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Beim ?Ich-bin-Ich-Projekt? nahm auch Schulleiter Michael Rosenstock teil und versank in einer Plastikfolie. Dieses Projekt soll an der Neu-Anspacher Schule Werte vermitteln.

Ethik

Sollte es einen Wertekunde-Unterricht für Flüchtlingskinder geben?

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Kinder von Flüchtlingen sollen für eine bessere Integration in Wertekunde unterrichtet werden. Das zumindest fordern Unionspolitiker in Deutschland. An den Schulen im Hochtaunus hat man dazu eine ganz eigene Meinung.

Wo, wenn nicht an den Schulen werden Werte vermittelt. Es sind doch neben den Eltern die Lehrer, die den Kindern Tugenden mit auf deren künftigen Lebensweg geben.

Die Unionsfraktionen von Bund und Ländern fordern derzeit eine Wertevermittlung ein, eigentlich nur für Kinder von Flüchtlingen. Spitzenpolitiker der Union, darunter auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), sprachen sich zuletzt für einen deutschlandweiten Unterricht in Wertekunde und die Einführung von „Rechtsstaatsklassen“ für Kinder von Flüchtlingen aus.

Sprach- und Wertevermittlung sollten der Regelschule „vorgeschaltet“ werden, hieß es dazu. Dies sei unabdingbare Voraussetzung für eine gelingende Integration. „Ziel dieses Unterrichts soll sein, dass Flüchtlinge sich in unserem Werte-/Rechtsstaatssystem besser zurechtfinden können und ihnen gleichzeitig die Grenzen und Verpflichtungen unseres Rechtsstaates vermittelt werden.“

In dem Unterricht solle es beispielsweise um die Rolle von Polizei und Staatsanwaltschaft oder um die Gleichberechtigung von Mann und Frau gehen. Konstitutionelle Normen des Grundgesetzes wie die Achtung der Menschenwürde, die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Gewährleistung der Presse- und Meinungsfreiheit, das Gewaltmonopol des Staates und die Gleichberechtigung von Mann und Frau „stehen als unverzichtbare Werte über kulturell oder religiös abweichenden Auffassungen“.

Klingt kompliziert? Ja und nein. Denn irgendwie verändert sich doch das Weltbild pausenlos. Und mit ihm eben auch die Wertvorstellung. Ist es deshalb normal, dass Werte wie Ehre und Sitte in der modernen Zeit wegbrechen? Kann die Schule da überhaupt eine Orientierung, vor allem für Flüchtlingskinder, geben? Und es stellt sich die Frage, warum nur Flüchtlingskinder? Es ist doch für jeden wertvoll, auch für deutsche Schüler, sich von Werten leiten zu lassen.

Auf keinen Fall sollte der Ruf nach Werten zu einer Tugenddebatte werden, mit der die ältere Generation die jüngere unter Druck setzt. Wie kann sie also an unseren Schulen umgesetzt werden? Die Taunus Zeitung hat sich exemplarisch an einigen Schulen umgehört.

„Ich finde, dass gerade mit der Einführung von Ethik an vielen Grundschulen in Hessen die Werteerziehung eine Aufwertung erfährt“, sagt Jan Drumla, der Schulleiter der Grundschule Wiesbachschule in Grävenwiesbach.

Hans-Konrad Sohn, der stellvertretende Schulleiter der Christian-Wirth-Schule (CWS) betont, dass Werte im Leitbild an seiner Schule einen zentralen Platz einnehmen. Denn Werte sind dort wichtig. „Wir sehen unsere Ideen, Handlungen und Entscheidungen immer auch im Kontext eines gemeinsamen Wertesystems“, heißt es. An der CWS werde ein Wertebewusstsein vermittelt. Wertfragen spielten in den Curricula und im Unterricht eine angemessene Rolle.

Kollegium und Eltern nehmen ihre Vorbildfunktion bewusst wahr, sagt der stellvertretende Schulleiter. „Die Vermittlung von Werten beschränkt sich in der CWS nicht auf bestimmte Fächer im Zusammenhang mit bestimmten Unterrichtsthemen, sondern soll sich eher wie ein roter Faden durch unsere gesamte Erziehungsarbeit und unser gesamtes Miteinander ziehen“, erklärt Hans-Konrad Sohn. Jochen Henkel als Leiter des Taunusgymnasiums ist bewusst, dass alle Bemühungen, Werte zu vermitteln, lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

Die Schulgemeinschaft könne nur durch Vorleben etwas erreichen, sagt er. „In einer freundlichen, offenen und kooperativen Atmosphäre treten wir den Schülern respektvoll gegenüber und erwarten das auch von ihnen.“ Die Lehrer würden nicht bestimmen. Die Schüler dürften die eigene Meinung vertreten.

Allerdings, so betont Jochen Henkel, müssten die Schüler dabei Regeln beachten. Und genau die leben die Pädagogen vor. „Das ist aber nur ein kleiner Beitrag zum Thema Werte vermitteln, den wir leisten können“, sagt Jochen Henkel. Von der Adolf-Reichwein-Schule (ARS) berichtete Schulleiter Michael Rosenstock, dass das hessische Schulgesetz es doch vorgebe, den Bildungsauftrag nicht alleine mit Wissen, sondern auch mit Werten zu füllen. In der ARS werde ein großer Bereich an Verantwortung, wie beispielsweise der Buslotsen- oder der Sanitätsdienst, den Schülern übertragen.

Alle diese Projekte, auch die Präventionsarbeit mit Namen „Ich bin ich“ stärken das Selbstbewusstsein und beflügeln damit die Schüler, Werte zu achten, sagt Michael Rosenstock. „Dabei machen wir keinen Unterschied zwischen den Schülern“, sagt er. Obwohl er eingesteht, dass Schüler aus anderen Kulturen erst mal erkennen lernen müssen, was unsere Werte überhaupt seien.

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