen ziehen Sie aus Ihren Erfahrungen?

BEHR: Wir überlegen inzwischen, nach Bad Homburg zu ziehen, weil uns das hier zu unsicher geworden ist. Bei uns ist in den letzten Jahren drei Mal eingebrochen worden, obwohl wir eine massive vierbeinige Alarmanlage haben.

Ist es in Neu-Anspach wirklich schlimmer als in Bad Homburg?

BEHR: Ja. Ich erinnere an den Vorfall zwischen den Jahren, den ich seitdem als „Freies Jagen in Neu-Anspach“ bezeichne. Damals waren weite Teile der Stadt abgesperrt, es gab eine Massenschlägerei, verschiedene Gewalt-Nester, ein versuchtes Tötungsdelikt und mehrere Verletzte. Ich war als Schlichter am Bürgerhaus, traf auf zahllose Polizisten, von denen einige mit Maschinenpistolen (HK MP 5) ausgestattet waren, und schwer alkoholisierte sowie unter Drogeneinfluss stehende Jugendliche von 13 bis 16 Jahren. Einer reagierte auf einen Platzverweis eines Beamten mit den Worten „Fick dich, Du kannst mir gar nichts“. Ich erlebe natürlich in meinem Job ständig massive Fälle, aber vor allem in solchen Momenten frage ich mich, was ich hier eigentlich noch mache. So etwas passiert in Bad Homburg nicht.

Und warum nicht?

BEHR: Dort gibt es eine höhere Polizeidichte, mehr Kontrollen und eine gelebte Jugend- und Sozialarbeit. Gerade letztere haben wir hier nicht, und genau das war die Ursache für diese Vorfälle. Wir haben derzeit noch nicht einmal einen Streetworker, nachdem Firat Öztürk die Stadt verlassen hat und jetzt in Bad Homburg arbeitet. Wäre er am 27. Dezember hier gewesen, wäre das nicht passiert.

Was brauchen wir in Neu-Anspach?

BEHR: Wir müssen das Jugendhaus zu einem Platz machen, an dem sich junge Leute gerne treffen. Ein Ort, an dem sie auch mal Alkohol trinken oder einen Joint rauchen können – natürlich unter Aufsicht von Leuten, die das auch einmal thematisieren. Hier müssten zwei Streetworker mit einem Team sitzen. Wenn wir eine solche Institution hätten, würden wir ganz viel an Beschaffungskriminalität verhindern. Wir könnten so nämlich dafür sorgen, dass nicht mehr so viele in die Abhängigkeit abgleiten.

Solche Vorfälle passieren aber nicht nur in Neu-Anspach, sondern beispielsweise auch in Wehrheim – wie an Fasching, als dort mehrere Straftaten am Bürgerhaus verübt wurden . . .

BEHR: Das Phänomen ist natürlich nicht nur auf Neu-Anspach beschränkt. Auch die Tätergruppen rekrutieren sich aus mehreren Orten. Und es kommt vor, dass Leute aus Usingen an die Anspacher Schule kommen, um Jugendliche zunächst zum Drogenkonsum und später zur Durchführung von Einbrüchen zu animieren.

Was kann die Politik tun?

BEHR: Zunächst: Die Institutionen Schule und Polizei dürfen nicht immer sagen, dass sie alles im Griff haben. Sie müssen die Probleme offen ansprechen. Vielleicht müssen die Verantwortlichen der Institutionen auch mal die Leute vor Ort fragen. Wenn wir die Kripo in Bad Homburg nicht hätten, dann hätten wir hier viel mehr Probleme. Die benötigt aber mehr Leute. Wir brauchen einen starken repressiven Ansatz, also mehr Polizeipräsenz und auch mehr Beamte in Usingen. Außerdem müssen wir die präventive Seite stärken und mindestens zwei Streetworker einstellen, die Vollzeit arbeiten und aufsuchende Sozialarbeit betreiben. Das kann die Politik tun, und dann hätten wir weniger Probleme.

Hat das Alkoholverbot vor dem Bürgerhaus etwas gebracht?

BEHR: Das war nicht verkehrt, denn es hat die Szene verlagert und ein Problembewusstsein geschaffen – auch bei den Adressaten.

Was halten Sie von einer Videoüberwachung am Feldbergcenter?

BEHR: Darüber sollten wir auch einmal nachdenken, denn das würde die Täter davon abhalten, ihre Geschäfte dort zu erledigen, und es würde die Beweisführung erleichtern. Die rechtlichen Probleme einer Überwachung lassen sich durchaus lösen. Man kann mich gerne fragen, wie das zu organisieren ist. In den Innenstädten hängen heute überall Kameras – und Schilder, die darauf hinweisen.

Sie haben jetzt dafür gesorgt, dass auch ich mich in der Stadt künftig unsicherer fühle . . .

BEHR: Sicher sehe ich auf Grund meines Berufes vieles schwarz, und natürlich herrschen in Neu-Anspach nicht Chaos und Anarchie, aber es gibt Umstände, wo keine staatliche Kontrolle da ist und die Jugendlichen tun, was sie wollen. Und das müssen alle endlich einmal wahrhaben wollen. Es geht schließlich um unsere Kinder, unser Eigentum und um unser aller Wohl und Wehe.

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