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Jeder der kleinen Grabsteine auf dem Usinger Soldatenfriedhof hat eine Geschichte, die als Mahnung gegen Krieg und Gewalt dient. Doch das Wissen um das Schicksal der dort bestatteten Männer und Frauen schwindet.

Geschichte

Soldatenfriedhof in Usingen: Durch das Schicksal im Tod vereint

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Von Hecken abgeschirmt, von den heutigen Usingern kaum wahrgenommen, liegen in einem Bereich des Usinger Friedhofs Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Was abstrakt und längst vergessen scheint, wird bei einem Gang durch das Gräberfeld mit Heinz Hungerbühler konkret. Er war damals bei vielen Beerdigungen dabei.

Ruth war 10 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. An ihrem 16. Geburtstag im März 1945 ist das Kriegsende absehbar – die Amerikaner sind wenige Tage zuvor bei Remagen über den Rhein gelangt. Drei Wochen später ist Ruth tot. Sie stirbt am 31. März 1945, dem Tag, an dem Usingen von der Nazi-Herrschaft befreit wird. Ruth findet ihre letzte Ruhestätte auf dem Usinger „Soldatenfriedhof“ – zusammen mit rund 90 weiteren Menschen, die höchst unterschiedliche Leben führten, aber bis heute durch den Krieg auf dem rund 500 Quadratmeter großen Areal des Usinger Friedhofs vereint sind.

„Ruth war in der Volksschule meine Klassenkameradin, wir sind ein Jahrgang“, erinnert sich Heinz Hungerbühler nachdenklich, als er mit mir bei Sonnenuntergang auf dem Soldatenfriedhof unterwegs ist. Er kennt Ruths Geschichte, auch das letzte Kapitel. „Die Amerikaner hatten an dem Tag einen Parlamentär mit weißer Flagge zu den Deutschen geschickt, um über die Übergabe der Stadt zu verhandeln. Da war für eine halbe Stunde Feuerpause“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Doch die Deutschen lehnten ab, die Kämpfe gingen weiter. „Ruth dachte, der Krieg sei aus. Sie wollte auf die Straße, wurde aber noch auf der Treppe ihres Elternhauses von einem Panzergeschoss getroffen – sie war sofort tot . . .“

Ein Blick auf die kleinen, in Reihe aufgestellten quadratischen Grabsteine zeigt: Am 31. März 1945 sind in Usingen viele Menschen gestorben. Doch auch in den Jahren zuvor hatte sich der Soldatenfriedhof stetig gefüllt.

 

Zum Singen eingeteilt

Hungerbühler, der damals das Usinger Gymnasium besuchte, war meist dabei, wenn eine Beerdigung anstand. „Wir waren zum Singen eingeteilt“, erzählt er. So hat er auch viel über die Schicksale der Toten mitbekommen.

„Das sind meist Zivilisten“, erklärt er und deutet auf die ältesten Gräber, die in Richtung Trauerhalle liegen. Ein Oberfeldwebel, gestorben am 10. Mai 1940, war der erste Tote, der hier bestattet wurde.

Jeder, der in Usingen an einer Bestattung mit Trauerfeier teilnimmt, kann den Soldatenfriedhof sehen, wenn er aus dem Tor der Halle tritt. In dieser Richtung ist das Gräberfeld offen, die übrigen drei Seiten sind von dichten und hohen Hecken umgeben.

Piloten vom Flugplatz

Viele der Toten seien Piloten aus Usingen, die auf dem Flugplatz Merzhausen stationiert waren. „Wenn sie abgeschossen wurden oder abgestürzt sind, wurden ihre Leichen hierher gebracht – auch aus Straßburg oder Belgien.“ Es sei wichtig gewesen, die Toten in der Heimat zu bestatten. Und so erklärt es sich auch, dass mitten im Taunus eine Marinehelferin ihre letzte Ruhe fand. „Die kam auch aus Usingen und war in einem Hafen in Norddeutschland stationiert, wo sie bei einer Bombardierung starb.“

Besonders in Erinnerung blieb dem 89-Jährigen eine bestimmte Bestattung. Während der Beisetzung war in Merzhausen ein Flieger zu einem Überführungsflug nach Wiesbaden oder Mainz gestartet und über Kransberg steil runtergegangen. „Da habe ich zu meinem Klassenkameraden nur gesagt: ,Morgen singen wir wieder . . .‘ “ Doch der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten.

Ein besonders blutiger Tage war der Heiligabend 1944, als der Flugplatz Merzhausen bei einem Angriff fast vollkommen zerstört wurde. Hungerbühler deutet auf einen bestimmten Grabstein. „Das war der Büroleiter des Flugplatzes. Der hatte bei Luftalarm sein persönliches Erdloch, wenige Meter vom Schreibtisch entfernt.“ Auch er starb an Heiligabend 1944. „Der war fast zehn Jahre hier am Flugplatz und sollte kurz vorher an die Ostfront versetzt werden. „Aber der Standortkommandant setzte sich für ihn ein. Er sei doch schon alt und leiste hier seit Jahren gute Arbeit . . .“

Unter den mittlerweile großen Eichen finden sich auf den Steinen viele Abkürzungen und Dienstgrade: LTD (Leutnant), OFW (Oberfeldwebel), Schütze oder Kanonier – der einfache Soldat liegt neben dem Offizier, der Offizier neben dem Zivilist.

Und es gibt Steine, die mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. So haben auch ein SS-Rottenführer und ein SS-Pionier in Usingen ihre letzte Ruhe gefunden. „Die SS-Einheit war kurz vor Kriegsende auf dem Durchzug nach Osten und hat sich hier noch Gefechte mit den Amerikanern geliefert. Bei Pfaffenwiesbach sind sie dann über den Taunuskamm und über die Autobahn. Viel weiter sind sie aber nicht gekommen“, hat Hungerbühler herausgefunden.

Auch 73 Jahre nach Kriegsende ist nicht von jedem Toten die Identität bekannt – auf einigen Grabsteinen steht über dem Todesdatum schlicht „Unbekannter Soldat“.

Und auch wenn Kriegsgräber für die Ewigkeit bestimmt sind – die normalen Ruhezeitenregeln greifen dort nicht –, sind über die Jahre Lücken in den einst geschlossenen Reihen entstanden. „Einige Familien haben sich nach dem Krieg entschieden, die Verstorbenen umbetten zu lassen“, weiß Hungerbühler. Andere haben sich bewusst dagegen entschieden. „Eine Familie aus Höchst kam regelmäßig her, da habe ich sie einfach mal gefragt, ob sie ihren Verwandten nicht auch umbetten wollen“, erzählt Hungerbühler. „Aber sie haben es nicht gewollt, hier in Usingen, sagten sie, sei er bei seinen Kameraden.“

Es gab auch weit nach dem Krieg noch Bestattungen – mancherorts sind die Grabsteine besonders dicht gesetzt, die Familiennamen sind identisch. Hier wurden, Jahre nach dem Krieg, Ehepaare miteinander vereint. Andere traten den letzten Weg gemeinsam an. Wie Helmuth und Thea Kossler, die beide am 14. Oktober 1944 ums Leben kamen.

Heute ist der Soldatenfriedhof ein Relikt aus einer zum Glück längst vergangenen Zeit. Die Wurzeln der Bäume und Hecken haben die Steinplatten angehoben, und auch die einst ebene Fläche ist wellig geworden, weil die Särge längst verrottet, die Gräber eingefallen sind.

Mahnung für die Zukunft

Als wir den Soldatenfriedhof verlassen, herrscht dort bis auf den Schein des zur Taschenlampe umfunktionierte Smartphones absolute Dunkelheit. Kein Grablicht leuchtet in diesem Bereich des Friedhofs.

Gedacht wird der Opfer von Krieg und Gewalt, unabhängig davon, ob sie wie Ruth nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder durch ihre Befehle oder ihr Handeln (Mit-)Schuld am Tod anderer Menschen hatten, am Sonntag, 18. November, dem Volkstrauertag.

Was einst als Ehrung der Gefallenen gedacht war, ist über die Jahre zur Erinnerung an die Gräuel geworden, die jeder Krieg unweigerlich mit sich bringt – und zur Mahnung, dass nirgendwo neue Friedhöfe dieser Art entstehen dürfen.

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