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Die CWS-Geschichtslehrerin Dr. Mirjam Andres (rechts) hatte mit Schülern in einer AG Leben, Schicksal, Vertreibung und Ermordung der in Usingen lebenden Juden während des Dritten Reiches erarbeitet. Zur Verlegung der Stolpersteine begrüßte sie auch Angehörige ehemaliger Usinger Juden.

Zweite Stolperstein-Verlegung in Usinge

„Es sind keine namenlosen Schicksale“

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In der Obergasse, der Zitzergasse und der Pfarrgasse erinnern seit gestern zwölf weitere Stolpersteine an die Schicksale, den Lebensweg und die Verfolgung ehemaliger jüdischer Bürger in Usingen. Nachfahren von Liselotte Rosenberg kamen zur Verlegung in die einstige Heimatstadt ihrer Mutter.

Dass enorm viel Staub aufgewirbelt wurde, liegt in der Natur der Sache. Das war bei der Verlegung der Stolpersteine gestern Vormittag aber nicht sinnbildlich zu verstehen. Der Künstler Gunter Demnig musste vielmehr mit einer Flex den jeweils benötigten Platz aus dem Gehweg-Asphalt heraus trennen. Dennoch löst die von CWS-Geschichtslehrerin Dr. Mirjam Andres, dem ehemaligen KLS-Lehrer Hannes Schiller sowie Birgit Hahn (Stolperstein-AG) und Pfarrerin Gundula Guist initiierte Aktion immer noch in der Bevölkerung unterschiedliche Reaktionen aus.

Manch einer würde liebend gerne den (verstaubten und verdreckten) Mantel der Geschichte über den Ereignissen in der einstigen Kreisstadt Usingen während des Dritten Reiches lassen. Bei der Verlegung der Pflastersteine in der Innenstadt und der Beschäftigung von Schülern mit der Judenverfolgung in Usingen in den Jahren der Nazi-Schreckensherrschaft könnten schließlich Usinger Familiennamen ins Spiel kommen . . .

Die vom Arbeitskreis Stolpersteine organisierte Pflasterstein-Verlegung verfolgte aber keinesfalls die Absicht, Schuldige an der Judenverfolgung in Usingen auszumachen. Vielmehr wollten rund 80 Schüler und Bürger der geflohenen, verschleppten oder ermordeten Juden, die einst in Usingen gelebt hatten, gedenken.

„Das sind keine namenlose Schicksale, das waren Usinger Bürger, die vor rund 80 Jahren von anderen Usinger Bürgern verfolgt wurden“, sagten die sieben CWS-Schüler, die sich in den zurückliegenden Wochen gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin nach dem Unterricht freiwillig in die Ereignisse der damaligen Zeit eingearbeitet hatten.

Grundlegend für ihre Recherchen war dabei das Buch „Die Usinger Juden“ vom ehemaligen CWS-Geschichtslehrer Stephan Kolb. An allen vier Orten (Obergasse 11 und 13, Zitzergasse 4 sowie Pfarrgasse 1), an denen die Pflastersteine aus Messing verlegt wurden, gedachten die Versammelten den Verfolgten.

Der Westerfelder Musiker Wolfgang Diehl spielte jeweils einfühlsame Gitarrenstücke und lud die versammelten Bürger ein, in das bekannte israelische Volkslied Hevenu Shalom Alechem mit einzustimmen. Es drückt die Sehnsucht nach Frieden aus, den das jüdische Volk seit Jahrtausenden nicht hat. In dem Liedtext ist die Rede von Frieden für alle, was zum Schluss verstärkt wird durch „Frieden für die ganze Welt“.

„Wir gedenken heute zwölf ehemaliger Usinger Bürger jüdischer Herkunft, die aus ihrer Heimatstadt flohen“, sagte Dr. Mirjam Andres.

„Das Ungewöhnliche ist, dass nur einer von ihnen im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Die anderen Elf haben im Ausland überlebt. Wir freuen uns, dass Nachfahren von Liselotte Rosenberg heute bei uns zu Gast sind und bei der Verlegung der Stolpersteine mit dabei sind.“ Birgit Hahn von der Stolperstein-AG legte abschließend an allen vier Orten weiße Rosen nieder.

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