Sorge um Spielsüchtige

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Üblicherweise regt sich bei missliebigen Projekten Bürgers Widerstand, bevor die Bagger rollen. In Riedelbach ist das anders: Erst Baubeginn fürs Casino und dann die Petition mit dem Tenor „Ganz Riedelbach ist dagegen“.

Der Ortsbeirat Riedelbach hat sich bereits im Jahr 2012 gegen das Casino in den ehemaligen Mania-Pavillons ausgesprochen. Damals hieß es, dort sollten statt Spielautomaten Dienstleistungsbetriebe einziehen, „in denen einige Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen und nicht viele Menschen ihr Geld und oftmals ihre Existenzgrundlage verlieren“. Genutzt hat’s nichts, der Ruf verhallte mangels Nachdruck und Zuständigkeit ungehört. Was der Ortsbeirat unerhört findet: Der Insolvenzverwalter hat, ohne dass die Gemeinde Weilrod oder sonst wer etwas dagegen hätte tun können, zwei Pavillons an den Bad Homburger Casinobetreiber Christoph Schwarzer verkauft. Der Ortsbeirat fühlt sich in seinem Protest übergangen und hat ihn deshalb, wohlwissend, dass bereits mit dem Umbau begonnen wurde und nichts mehr zu machen ist, in seiner Sitzung am Mittwoch noch einmal erneuert, in teils scharfem Ton.

Ortsvorsteher Arno Hahn (SPD) fragt insbesondere die Gemeinde, warum ihr die erwarteten Einnahmen aus der Spielapparatesteuer wichtiger seien als die Bürgerinteressen, und warum sie die „mit dem Spielbetrieb geförderte Spielsucht-Problematik ignoriert und zahlreiche familiäre Tragödien nicht zur Kenntnis nimmt“. Er meint, dass bei Entscheidungen von solcher Tragweite der Ortsbeirat hätte angehört werden müssen. Immerhin seien in Deutschland 200 000 Menschen spielsüchtig, die meisten „zocken an Automaten“, so Hahn. Die Geräte besäßen das größte Suchtpotenzial: „Wenn der Staat trotzdem nicht regulierend eingreift, dann nur, weil es ein Milliardengeschäft ist.“

Die Sorge Hahns geht noch weiter: „Viele Spielsüchtige werden zur Finanzierung ihrer Sucht kriminell, arbeitslos, brauchen psychologische Hilfe.“ Nicht selten verzockten sie ihr gesamtes Vermögen. Im Schnitt hätten Spielsüchtige 25 000 Euro Schulden. Hahn diktierte dem Ortsbeirat ferner in die Petition, dass Spielsucht im Casino Mappesmühle nebenan „verharmlost“ werde. Man weise darauf hin, dass jeder Spielautomat wegen des Spielerschutzes nach 55 Spielminuten für fünf Minuten abschalte.

Weiter in Hahns Text: Eine ablehnende Grundhaltung dem Spielbetrieb gegenüber hätte der Gemeinde mehr Ansehen verschaffen können, stattdessen aber würden einer, so wörtlich, „Kasinokrake“ noch mehr Einkünfte beschert.

Der Ortsbeirat nahm die von Hahn vorformulierte, von Entrüstung, Verärgerung und Fürsorge gegenüber künftigen Spielern getragene Resolution einstimmig an und will sie als das Votum „aller Riedelbacher“ verstanden wissen. Der Ortsbeirat fühlt sich dazu moralisch legitimiert, schließlich, so Hahn, „sind wir von den Riedelbachern gewählt“.

Die stellvertretende Ortsvorsteherin Claudia Mohr-Messinger (FWG) ist über das Casino ebenfalls „nicht erfreut“, hielt dem Ortsbeirat aber vor, beim Gemeindevorstand nicht rechtzeitig einen Antrag auf Ablehnung gestellt zu haben, um so der Haltung des Ortsbeirates mehr Gewicht zu verleihen. Jetzt liege „das Kind im Brunnen“.

HFA-Chef Otfried Mohr (FWG) erinnerte daran, dass die Gemeinde seinerzeit bei der Einführung der Spielapparatesteuer diese so hoch angesetzt habe, damit es für Casinobetreiber „uninteressant“ wird. Das sei wohl nicht gelungen. Wilfried Butz im Publikum meinte, solche Casinos brächten „nur Unglück“.

Andrea Hagen (SPD) war zwar grundsätzlich auch bei ihrem Parteifreund Hahn, erklärte aber auch, dass rechtlich kein Raum für eine Versagung der Lizenz an Schwarzer gewesen sei. Spielstättenlizenzen seien nur dann zu verweigern, wenn der Betreiber strafrechtlich unzuverlässig sei. Hier sei das jedoch nicht der Fall. Auch betonte Hagen, dass in ordnungsgemäß geführten Spielstätten der Jugendschutz durch konsequente Ausweiskontrollern gewahrt sei.

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