1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Usingen

Wie sich die Polizei im Taunus gegen den Terror wappnet

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Alexander Schneider

Kommentare

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt ein Terroranschlag verübt wird. Die Einschläge kommen näher. Wie sicher lebt es sich in der direkten Nachbarschaft – oder bei Festen wie der Kerb? Die TZ suchte nach Antworten und fand sie: nicht sicherer als anderswo.

Als am 11. September 2001 Terroristen zwei Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, hielt die Welt tagelang den Atem an, bis sie verstand, was da gerade in New York passiert war, so unvorstellbar war es. Und auch als am 14. Juli 2016 in Nizza ein Lkw mit einem Terroristen am Steuer 86 Menschen in den Tod riss, hätte niemand gedacht, dass so etwas je passieren könnte.

Paris, München, Ansbach, ein Regionalzug bei Würzburg – der Terror kommt näher. Und seine Qualität hat sich geändert, weg von symbolbesetzten Objekten, hin zu Orten, an denen man sich so etwas vielleicht noch weniger vorstellen kann, als 2001. Gerade das macht die Lage zu einer kaum kontrollierbaren, weil nicht vorhersehbaren Gefährdungssituation.

Verbrechen lassen sich selten voraussagen. Vorhersehbar besonders gefährliche Plätze gibt es daher ebenso wenig wie besonders sichere. Wie sicher lebt es sich also im Hochtaunuskreis? „Auch nicht sicherer als in anderen Landkreisen, aber auch nicht unsicherer“, sagt Antje van der Heide, Kriminaldirektorin bei der Polizeidirektion Hochtaunus, Chefin von knapp 300 Polizisten im Landkreis.

Die TZ hat mit Antje van der Heide und Polizeipressesprecher Michael Greulich gesprochen, um herauszufinden, wie die lokalen Behörden auf einen Terroranschlag vorbereitet sind.

„So weit es geht, sind wir natürlich vorbereitet, seit dem 11. September ist die Polizei mit dieser Thematik befasst“, sagt Antje van der Heide. In Sorge ist sie dennoch, „nicht vor dem was wir wissen, sondern vor dem, was wir nicht wissen“. Dazu gehöre die Intention der Terroristen, der Gesellschaft ihre Ohnmacht zu demonstrieren, indem sie sie dort zu treffen versuchten, wo niemand damit rechnet.

Wie verletzlich die Gesellschaft sei, habe sich 2015 beim Radrennen am 1. Mai in Oberursel gezeigt: „Wenn die Kassiererin im Supermarkt nicht aufgepasst hätte – wer weiß, was passiert wäre“, sagt die Polizeichefin.

Seriöse Hinweise

Die Bevölkerung sei heute sensibilisierter als noch vor ein paar Jahren. Verängstigte oder gar panische Züge habe das aber nicht. Die Hinweise seien in aller Regel sehr seriös. Der sensible Umgang damit sei für die Polizei oberstes Gebot. Natürlich lebten auch im Hochtaunus Menschen, von denen man zunächst nicht wisse, ob und in wie weit sie radikalisiert seien. Intensive und verdeckte Recherchen über familiäre Hintergründe einerseits und gezielte Informationspolitik andererseits führten aber zu wichtigen Erkenntnissen, „ob sich etwas zusammenbraut“, sagt van der Heide.

Alarmpläne

Längst gibt es Alarmpläne für alle denkbaren Szenarien. Evakuierungspläne liegen ebenso in den Schubladen wie Pläne über den Nahrungs- oder Medikamentennachschub, über Klinikkapazitäten, ja sogar über Lagerflächen für getötete Terroropfer.

Organigramme, die festlegen, wer wann wie von wem informiert wird, sind an allen relevanten Stellen hinterlegt. Relevant heißt hier: Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Katastrophenschutz. Sollte es zu einem Anschlag kommen, werden unverzüglich Landes- und Bundeskriminalamt sowie die Generalstaatsanwaltschaft informiert.

„Im Notfall weiß jeder Führungsstab genau, was zu tun ist“, sagt van der Heide. Die Ausstattung der Polizeistationen wurde den sich wandelnden Anforderungen angepasst. Längst liegt auf den Dienststellen Spezialschutzkleidung, zu der auch schussfeste Helme gehören, in ausreichender Menge bereit.

13 800 Polizisten gibt es in Hessen. Bis 2020 sollen 1100 Beamte neu eingestellt sein. Van der Heide hofft, „dass wir auch Verstärkung bekommen“.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt werden denkbare Szenarien innerhalb des Polizeipräsidiums Westhessen an der Polizeiakademie in Wiesbaden, in leerstehenden Schulen, Fabriken und Häusern trainiert, „Pflichtprogramm für alle Kollegen“, so van der Heide. Eine kreisweite Großübung sei für Frühjahr 2017 geplant.

Mit dem Lkw-Anschlag von Nizza hat zwar niemand gerechnet. Gleichwohl wurden Lehren daraus gezogen, auch im Hochtaunus: Beim Bad Homburger Laternenfest kamen erstmals wassergefüllte, Lkw-stoppende Tanks an den Zufahrten zur Festmeile zum Einsatz.

Starke Präsenz

Ein stärkeres Gefühl der Sicherheit verschaffe Festbesuchern auch die deutlich erhöhte Polizeipräsenz. „Die Reaktion der Bevölkerung ist positiv, sie fühlen sich beschützt, nicht kontrolliert“, sagt Michael Greulich.

Als Pressesprecher ist er praktisch Bindeglied zwischen Polizei und Bürger. Wie wichtig es sei, Menschen, die sich urplötzlich mit einem Terroranschlag konfrontiert sehen, in ihren Befindlichkeiten, auch ihrer Angst, ernst zu nehmen, habe sich nach dem Anschlag von München gezeigt.

Greulichs Kollege Marcus da Gloria Martins hatte sich dabei die sozialen Medien zunutze gemacht. „Die Öffentlichkeit zeitnah informieren, sie so zu beruhigen, aber nicht ruhig zu stellen, ist inzwischen auch unsere Linie. Facebook und Twitter gehören längst zu unserem Handwerkszeug“, so Greulich.

Auch interessant

Kommentare